Insel-Hopping in Burma Wie Thailand vor 70 Jahren

Einsame Inseln, wenig Tourismus: Das Mergui-Archipel vor Burma ist ein fast unberührtes Paradies. Im Dschungel schreien Affen, durchs Meer ziehen Walhaie. Auf dem Boot fühlt man sich als Entdecker einer neuen Welt - die es bald wohl nicht mehr gibt.

burmaboating.com

Es ist 35 Grad heiß. Yalae sitzt inmitten seiner zehnköpfigen Familie unter einer Stelzenhütte auf Nyaun Wee. Vor der Bucht hat gerade eine 25 Meter lange Yacht angelegt. Belustigt schaut der Moken-Fischer sich das Treiben am Strand an: Schwitzende Fremde schaukeln im Schlauchboot an Land, sie tragen schwere Fotoapparate, ihre Gesichter sind weiß eingeschmiert. Unruhig wandern sie umher, die Hände unentwegt am Auslöser. Als hätten sie noch nie ein Fischerdorf gesehen!

Sie haben vor Nyaun Wee angelegt, einer Trauminsel in der Andamanensee. Aquamarinblaues Wasser, staubfeiner weißer Sand, dahinter grüner Dschungel. Yalae lebt hier mit der Verwandtschaft in einer Strandhütte, wie einige Dutzend andere Moken-Familien. Noch die Großväter der heutigen Generation waren Seenomaden und wurden auf Kabangs geboren, traditionellen Hausbooten.

Heute sind die meisten der noch etwa 3000 Moken sesshaft. Sie leben abgeschieden auf einigen der 800 Inseln des Mergui-Archipels im südburmesischen Meer. Viele Bewohner Nyaun Wees haben das Eiland noch nie verlassen. Bis zum nächsten Krankenhaus sind es fünf Stunden mit dem Boot.

Das Mergui-Archipel zählt zu den letzten unerschlossenen Winkeln der Welt. Erst seit 1996 dürfen Ausländer es bereisen, zunächst fanden nur ein paar Taucher und Abenteurer hierher. Doch seit die ehemalige Militärdiktatur Burmas sich der Welt öffnet, strömen Gäste und Investoren ins Land. Im Juli kündigte der Tourismusminister an, außer den bekannten Reisezielen Bagan und Inle-See auch die Inseln im Süden zu entwickeln. Die "New York Times" listet die Mergui-Inseln unter den "46 Orten, die man 2013 besucht haben sollte" und schwärmt vom "heiligen Gral der leeren Strände".

Coca-Cola statt Brause

Die Anreise ist kompliziert: Von Rangun aus muss man zwei Flüge buchen, um nach Kawthong zu gelangen. Der Küstenort besteht hauptsächlich aus verfallenen Häusern. Wenige Unterkünfte wie das Honey Bear Hotel besitzen einen 24-Stunden-Stromgenerator, darauf ist der Geschäftsführer so stolz, dass er das Gerät direkt vor die Lobby gestellt hat.

Auch hier macht sich der Wandel bemerkbar: In Ufercafés wird nun Coca-Cola statt einheimischer Brause verkauft, die ersten westlichen Marken werben auf Plakaten. Über der Hafenbehörde prangt seit kurzem das Schild "Warmly Welcome and Take Care of Tourists". Zuvor stand an selber Stelle in Burmesisch die Warnung, sich vor "ausländischen Einflüssen" in Acht zu nehmen.

Eine Handvoll Segelboote bieten Touren durch das Mergui-Archipel an. Eine davon organisiert Herbert Mayrhauser, der Kapitän der 25 Meter langen "Meta IV", die auch Nyaun Wee anläuft. Der Österreicher, Gründer der Firma Burma Boating, sticht seit November Woche für Woche mit Besuchern in die Adamanensee.

