Weltreisen per Bahn Erleuchtung im Indien-Express

Per Flugzeug zum Reiseziel? Kann doch jeder. Viel schöner ist es, sich langsam einer fremden Welt zu nähern: im Zug. Überfüllte Waggons, atemberaubende Enge und marode Schienen gehören einfach dazu. Hier erzählen Reisende - alle bekennende Bahnfans - von der Magie, auf Schienen unterwegs zu sein.

REUTERS

Von


Eine Reise rund um den Globus kann heute eine Sache von wenigen Tagen statt von Wochen sein - das Flugzeug und vor allem die Billigflieger haben die Welt schrumpfen lassen. Die Entfernung, die der moderne Globetrotter im Flug zurücklegt, misst sich an der Zahl der Filme, die er geschaut hat, der Zahl der Mahlzeiten, die er auf seinem Klapptischchen balanciert hat, der Zahl der Tomatensäfte, die er getrunken hat. Und dann ist er da, am Ziel der Reise. Er tritt durch die Tür des Flughafens und kann schon in eine fremde Kultur eintauchen.

Doch nicht für jeden Weltenbummler ist dieses Instant-Erlebnis die richtige Reiseform - manche sind mit Vorsatz vor allem per Eisenbahn unterwegs. "Ich liebe die langsame Annäherung an mein Ziel und dass man die Veränderungen der Vegetation, der Menschen und des Klimas erfährt", sagt Manfred Weis über seine Reisephilosophie. "Das ist Erdkunde, hautnah erlebt." Der 50-jährige Bahnfan aus Karlsruhe hält seit 25 Jahren den Guinness-Rekord der längsten Interrail-Reise, inzwischen hat er die halbe Welt auf Gleisen erkundet. So langsam, dass "die Seele mitkommt", sagt er.

Auch Christoph Kessel aus Mainz nutzt am liebsten öffentliche Verkehrsmittel und hat mit Bus, Bahn und Schiffen innerhalb eines Jahres den Globus umrundet. "Fliegen hat mit dem eigentlichen Reisen nicht mehr viel zu tun", sagt der 39-Jährige. Im Flugzeug werde man wie im Hollywood-Film von A nach B gebeamt, ohne etwas von den Ländern, die man überfliegt, mitzubekommen. "Beim Bahnfahren dagegen erlebt man bei der Ankunft keinen kulturellen Schock."

Was Slow-Travellern wie Weis und Kessel wichtig ist: Wenn sie in China, Indien oder Peru unterwegs sind, dann wollen sie dort die Menschen und ihre Kulturen kennenlernen. Sie wollen nicht nur in Bordmagazinen von Airlines oder in "Lonely Planet"-Reiseführern blättern, sondern ins Gespräch kommen, sich austauschen.

"Knockin' on Heaven's Door" im Barwagen

"Wir fahren nicht in andere Länder, um Gebäude und Monumente zu sehen, sondern Leute", sagt auch der 30-jährige Björn Felber, der mit seiner Freundin Maria Seffar nach dem Studium zu einer Weltreise aufbrach. Im Zug - und vor allem in den günstigsten Klassen - könne man die Menschen in ihrem Alltag beobachten: "Man sieht, wie sie leben, mit ihren Familien umgehen", sagt die 29-jährige Seffar. Man teile sogar eine gewisse Intimität: "Manche essen ihr selbstgekochtes Essen, manche ziehen sich nachts einen Pyjama an, putzen sich die Zähne."

Die beiden Biologen haben in den 16 Monaten ihrer Reise die Langsamkeit des Bahnfahrens für sich entdeckt und nutzten den Zug, wo es ging - von Russland und China bis Indien und Thailand. Maria Seffar mag die Annäherung an ihre Mitreisenden ohne Hektik: "Am Anfang kennt man sich nicht. Dann sitzt man lange nebeneinander und kommt langsam ins Gespräch", erzählt sie. "Die Begegnung kann sich allmählich entwickeln, es gibt kein knappes Zeitlimit."

