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Boulderer Jan Hojer: "Mit reiner Kraft kommt man nicht weit"

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Boulderer huschen wie Spinnen riesige Felsblöcke hinauf. Der 22-jährige Weltcup-Sieger Jan Hojer erzählt im Interview, warum er Schwierigkeiten bei der Einreise in die USA hat - und warum Größe beim Klettern ein Nachteil ist.

Boulderer Jan Hojer: Die Kunst, einen Felsblock zu erklettern Fotos
Rainer Eder / Mammut

Zur Person
  • Rainer Eder / Mammut
    Jan Hojer, 22, aus Köln ist Sport- und Wettkampfkletterer und seit drei Jahren aufs Bouldern spezialisiert. 2014 hat er den Gesamtweltcup im Bouldern und die Deutsche Meisterschaft gewonnen.
SPIEGEL ONLINE: Bouldern strapaziert die Hände sehr. Haben Sie noch einen Fingerabdruck?

Hojer: Als ich nach einem Wettkampf in die USA einreisen wollte, war das tatsächlich schwierig. Ich musste dann mehrmals die üblichen drei Finger versuchen, bis die Grenzbeamten entschieden, dass der Daumenabdruck auch ausreichen würde. Der Daumen funktioniert meistens.

SPIEGEL ONLINE: Es soll noch Menschen geben, die nicht wissen, was Bouldern ist.

Hojer: Als Kletterer kann man sich das gar nicht vorstellen. Denn in vielen deutschen Städten gibt es neben den Boulder-Bereichen in Kletterhallen seit ein paar Jahren sogar reine Boulderhallen, in München sogar mehrere. In manchen Hallen trainieren 500, 600 Boulderer am Tag.

SPIEGEL ONLINE: Erklären Sie Bouldern doch bitte noch mal kurz.

Hojer: Bouldern ist Klettern auf Absprunghöhe, gesichert wird man durch Bodenmatten, auf die man im Zweifel fällt. Dabei geht es im Wesentlichen darum, die Schwierigkeiten des Sportkletterns auf wenige Züge zu komprimieren. Bouldern ist aber viel verspielter, abwechslungsreicher und kreativer.

SPIEGEL ONLINE: Ist Bouldern eher eine Kopf- oder Kraftsache?

Hojer: Beides, mit reiner Kraft kommt man nicht weit. Auch sind Fähigkeiten wie Balance, Geschicklichkeit und Beweglichkeit wichtig. Bei Wettkämpfen sind viele athletische Elemente eingebaut, wie man sie vielleicht aus dem Parcours kennt: Sprünge und Flugphasen, bei denen man die Wand nicht mehr berührt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird man ein guter Boulderer?

Hojer: Wer früher geturnt hat oder die Voraussetzungen dazu mitbringt, kann auch guter Boulderer werden. Die beiden Sportarten sind am ehesten miteinander verwandt.

SPIEGEL ONLINE: Wie und wie oft trainieren Sie?

Hojer: Ich mache Ausgleichsport wie Laufen und Basketball. Das Krafttraining ist eher kletterspezifisch, dafür gehe ich nicht ins Fitnessstudio, sondern übe an Griffboards oder am Campusboard, an dem man nur den Oberkörper trainiert, weil man nur hangelt. In der Wettkampfphase gehe ich viermal die Woche für zwei Stunden in die Kletterhalle und mache zwei Stunden Ausgleichsport.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind der beste Boulderer der Welt, seit Sie im Juni Weltcup-Gesamtsieger geworden sind. Was bedeutet das für Sie?

Hojer: Der Weltcup ist sportlich die am höchsten anerkannte Leistung, weil er über zwei Monate und acht Wettbewerbe geht - daher ist der Sieg sicher mein größter sportlicher Erfolg. Im vergangenen Jahr habe ich einen der Wettbewerbe gewonnen, aber meine Ergebnisse waren noch nicht so konstant wie dieses Jahr. Diesmal habe ich viel in die Vorbereitung investiert, fünf Kilo abgenommen und täglich an der Beweglichkeit gearbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Beim Weltcup wird in der Halle an "Plastik" geklettert, künstliche Griffe werden dafür an die Wand geschraubt. Beim Felsklettern sind Sie draußen. Was ist für Sie der Unterschied?