Mayhausers Yacht gleicht einem schwimmenden Boutique-Hotel: edles Teakholz, komfortable Kabinen. Acht Gäste haben Platz, dazu kommen der Kapitän, ein Matrose, ein Reiseführer und Mayhausers thailändische Frau Koon, die täglich wechselnde Menüs für die Gäste kocht. "Die Mergui-Inseln sind wie Thailand vor 70 Jahren", sagt Mayrhauser. Das halbe Leben hat der 59-Jährige auf dem Meer verbracht, auf Gewässern bei Australien, den Kanaren, den Bahamas und in Südostasien.

Kolumbus-Feeling und Affengeschrei

In der Adamanensee findet er ein perfektes Segelrevier vor. Schon nach zwei Stunden auf See fühlen sich seine Gäste wie Kolumbus: Der Wind bläst von backbord, ringsum ragen Inselhügel aus dem Wasser, die aussehen, als hätte kein Mensch sie je betreten. Aus dem Dschungel tönt Affengeschrei, gleich hinter den Stränden wachsen Mahagoni- und Feigenbäume haushoch in den Himmel. Unter Wasser driften Papagaienfische, Schildkröten und leuchtende Quallen, mit Glück begegnen einem sogar bis zu 13 Meter lange Walhaie. Bei Nacht verstummt der Ozean. Die Sterne strahlen in der pechschwarzen Nacht.

Höchstens in Sumatra vor Indonesien oder auf Teilen der Philippinen könne man noch unentdeckte Inseljuwelen wie hier vor Burma finden, sagt Mayrhauser. Aber da sei das Meer voller Piraten und die Abstände zwischen den Inseln groß. Die "Meta IV" legt im Schnitt 20 Seemeilen am Tag zurück, jeden Abend ankert sie in einer anderen einsamen Bucht.

Wie viele Inseln genau dem Mergui-Archipel zuzurechnen sind, hat bislang keiner erforscht. Google Maps hat Schwierigkeiten, sie anzuzeigen. Auf Seekarten sind einige an falschen Stellen markiert, Untiefen sind nicht verzeichnet. Meterhohe Wellen machen die Passage zur Monsunzeit im Sommer unmöglich. Das "Andaman Resort", das bislang einzige Hotel der Inselkette, ist bei Sturm manchmal eine Woche lang nicht erreichbar.

Bald ein Ziel der Massen?

Bald wird es Konkurrenz bekommen: Gerüchten zufolge will die Regierung bis zu hundert Hotellizenzen vergeben. Zeitungen berichten von skandinavischen Hoteliers und chinesischen Investoren. Trotz des sich ankündigenden Booms macht die burmesische Regierung Touristen das Leben nicht gerade leicht: Um die 250 Dollar muss jeder Inselbesucher an die Staatskasse zahlen. 40 Dollar fürs Visum, der Rest wird als vage beschriebene "Eintrittsgebühr" fällig und schwankt, je nachdem, auf welchen Beamten man trifft.

Von Einheimischen hört man, dass lokale Militärs hier zwielichtige Geschäfte betreiben. Auf vielen der Inseln wird illegal Regenholz gerodet, Fischer sprengen Dynamit in Korallenriffen, um ihren Fang zu erhöhen. Regierungsleute, heißt es, kassieren einen ordentlichen Anteil.

Die Ausbeutung der Natur bedroht auch die traditionelle Lebensweise der Moken. Auf der kleinen Insel Nyaun Wee ziehen nur noch wenige Männer im Einbaumkanu aufs Meer, um auf dem Ozeanboden Austern, Seegurken und Algen zu sammeln. Statt mit Speeren fangen sie Fische heute mit Netzen. "Es sind nicht mehr viele übrig", deutet Yalae mit den Händen an. Fischerboote vom Festland und aus Thailand verdrängen die Seenomaden zunehmend vom Wasser.

Die großen Schiffe bringen außerdem den Handel ins Dorf, sie bringen Fernseher und Softdrinks. Und immer öfter kommen Fremde mit Sonnencreme und Kameras.