Extrem viel Zeit hatten Seffar und Felber auf ihrer Fahrt von Moskau nach Irkutsk. "Mit der Transsibirischen Eisenbahn fährt man tagelang, die Sonne geht jeden Morgen auf der gleichen Seite auf", erzählen die beiden. Stunde um Stunde ratterten sie gen Osten und lernten dabei ihre "Russka Mama" kennen, wie sie sie heute nennen. Die 67-jährige Frau in ihrem Sechserabteil redete am ersten Tag auf Russisch auf sie ein. Keiner konnte die Sprache des anderen. Am zweiten Tag hat die Kommunikation mit Händen und Füßen plötzlich funktioniert, sie hatten ihre gemeinsame Sprache gefunden

Eine Party auf Schienen erlebte Christoph Kessel auf einer tagelangen Bahnfahrt, die ihn vom Pazifik bis zum Atlantik führte. In Kanada saß er im Via-Rail-Zug "Canadian" von Vancouver bis Halifax und vertrieb sich die Zeit im Barwagen. "Irgendjemand holte dann seine Gitarre raus, und schnell bekam das eine Lagerfeueratmosphäre", erzählt er. "Der ganze Wagen sang 'Knockin' on Heaven's Door' mit, alle kannten den vollständigen Text." Und da allein die Fahrt nach Toronto 83 Stunden dauerte, schlief Kessel erst, wenn er müde von der Party wurde.

"Verbinde dich mit der Quelle"

Umgeben von einer fremden Kultur, herausgerissen aus dem Alltag, sind Reisende oft empfänglicher für Neues - was manchmal auch ihr Leben verändert. Bei dem Biologen Björn Felber war es eine Begegnung in einem indischen Zug: Auf der Fahrt von Delhi nach Agra, in einem vollbesetzten Abteil, ergriff ein Mitte-50-jähriger, bis dahin schweigsamer Mitfahrer, plötzlich seine Hände, drehte sie nach oben und sagte: "Ich bringe dir jetzt was über Indien bei."

Umringt von rund 20 Leuten forderte der schlanke Mann in Jeans Felber auf, sich den Kopf zu reiben und dann die Augen zu schließen. "Angst und Zweifel werden beseitigt. Verbinde dich mit der Quelle", sagte er und meinte damit den höchsten Geist des Hinduismus. Der deutsche Tourist spürte einen Druck auf dem Kopf und Wärme "wie von einem Lichtstrahl". Der Inder verabschiedete sich in der Taj-Mahal-Stadt Agra. Und Felber? War von dem spirituellen Erlebnis tief berührt. Seitdem meditiert der Naturwissenschaftler täglich.

So grandios und faszinierend die Landschaften sind, die vor den Zugfenstern vorbeiziehen, so mühsam ist oft auch das Reisen in den Zügen Afrikas, Indiens und vieler Schwellenländer. Die Bürokratie ist überbordend, die Streckennetze sind marode, Züge und Technik stammen zum Teil noch aus Kolonialzeiten. Selbst an den bequemeren Waggon-Varianten wie Softseater und Foursleeper hat der Zahn der Zeit genagt.

Für Zugfahrer aus Überzeugung macht genau das den Reiz des Transportmittels aus - hilfreich sind außerdem bestimmte Charaktereigenschaften eines Reisenden: "Man muss auch mal ein paar Stunden nur Landschaft angucken können, ohne sich zu langweilen", sagt Maria Seifar, "und man darf nicht internetsüchtig sein. In Indien muss man die oft dreckigen und überfüllten Waggons ertragen können, und man darf keine Berührungsängste haben - oft quetschen sich so viele Leute wie nur möglich auf eine Bank, Armlehnen gibt es nicht."

"Zeit ist wichtiger als Geld"

"Zeit und Geduld muss man mitbringen, wenn man mit öffentlichen Verkehrsmitteln um die Welt reist", sagt Kessel. "Zeit ist viel wichtiger als Geld." Und wenn man Zeit habe, dann habe man auch die Gelassenheit, Ungewissheiten wie verspätete oder ausfallende Züge auszuhalten - was einen zu Hause schon in die Krise treiben wurde. Manfred Weis' Quintessenz aus Tausenden gefahrenen Schienenkilometern: "Nicht alles minutiös vorplanen." Damit nehme man sich die Spontaneität, auf Begegnungen zu reagieren, auch mal Einladungen anzunehmen. "Man wird auf Bahnreisen immer etwas erleben, das ist sicher." Das Wichtigste sei: den Moment zu genießen.

