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Schriftliche Warnung für Gäste Chinesen-Alarm im Hotel

Touristen in München: Die Zahl der Urlauber aus China in Europa steigt stark an Zur Großansicht
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Touristen in München: Die Zahl der Urlauber aus China in Europa steigt stark an

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Kürzlich bekam ich beim Check-in in einem bayerischen Hotel eine Chinesen-Warnung ausgehändigt: ein Din-A4-Blatt mit "Infos über diesen für uns so fremden Kulturkreis in Hinblick auf die speziellen Tischmanieren".

Am nächsten Morgen zwischen 6.30 Uhr und 7.30 Uhr sei eine große chinesische Reisegruppe dort zugange und ein hoher Geräuschpegel sowie Tischsitten zu erwarten, die von europäischen Gepflogenheiten abweichen. "Man sollte sich an deutlichem Schmatzen, Schlürfen und Rülpsen nicht stören, denn es gehört in China zum Essen dazu." Wer in Ruhe frühstücken wolle, solle lieber erst um 8 Uhr kommen.

Ich stellte meinen Wecker auf zehn nach sechs.

Am Abend in der Hotelbar belauschte ich, wie die junge chinesische Reiseleiterin mit einem italienischen Touristiker über die geplanten 48 Stunden Italien verhandelte. Mit gezückter iPad-Landkarte wünschte sie sich, nach Mailand und Portofino noch einen Abstecher ins mehr als 300 Kilometer entfernte Siena zu machen. "What is near for you is not near for me", sagte der Guide mit gezwirbeltem grauen Schnurrbart leicht genervt. Auch hier: abweichende Gepflogenheiten.

Immer mehr Chinesen buchen Reisen nach Europa, die jährlichen Zuwachsraten sind immens. Die Frage, ob sie dabei jedoch gute Botschafter ihres Heimatlands sind, sorgt derzeit für heiße Diskussionen im Reich der Mitte. Jüngst beklagte Chinas Vizepräsident Wang Yang, dass viele Landsleute mit ihren schlechten Manieren weltweit einen negativen Eindruck hinterließen. Zum Beispiel, indem sie zu laut reden, rote Ampeln überqueren und auf die Straße spucken. Weltweite Empörung löste ein Teenager aus, der ein antikes ägyptisches Relief mit seinem Namen bekritzelte.

Als ich am nächsten Tag um 6.29 Uhr in den Aufzug steige, erwarte ich also ein Volksfest aus rülpsenden, schmatzenden und speienden Schreihälsen, die ihre Initialen in die Holztische ritzen und mit Fäusten und Ellenbogen ausdiskutieren, wer als Erster an die blütenzarten Kölln-Haferflocken darf.

Tatsächlich erinnert das folgende Schauspiel am Büffet an einen lebhaften asiatischen Markt. Brötchen werden mit dem Löffel einzeln auf Festigkeit abgeklopft, Brezeln genommen und wieder zurückgelegt, in gebrochenem Englisch knappe Anweisungen ohne Bitte und Danke an das Personal abgefeuert. "Ich bin ja schon froh, wenn die weg sind", flüstert eine Küchenmitarbeiterin einem deutschen Gast zu.

Ins Protokoll gehören noch ein verzagter Rülpser am Nebentisch und ein Geräuschpegel, der an eine überfüllte Kneipe erinnert. Eigentlich ganz amüsant, das Schauspiel. Hätte ich mir schlimmer vorgestellt. Und genau darum sind Chinesen-Warnzettel, so irritierend sie auf den ersten Blick anmuten, eigentlich gar keine schlechte Idee: "Wenn wir vorher darauf hinweisen, gibt es keine Beschwerden", verrät mir der Hotelmanager später.

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phrasensport 08.07.2013
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