Chiloé im Pazifik Insel der Trolle und Hexen

Da hatten sich die Jesuitenpilger beim Bekehren so viel Mühe gegeben: Auf der chilenischen Pazifikinsel Chiloè sind 150 Holzkirchen aus dem 17. Jahrhundert erhalten. Das Christentum hat es trotzdem nicht leicht – die Einheimischen erzählen lieber von Hexen und Zwergen.


Puerto Montt - Vom "Trauco" spricht auf der Insel Chiloé jeder - der südamerikanische Troll entführt angeblich Jungfrauen. "Voladoras", fliegende Hexen, treiben hier ebenfalls ihr Unwesen, sofern man den Mythen der Insel vor Chiles Südküste glaubt. Auf den Wellen des Ozeans, versichern die Alten, könne man in der Ferne immer wieder auch die "Caleuche" sehen, ein Geisterschiff mit weißen Segeln und lauter Musik, das sich in Felsblöcke oder Baumstämme verwandeln kann. Die Sagen vererben sich hier am Pazifik seit Generationen.

Chiloé liegt fernab der klassischen Reiserouten. "Wir führen vor allem Gruppen hierher, die das Ursprüngliche suchen", sagt Carlos Nuñoz, der im Auftrag eines Reiseveranstalters in Santiago de Chile arbeitet. Die Wege zur Insel führen über Puerto Montt, eine vor gut 150 Jahren für deutsche Einwanderer gegründete Hafenstadt. Sie ist das Tor zum chilenischen Patagonien. Hotels und Lokale tragen hier deutsche Namen, sie servieren sogar Schwarzwälder Kirschtorte. Auf deutsche Sprachkenntnisse sollte man sich jedoch nicht verlassen.

Holzkirchen für die Ureinwohner

Touristen überbrücken die etwa 1050 Kilometer zwischen der Hauptstadt und Puerto Montt per Flugzeug. Eine Alternative ist eine Busfahrt auf der Carretera 5, dem südlichsten Stück der berühmten Panamericana-Route. Am komfortabelsten reist man mit dem Schlafbus. "Der Bahnverkehr ist längst eingestellt, und der Expresszug mit Schlaf- und Salonwagen Vergangenheit", sagt Nuñoz. Lokale Busse fahren dann 55 Kilometer weiter nach Pargua, von wo aus Fähren die gut zwei Kilometer breite Wasserstraße zur Insel überbrücken.

Am Anfang des 17. Jahrhunderts begannen die Jesuiten auf Chiloé mit der Verbreitung des katholischen Glaubens unter den Huilliches, den Ureinwohnern. Sie errichteten damals Holzkirchen - etwa 150 blieben erhalten, darunter die hölzerne Kathedrale im Hauptort Castro. Die Unesco erklärte viele der Gotteshäuser zum Welterbe.

Übertroffen werden diese Schätze aber noch von der Natur. Zum Pazifik hin liegt ein unberührtes, fast menschenleeres Land. Chile erklärte es zum Nationalpark. Naturfreunde und Wanderer finden hier eine wilde Vegetation vor. "Ohne wetterfeste und warme Kleidung brauchen Sie gar nicht loszugehen", raten David und Deborah, zwei Rucksackreisende aus Australien, die selbst in abenteuertauglichem Outfit stecken. Die etwa 50 Kilometer breite und 250 Kilometer lange Insel am Ende der Welt zählt zu den niederschlagreichsten Gegenden. Die Luftfeuchtigkeit ist hier besonders hoch und Nebel allgegenwärtig.

Die fast 150.000 Menschen auf Chiloé siedeln vor allem an der etwas geschützteren Ostseite. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie mit Fischfang und Landwirtschaft. Auf den Wegen außerhalb der kleinen Städte benutzen sie nach wie vor ihre Ochsengespanne mit Vollrädern, hölzerne Blockhütten am Ufer stehen auf Pfählen. "Das Wetter ist im Februar am besten", stellt Ricardo Rosales, ein Souvenirverkäufer in der Kleinstadt Ancud, fest. "Dann ist mit etwas mehr als 20 Grad Sommer." Mit den Chiloten, den Insulanern, finden Fremde schnell Kontakt - besonders wenn sie in einer der vielen kleinen Pensionen übernachten, die das knappe Bettenangebot der Hotels ergänzen.

Genießer von Meeresfrüchten wie Muscheln und Königskrabben kommen auf der Insel auf ihre Kosten. Als typisch gilt auch "Curanto", ein Muscheleintopf mit Fisch, Kartoffeln, Fleisch und Wurst. Oder es gibt "Ceviche", roher Fisch mit Limone, Zwiebel und Koriander. Der Wirt erzählt dazu das Neueste vom "Trauco", dem bösen Zwerg von Chiloé.

Horst Heinz Grimm, gms



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