Einig sind sich die Vielfahrer, dass Bahnreisen langweilig werden, wenn die Züge zu modern sind. Was einen Fortschritt für die Einheimischen bedeutet und mehr Komfort für Touristen, ist oft öder für Reisende, die das Abenteuer und den Kontakt suchen. "In den Großraumabteilen mit ihren Flugzeugsitzen sind Begegnungen seltener geworden", meint Weis. "Die Hightech-Züge an Chinas Ostküste waren im Vergleich unspektakulär", sagt Maria Seffar.

Viel kommunikativer geht es nach Ansicht der Weltenbummler im Osten Europas zu. In Rumänien, Bulgarien und der Slowakei kann man das Abenteuer Bahnfahrt noch erleben. Das Bahnsystem ist noch nicht modernisiert, und man kommt leichter ins Gespräch - ein Genuss für Bahnnostalgiker.

Dies ist eine gekürzte Version eines Kapitels aus dem Buch "Sorry, wir haben uns verfahren" von Stephan Orth und Antje Blinda, kürzlich erschienen im Ullstein-Verlag.

insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Schalke 01.10.2012
1.
Ob die auf dem Waggondach und der Lok mitfahrenden Leute wohl einen Fahrschein haben? Und wenn ja, wie wird der kontrolliert? ;-)
tinosaurus 01.10.2012
2. besondere Erfahrung
Bin mal vor Jahren in Indien über Wochen mit dem Zug gereist. Auf jeden Fall eine Erfahrung der besonderen Art. Die Züge sind dermaßen übervölt, dass man schwerlich umfallen kann. In der ersten Klasse dagegen ist es oft richtig angenehm leer und ruhig. Da macht das Reisen Spaß, nur können sich das wenige leisten.
hanspropper 01.10.2012
3. Indien
Ich bin in Indien 5.500 Km mit Bus und Bahn gefahren. Ich fand es immer angenehm und als etwas besonderes. Da ich alleine gereist bin, traf ich so auch viele andere nette Touris. Trotzdem ist mir Indien zu krass, nach den 2 Monaten war ich ziemlich gestresst und fertig. Ich war eben nicht nur in Rishikesh und Agra, aber auch in den Leprakolonien und Armenvierteln. Das geht doch sehr an die Substanz. Gesehen haben sollte man es trotzdem mal. Vor allem unsere Hartz4ler.
Peter.Lublewski 01.10.2012
4. Sich geißeln
Zitat von hanspropperIch bin in Indien 5.500 Km mit Bus und Bahn gefahren. Ich fand es immer angenehm und als etwas besonderes. Da ich alleine gereist bin, traf ich so auch viele andere nette Touris. Trotzdem ist mir Indien zu krass, nach den 2 Monaten war ich ziemlich gestresst und fertig. Ich war eben nicht nur in Rishikesh und Agra, aber auch in den Leprakolonien und Armenvierteln. Das geht doch sehr an die Substanz. Gesehen haben sollte man es trotzdem mal. Vor allem unsere Hartz4ler.
Warum sollten sich Hartz4-ler (Verzeihung, dass ich diese dämliche Bezeichnung übernehme) Leprakolonien und Armenviertel ansehen? Geht's vielen von denen nicht besch.... genug? Oder soll ich einen solchen Trip als Selbstgeißlung verstehen?
andiBN 01.10.2012
5. Das lässt sich auch aufs Auto übertragen!
Die Gelassenheit, sich heute mal in einen Zug oder Bus zu setzen, ist im wahrsten Sinne des Wortes auf der "Strecke" geblieben! Immer muss alles möglichst flott und ohne viel Lauferei passieren!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.