Hojer: Beim Wettkampf weiß ich, dass ich physisch in der Lage bin, die Route zu klettern. Ich muss nur die richtige Sequenz finden - wann ich welchen Griff in welche Hand nehme, wo der Körper sein muss - und den Aufstieg innerhalb der vier, fünf Minuten Wettkampfzeit schaffen. Beim Felsklettern ist die Schwierigkeit der einzelnen Züge sehr viel höher. Bis ich manche schwere Boulder durchstiegen habe, musste ich Stunden oder sogar Tage daran trainieren.

SPIEGEL ONLINE: Mit 18 haben Sie für die berüchtigte Route "Action Directe" in der Fränkischen Schweiz neun Tage gebraucht - der Erstbegeher Wolfgang Güllich trainierte 1991 elf Tage daran. Was ist die Schwierigkeit?

Hojer: Die Fränkische Jura ist wohl das Gebiet mit den meisten Ein- und Zwei-Finger-Löchern und hat die schwersten Kletterrouten weltweit. Bei der 9a-Route ist der erste Zug extrem schwer, weil man aus einem Ein-Finger-Loch wegspringen muss. An Güllich bewundere ich den Fokus, den er auf seine Projekte gelegt hat - und er ist in Schwierigkeitsgraden geklettert, die es damals eigentlich noch nicht gab.

SPIEGEL ONLINE: Wo sind Ihre Lieblingsfelsen?

Hojer: Die Rocklands bei Kapstadt, dort war ich im vergangenen Jahr drei Wochen lang. Die Qualität des südafrikanischen Sandsteins ist sehr hoch, und es gibt unglaublich hohe überhängende Felsen. Boulderer wie der US-Amerikaner Daniel Woods haben dort Erstbegehungen gemacht. Daher war es für mich der erste Trip, bei dem ich meine Leistungen mit denen der Stars der Szene vergleichen konnte. Landschaftlich ist es auch unglaublich, Affen liefen über die Straßen, und der Campingplatz war so abgelegen, dass wir Kletterer unter uns waren.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist die Kletterszene?

Hojer: Das ist beim Klettern ein ganz wichtiger Bestandteil. Bei anderen Sportarten stehe ich letztlich immer in der Halle. Beim Bouldern reise ich schon durch die Weltcups viel herum, und im Urlaub bin ich mit Freunden an den Felsen in der Natur - das Gefühl dabei hat man wohl nur bei Outdoor-Sportarten. Allerdings reicht mir das Draußensein auch nicht, ich möchte sportliche Herausforderungen haben.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre eine Ihrer nächsten Herausforderungen?

Hojer: Ich möchte diesen Winter mehrere Boulder oder Projekte in Fontainebleau bei Paris versuchen, die bislang noch niemand durchsteigen konnte. Einer davon ist eine schwere Verlängerung zu einem bereits bestehenden 8c-Boulder. Für den habe ich vor eineinhalb Jahren fünf Tage gebraucht.

SPIEGEL ONLINE: Sie selber sind 1,87 Meter groß. Hilft die Länge beim Bouldern?

Hojer: Alle gehen davon aus, dass man als Großer Vorteile hat, weil man an die Griffe besser rankommt. Aber tatsächlich schaffen es nur wenige Große in die Weltcup-Finals, dieses Jahr war ich der Einzige über 1,80 Meter. Auch unter den Top Ten der Gesamtwertung bin ich mit Abstand der Größte. Als langer Mensch scheint es deutlich schwieriger zu sein, die nötige Kraft aufzubauen und die Körperspannung, um auf den Tritten stehen zu bleiben. Auch die Hebel sind schlechter.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie Einsteigern?

Hojer: Viele fragen sich, wie man so kräftig wird. Das ist aber die falsche Herangehensweise. Klettern lernt man, indem man einfach viel klettert. Die Profis, die jetzt erfolgreich sind, haben das schon als Kinder gemacht - je früher man anfängt, desto besser. Mit dem Routenklettern anzufangen, ist wohl am leichtesten, weil das nicht so kraftbetont wie das Bouldern ist.

Information: Die Boulder-Weltmeisterschaft 2014 findet vom 21. bis 23. August im Olympiastadion München statt.

