Trip zu "Herzbrechhotels": Eine Nacht im Hotel Kummer

Von Anne Haeming

Trauer, Leiden, Angst? Unterkünfte für einen Traumurlaub heißen normalerweise anders. Conny Habbel und Franz Wenzl haben Hotels mit melancholischen Namen besucht. Ihr Fotoband "Herzbrechhotel" zeigt einen Trip jenseits der Hochglanzbroschüren.

"Herzbrechhotel": Liebe im Leiden, Zweisamkeit im Zweiffel Fotos
Conny Habbel

Stellen Sie sich vor, Sie wollen Urlaub zu zweit machen und suchen ein Hotel. Die Kriterien: Entfernung zur City, Preis, Bewertungen, Pool, Sauna, Spa. Es soll ja etwas Besonderes sein - man will sich aufgehoben fühlen, dem Alltag entrückt, der Liebe hingegeben.

Eben diesen romantischen Impuls haben Conny Habbel und Franz Adrian Wenzl außer Kraft gesetzt. Die Fotografin und der Autor begaben sich auf eine "sentimental journey", wie sie es nennen, von einem "Herzbrechhotel" zum nächsten - vom Hostel Blues übers Hotel Zorn zum Landhaus Trost. Auf ihrer "Suche nach zwiespältigen Gefühlen" übernachteten sie überall dort, wo allein der Name der Unterkunft imageschädigend wirkt: "Mit einem Namen wie Pension Trauer unterläuft man die Erwartungshaltung", sagt Habbel und meint die Glücksklischees, mit denen Tourismusbroschüren so gerne werben.

Ihr Fotoreiseband über die "Herzbrechhotels", der nun im Verlag Orange-Press erscheint, hat daher nichts von einem "Werbekatalog", wie Habbel das nennt. Die Bilder haben etwas Unheimliches an sich, etwas Doppelbödiges. Etwa wenn man auf einem Frühstückstischfoto eine dieser edlen Kannen aus schwerem Hotelsilber sieht und die großen Prägebuchstaben darauf entdeckt: "Hotel Fremd". Das war es dann mit der Romantik. Da helfen auch die hübschen Blumen und die gestärkte Tischdecke nicht mehr.

Zweiffel führt in exotische Gegenden

Inspiriert hatten das Paar die Leuchtbuchstaben oben auf einem Wiener Traditionshaus, das bekannt ist für Jahrhundertwendeluxus, Marmor, korinthische Säulen: "Hotel Kummer" strahlte dort nachts über der Stadt. Da begannen die beiden, nach weiteren Gasthäusern mit emotionsgeladenen Namen zu suchen, und reisten in mehreren Trips von Österreich mal nach Italien, nach Belgien und in die Slowakei.

Habbel fotografierte, Wenzl, vor allem in Österreich bekannt als Musiker "Austrofred", hielt Momentaufnahmen der Reise in Worten fest. "Hotels mit positiven Namen wie 'Sonnenschein' sind ja die Norm. Wir wollten in die traurigen Hotels, um genau mit diesem Image zu spielen", sagt Franz Wenzl. "Mit einem Reisekonzept wie unserem ist man nicht den eigenen Wünschen ausgeliefert, sondern kommt in neue und exotische Gegenden - wie Euskirchen."

Dort landeten sie im Hotel Zweiffel ausgerechnet in der Hochzeitssuite. In Stuttgart freuten sie sich, in der Pension Flucht ein Wildschweinfell samt Speer und sieben Pistolen an der Wand des Frühstücksraums zu finden. Sie entdeckten leere Wäschegitterwagen hinter dem Hotel Verloren im belgischen Lokeren und lauter kleine Regenschirme auf dem Duschvorhang in der Pension Trauer in Dresden. Im ersten sollen Plüschbären Gemütlichkeit signalisieren, in zweiten pedantisch gefaltete weiße Handtücher porentiefe Sauberkeit.