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Seite 1
Rickie 16.12.2013
1. 2 Gedanken
1. Auch die dürfen sich weiterentwickeln und müssen nicht auf der Stelle verharren, bloß weil uns das gefallen würde. 2. Noch ist es unberührt. Deswegen: Fahrt schnell, schnell hin. Umso schneller ist es mit der Unberührtheit vorbei.
tim-quasineutral 16.12.2013
2.
Hört sich ja wirklich ganz toll an. Der Artikel spricht unterschwellig auch das Problem oder Dilemma an: Je mehr Touristen kommen, desto mehr verliert die Region auch an ihrer Ursprünglichkeit. Auf der anderen Seite bedeuten die Touristen aber auch Einnahmen, Wohlstand und Fortschritt. Und ob die Einheimischen so gerne in ihrer Ursprünglichkeit weiter leben wollen, kann auch bezweifelt werden (5 Stunden zum Krankenhaus etc). Wollen wir in Deutschland denn so leben wie vor 20 oder 50 Jahren? Ich komme von der mecklenburgischen Ostseeküste. Manches war schon schöner bzw. angenehmer vor 25 Jahren. Aber dafür geht es den Leuten, die vom Tourismus leben heute deutlich besser. Alles verändert sich eben. So ist und so war es immer in der Menschheitsgeschichte. Man sollte da nicht immer so ein negativen Bild von zeichnen.
nirava 16.12.2013
3. Na Toll!
Fernseher und Softdrinks....Dann wissen wir ja jetzt schon, welches mehr oder weniger glückliche Volk übergewichtig, frustriert und "wachgeküßt" auf den nächsten Touri-Bus wartet...
fatherted98 16.12.2013
4. Glücklicherweise....
Zitat von sysopburmaboating.com Einsame Inseln, wenig Tourismus: Das Mergui-Archipel vor Burma ist ein fast unberührtes Paradies. Im Dschungel schreien Affen, durchs Meer ziehen Walhaie. Auf dem Boot fühlt man sich als Entdecker einer neuen Welt - die es bald wohl nicht mehr gibt. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/burma-segeln-im-mergui-archipel-a-938733.html
...denn die Reiseromantik hat mit dem harten Alltag der Menschen dort absolut nichts zu tun. Mangelnde bis gar keine medizinische Versorgung, keine Bildung, keine Berufschancen ausser in den angestammten Beschäftigungen die in Selbstversorgung enden und Hunger und Krankheiten nach sich ziehen. Dazu ein Verbleiben in den schlimmsten traditionellen Unfreiheiten, was vor allem Frauen und Mädchen angeht....ich glaube nicht das viele der "guten alten Zeit" nachtrauern werden...außer vielleicht der SPON Reiseromantiker...der sich quasi in einen Zoo begibt um das "ursprüngliche Leben" anzuschauen.
muckenflugplatz 16.12.2013
5. Und jetzt weiß es auch der Rest der Welt
Zitat von sysopburmaboating.com Einsame Inseln, wenig Tourismus: Das Mergui-Archipel vor Burma ist ein fast unberührtes Paradies. Im Dschungel schreien Affen, durchs Meer ziehen Walhaie. Auf dem Boot fühlt man sich als Entdecker einer neuen Welt - die es bald wohl nicht mehr gibt. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/burma-segeln-im-mergui-archipel-a-938733.html
Leider wird auch in diesem bis jetzt vergessenen Teil der Welt der Kommerz Einzug halten. Mir wird schon schlecht,wenn ich daran denke, wie der Regenwald abgeholzt wird und die Affen und anderen Tiere und Ureinwohner ihres Lebensraumes beraubt werden nur damit sich ausländische Unternehmen und einheimische "Investoren" die Taschen voller Geld stopfen können. Und der Spiegel trägt seinen Beitrag mit diesem Bericht dazu bei,Danke!!!
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