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1.
PeterPan95 24.07.2014
Wenn Leute nicht wissen was Bouldern ist könnte es daran liegen, dass es einfach nur ein weiteres Kunstwort für "Klettern" ist. Erinnert mich irgendwie an Hobbybastler, die sich inzwischen als "Maker" bezeichnet. Selbst wenn es sich um eine abgewandelte Spielart des Sportkletterns handelt, seid doch mal kreativ und lasst euch nen deutschen Begriff einfallen. Soviel Selbstbewusstsein sollte auch ein internationaler Sport haben, nicht überall unter (d)englischem Namen aufzutreten. Wenn man sich dann allerdings noch wundert, dass Deutsche das nicht kennen/verstehen, wirds langsam absurd.
2. ?
widower+2 24.07.2014
Auch nach der Lektüre dieses quälend langen Interviews habe ich nicht die geringste Ahnung, was Bouldern ist. Es hat mit Klettern zu tun. Und?
3. wenn man nichts zu sagen hat, kann man auch...
jemand, der bouldert... 24.07.2014
...an die beiden Kritiker oberhalb. Erstens steht in diesem "quälend langen interview" (welches man nicht lesen muss, wenn man sich gequält fühlt), was Bouldern ist. Nämlich nach der Frage "Erklären Sie Bouldern doch bitte noch mal kurz."...komisch. Dazu würde es sich auch anbieten mal das Video zu schauen, in denen man sogar Bilder sieht, die einem die Sache erklären (wenn man sich mit dem Lesen so schwer tut...)...und zweitens ist der Begriff des Boulderns schon seit über 40 Jahren etabliert. Das passierte aber nicht in Deutschland. Er unterscheidet sich eigenständig in seinen Spezifikationen und Anforderungen vom Sportklettern. Deshalb hat man diesen Begriff auch im Deutschen übernommen....macht irgendwie Sinn. Man sagt ja auch Basketball und Volleyball und hat nicht angefangen, sich irgednwann mal was schönes Deutsches dafür zu überlegen. Warum auch?
4. Kommentar zu Kommentaren
cherea 24.07.2014
Vorab. Lieber SPON nehmt doch bitte nicht ein Seilkletterbild in den Header sondern ein Boulderbild, wenn noch keine horizontale Bilder vorliegen fragt doch mal bei Udini.com nach ;) @PeterPan95 die Unbekanntheit aufgrund der Bezeichnung abzuleiten ist eher absurd. Deutsches Word für bouldern pffffff. Totaler Käse, wollen Sie ein deutsches Wort für die Sportarten Kiten, Surfen oder Basketball einführen? Die deutsche Sprache geht nicht an den Bezeichnungen für Sportarten kaputt. @widower+2 darf ich zitieren: "Bouldern ist Klettern auf Absprunghöhe, gesichert wird man durch Bodenmatten, auf die man im Zweifel fällt. Dabei geht es im Wesentlichen darum, die Schwierigkeiten des Sportkletterns auf wenige Züge zu komprimieren." Genauer geht es nicht mehr.
5. begriff
peter_freiburg 24.07.2014
Zitat von PeterPan95Wenn Leute nicht wissen was Bouldern ist könnte es daran liegen, dass es einfach nur ein weiteres Kunstwort für "Klettern" ist. Erinnert mich irgendwie an Hobbybastler, die sich inzwischen als "Maker" bezeichnet. Selbst wenn es sich um eine abgewandelte Spielart des Sportkletterns handelt, seid doch mal kreativ und lasst euch nen deutschen Begriff einfallen. Soviel Selbstbewusstsein sollte auch ein internationaler Sport haben, nicht überall unter (d)englischem Namen aufzutreten. Wenn man sich dann allerdings noch wundert, dass Deutsche das nicht kennen/verstehen, wirds langsam absurd.
Seien sie doch mal offen. Man sagt ja auch Mountainbiken und nicht "Bergradfahren". Was spricht dagegen, ein Wort dafür zu finden, das international ist? Engstirnigkeit? Deutschtum? Verstehe ich nicht... Sie sagen ja auch CD-Spieler und nicht "Silberscheiben-Spieler", und Toaster statt "Brotröst-Gerät" oder? :) Oder Croissant statt Butter-Hörnchen und und und
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