Benannt sind die Hotels in der Regel nach ihren Gründern - wer würde seine Gäste schon mit Depressionen locken wollen. Am eindeutigsten ist dies sicher bei der Schreibweise des Hotels Zweiffel, aber bei Kummer, Ernst oder Trauer ist es nicht anders: alles Familiennamen. Manchmal scheint die ganze Stadt von Schwermut befallen - wie das niederländische Leiden - und das nach ihr benannte Hotel Leiden weckt zumindest bei den deutschsprachigen Gästen melancholische Gefühle.

Hotel Angst inspirierte Kreative

Dass Hotels als Ort aufgeladen sind mit einer emotionalen Erwartungshaltung, als Inseln im Alltag, ist eine Wahrnehmung, die schon andere vor Habbel und Wenzl aufgegriffen haben. Für den Sozialphilosophen Siegfried Kracauer etwa war die Hotelhalle in den Zwanzigern ein Warteraum: Dort fänden sich die "schlechthin Beziehungslosen", erklärte er. Die Lobby wurde bei ihm zur Metapher für den Zustand der Gesellschaft und deren "metaphysischen Leiden an dem Mangel eines hohen Sinnes".

Künstler griffen den nach Horrorfilm klingenden Namen des Hotel Angst auf, eines ehemaligen Luxus-Etablissements im italienischen Bordighera. Der Autor John von Düffel widmete dem alten Kasten eine ganze Novelle, und der Regisseur-Derwisch Christoph Marthaler eröffnete im Jahr 2000 mit einem Stück namens "Hotel Angst" legendär seine Intendantenzeit am Theater Zürich.

Habbel und Wenzl zeigen die vergangene Schönheit des Grandhotels, das der Schweizer Adolf Angst 1887 in Ligurien an der Grenze zu Frankreich baute: Der Schriftzug verblasst, der Stuck bröckelt, neben den Palmen stehen vergessene Kräne, die Rückseite ist zerlöchert wie nach einem Häuserkrieg. "Wir zeigen das Hotel hinter seiner Fassade", sagt Franz Wenzl. Dass die Vorstellungen eines perfekten Urlaubs immer an der Realität scheitern, ist der rote Faden der beiden Autoren.

"Mit einer Mission reist man, ohne an der enttäuschten Sehnsucht zu scheitern", meint Conny Habbel. Und so war das deutsch-österreichische Paar auch nicht unangenehm überrascht, als es in einer Pension in Dresden landete: Da die Unterkunft auf Monteure spezialisiert und mit einer Gemeinschaftsküche zur Selbstverpflegung ausgestattet war, lagen dort nur ein paar Brotscheiben und Wurstpackungen der reisenden Handwerker herum. Die beiden wunderten sich also nicht: In der Pension Hunger blieben sie, nomen est omen, hungrig.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. schräg
shechinah 28.10.2012
Is mir schleierhaft wie man mit derartig uninspirierten Fotos einen Bildband herausgeben kann. Langweilig, vorhersehbar, Touristen Schnappschuss Niveau, handwerklich eher untere Schublade - und außerdem meistens die Kamera schief gehalten. Da machen die meisten Hobbyfotografen noch einen besseren Job.
2. Hotel Kummer.....
peter_schlemihl 29.10.2012
Das "Kummer" ist mit Sicherheit kein Luxushotel sondern ein Touristenschuppen auf der Mariahilferstraße.
3. Danke für den witzigen Buchtipp!
rudolphus70 30.10.2012
Find ich super! Tolle, atmosphärische Bilder und eine skurille Idee! Bin schon gespannt auf die Texte.
4. hinreissend!
deneuve 22.11.2012
ein hinreissendes buch! köstliche geschichten, prächtige fotos und ein nachwort vom "starphilosophen" robert pfaller. sehr edel! perfektes weihnachtsgeschenk!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Aktuell
RSS
alles zum Thema Bücher rund ums Reisen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 4 Kommentare
  • Zur Startseite
Buchtipp

Fotostrecke
Bildband "Wildes Deutschland": Natur pur