Kleine Bahnfahrer-Kunde: Wer nervt denn da?

Von und

Nur selten ist man den Macken seiner Mitmenschen so ausgeliefert wie auf einer Bahnfahrt. Räumliche Enge potenziert mit der üblichen Zugverspätung beansprucht die Nerven bis kurz vor dem Zerreißen. Eine kleine Typologie der anstrengendsten Mitfahrer.

Die lieben Mitfahrer: Wer nervt, kommt ins Gepäckfach Zur Großansicht
hauckundbauer.de

Die lieben Mitfahrer: Wer nervt, kommt ins Gepäckfach

Der Steckdosenbesetzer

Kaum hat er seinen Rollkoffer in der Ablage verstaut, reißt dieser Mitfahrer schon sein Notebook aus dem Handgepäck und sucht mit vor der Brust gehaltenem Stecker nach dem Stromanschluss. Pech für ihn, sollte dieser schon durch einen Sitznachbarn vergeben sein. Hat eine Verhandlung um abwechselndes Aufladen der Hightech-Geräte keinen Erfolg, gibt er ein resigniertes Seufzen von sich à la "Für die ersten drei Stunden wird der Akku wohl halten". Mit hektischem Zweifinger-Tippen klackert er unermüdlich auf der Tastatur herum.

Bei erhöhtem Aufkommen in den Abendstunden verleiht dieser Bahnfahrer-Typ so jedem gemütlichen Großraum-Abteil ein stressiges Großraum-Büroflair. Er füllt öde Excel-Tabellen aus und stört sich nicht daran, dass sein mitlesender Sitznachbar ihn leicht an dem Briefkopf der Schriftstücke identifizieren kann. Da ist das Display der zweiten Variante des Steckdosenbesetzers meist spannender: Dieser hat einen Kopfhörer aufgesetzt und eine DVD in seinen Laptop geschoben, die immerhin für bewegte, wenn auch tonlose Bilder sorgt.

Lieblingsaccessoire: USB-Stick
Gesprächsthema: der Mangel an Steckdosen in ICE
Gegenmaßnahme: die Geschäftsleute-Variante um ein Praktikum, die DVD-Variante um einen seiner Ohrhörer bitten

Der Allesesser

Frisch gekochte Eier, Fast-Food mit Knobi-Duft, Mettbrötchen oder Chips aus der 500-Gramm-Tüte: Erbarmungslos teilt sich dieser Bahnfahrer über Futtergerüche und -geräusche mit. Hingebungsvoll breitet er den Inhalt von Tupper-Dose und Plastiktüte auf dem Großraum-Tisch aus, ohne Rücksicht auf empfindlichere Sinne denn die seinen. Erbarmungslos werden auch mitreisende Kinder vollgestopft, oft mit angegammelten Apfelschnitzen.

Wenn er sich (und gegebenenfalls seine Anhängsel) durch seine Speisen durchgeknuspert, -geraschelt und -geschmatzt hat, stopft er die Reste in den Tischmülleimer. Schon übervoll, schließt dieser sich kaum mehr, und sein Inhalt müffelt weiter vor sich hin. Wer zu diesem Zeitpunkt hofft, vor weiteren Stinkattacken sicher zu sein, wird regelmäßig gelinkt: Normalerweise hat der Allesesser einen nicht enden wollenden Vorrat an Lebensmitteln dabei und zerrt sogleich eine neue Köstlichkeit aus den Plastiktüten zu seinen Füßen.

Lieblingsaccessoire: Salz und Pfeffer
Gesprächsthema: "Oh, das hält sich auch ohne Kühlschrank so lange frisch?"
Gegenmaßnahme: immer einen Duft-Tannenbaum dabeihaben und deutlich sichtbar auf den Tisch legen

Kleines Bahn-ABC

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Die Dauerquasslerin

"Schlag ihm eine Provision von zehn Prozent vor!", "Ohne Intimrasur geht ja gar nicht!" "'Schätzelchen, das verletzt mich nun aber', hab ich gesagt; da hat er gesagt…" Die Dauerquasslerin teilt ihren Mitreisenden mehr aus ihrem Leben mit, als irgendjemand wissen will und ruft quälendes Fremdschämen hervor. Falls sie Geschäftsfrau ist, macht sie auch gerne mal einen Mitarbeiter lautstark zur Schnecke. Falls Schülerin, ist ihr Redefluss von einer Menge "Alta!" und "Ischwör!" durchsetzt.

Wenn die Nonstop-Rednerin in ein Funkloch fällt, drückt sie verzweifelt auf den Tasten ihres Telefons herum. Hat das nicht den gewünschten Erfolg, schaut sie sich panisch um, ob sonst jemand etwa noch Empfang hat, oder starrt blicklos aus dem Fenster - bis sie wieder hektisch ihr Handy bearbeitet. Beim Aussteigen gerät sie in Schwierigkeiten: Wie trägt man Koffer, Aktenkoffer beziehungsweise Handtasche und hält gleichzeitig das Handy Richtung Ohr?

Lieblingsaccessoire: eine überquellende Handtasche
Gesprächsthema: keins (weil keine Atempause) oder "Ich kenne da einen prima Therapeuten"
Gegenmaßnahme: ins Handygespräch einschalten

Die Familien-Mafia

Eine untereinander verwandte und verschwägerte Sippe, die das Großraumabteil zu ihrem Wohnzimmer macht. Mit Kopfhörern im Ohr verständigen Jugendliche sich brüllend mit Eltern und Geschwistern, lautstark kommentiert der Steppke seine Kritzeleien, und das Piepsen und Ballern aus den Spielkonsolen nagt an den Nerven der Mitfahrer. Diese - falls kinderlos - preisen innerlich umso mehr ihre momentanen Lebensverhältnisse. Denn zudem purzeln Monopoly-Häuser und Kekskrümel in die fremde Handtasche, Saft und Cola kippen über Schöße.

Wenn Spiele und Musik die Kleinen nicht mehr auf den Sitzen halten, zupfen und zerren sie an nicht verwandten Sitznachbarn, kullern und poltern durch die Gänge. Ungestört von dem Tumult, lästern die älteren Familien-Mafia-Angehörigen über Schwestern, Schwäger - und das kinderfeindliche Deutschland.

Lieblingsgepäckstück: eine Riesentasche mit Unterhaltungsmaterialien
Gesprächsthema: die grimmig guckenden Mitfahrer - wohl alles traurige Singles!
Gegenmaßnahme: Ohrstöpsel - oder einfach "Bob der Baumeister" vorlesen

Fotostrecke

4  Bilder
Cartoons aus dem Buch: Kurioses aus der Bahn
Der Querulant

Gefühlt verläuft kaum eine Bahnfahrt ohne Panne - dankbares Futter für dieses Exemplar. Es schnauft verächtlich, wenn eine Verspätung von zwei Minuten angesagt wird, und bei zehn Minuten Verzögerung schießt ihm das Blut in den Kopf. "Scheiß-Bahn" und "Da hätte ich doch lieber das Auto nehmen sollen!" sind seine häufigsten Lautäußerungen, und zunehmende Verzögerungen verfolgt er auf seiner Smartphone-Bahn-App.

Dem Schaffner, der geknickt und sich entschuldigend des Weges kommt, würgt er rein: "Auf den letzten 47 Bahnfahrten habe ich schon 1355 Minuten Lebenszeit vergeudet!" Dann beginnt er eine ermüdende Diskussion über Unfähigkeit und Entschädigungen und blickt nach Zustimmung heischend um sich. Eine Entschädigung wünschten sich aber auch die Mitfahrer, weil sie den Querulanten wegen der Verspätung noch länger ertragen müssen.

Lieblingsaccessoire: Armbanduhr
Gesprächsthema: der Trainingseffekt von Verspätungen für die innere Gelassenheit
Gegenmaßnahme: schon vor der Fahrt eine Atemmeditation auf den MP3-Player laden

Das Gruppentier

Dieses Exemplar tritt meist in Regionalzügen und in streng nach Geschlechtern getrennten Rudeln auf, die entweder ihren Fußballvereinen hinterherreisen oder ihre Damenkegelclub-Erfolge feiern. Männer wie Frauen sind dabei froh, endlich mal ohne ihren Partner unterwegs sein zu können und "lassen so richtig die Sau raus". Verbunden ist das mit reichlich Gegröle beziehungsweise Gekreische, dabei lassen sie sich weder von genervten Gesichtern ihrer Mitfahrer ("Haben Sie sich doch nicht so!"), noch von den hilflosen Protesten des Schaffners ("Sie sind aber humorlos!") irritieren. Es werden Zoten gerissen, die daheim tabu wären, und durchgängig Bier beziehungsweise "Piccolöchen" konsumiert. "Ach, was haben wir uns amüsiert", freuen sich die Gruppentiere nach ihrer Fahrt, "Gott sei Dank steigen die aus", atmen die Mitfahrer auf.

Lieblingsgepäckstück: Bierkiste beziehungsweise Sektflaschen und die praktischen Plastikkelche zum Zusammenschrauben
Gesprächsthema: die jüngste Schmach von St. Pauli, Borussia, Werder und die Affäre von Tante Chantal
Gegenmaßnahme: Mittrinken - eine Flasche oder ein Sektglas wird doch wohl noch übrig sein.

Sie vermissen Ihren Lieblingsmitfahrer oder -mitfahrerin? Dann beschreiben Sie ihn/sie uns - und schicken Ihre Mail an spon_reise@spiegel.de, Betreff: Bahn-Mitfahrer. Die lustigsten Beschreibungen veröffentlichen wir!

Weitere Varianten von Bahnpassagieren finden Sie in der langen Version dieses Kapitels aus dem Buch "Sorry, wir haben uns verfahren" von Stephan Orth und Antje Blinda, kürzlich erschienen im Ullstein-Verlag.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Aktuell
RSS
alles zum Thema Sorry, wir haben uns verfahren
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Anzeige

Fotostrecke
Reisen per Bahn: In einem Zug um die Welt
+++ LESERAUFRUF +++
Versprecher bei Durchsagen, skurrile Mitreisende, Situationskomik im Abteil - so manche Bahnfahrt sorgt bei Fahrgästen für Erheiterung. Was haben Sie auf Fahrten im In- und Ausland erlebt?
Schildern Sie uns Ihre Erfahrungen - und mailen Sie sie an spon_reise@spiegel.de, Betreff: Bahn-Anekdoten.

Eine Auswahl der Einsendungen wird bei SPIEGEL ONLINE veröffentlicht.

Fotostrecke
Zugreisen weltweit: Andere Länder, andere Schienen
Jetzt Fan werden!

Fotostrecke
Lesertipps zu Zügen weltweit: Wolkenzüge und Dschungelfahrten