Neu-Mittelalter Game of Thrones

Einmal König, Dame, Narr oder Ritter sein, Hunne, Wikinger oder Schamane: Weltweit verbringen Hunderttausende ihre Freizeit mit dem "Reenactment" von Vergangenheiten, die nie stattfanden. Warum? Weil es Spaß macht!

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Wird Cliff Marisma das Zeug haben, beim Lanzenkampf im Turnier von St Ives gegen die besten Ritter zu bestehen? Es gibt nicht wenige Menschen, die solche Fragen schon Wochen vor dem angekündigten Event mit Leidenschaft diskutieren. Ganz so, als lebten wir im Jahr des Herren 924 nach Christi Geburt; ganz so, als sei Cliff Marisma ein Ritter edlen Geblüts und ganz so, als fände die St Ives Mediaval Faire nicht Ende September 2016 in Sydney, Australien, statt - ein Kontinent, der im sogenannten Mittelalter definitiv keinen einzigen Ritter zu sehen bekam.

Aber was soll's? Mittelalter ist Spaß und ein weltweit seit Jahrzehnten anhaltend populärer Trend. Ritter, Narr und Burgfräulein, Hunne, Wikinger oder Schamane gehören zu den populärsten Rollen, die man öffentlich und rund ums Jahr "personifizieren" kann: Kämpfen und Reiten, Zelten und mit den Fingern essen, krumme Weisen gröhlen und geschwollen-gestelzt parlieren, das sind wohlfeile Gelegenheiten, aus der gesellschaftlichen Rolle zu fallen. "Reenacting" nennt man das oft, und die Grenzen zu Karneval, Cosplay und Fantasy-Rollenspielen sind fließend.

Die derzeitige Welle der Mittelalterfeste, Rittermahle und mittelalterlichen Märkte nahm in den Siebzigern in den USA ihren Anfang - ein Kulturimport, der eine nie gelebte Vergangenheit beschwor. Inspiriert von den Vorstellungen eines Mittelalters, wie es Hollywood in den Fünfzigern prägte: Spaß pur, unbelastet und mit großen Freiheiten, sich auszuleben und mal richtig schön daneben zu benehmen. Das zog bald auch hierzulande. Zuletzt gab "Game of Thrones" der Szene noch einmal einen Push - Mittelalter ist zurzeit ziemlich jetzig.

Wieso vorbei? Dieses Mittelalter ist von heute

Das zeigt schon der Blick auf den Kalender: 19 Veranstaltungen zählt die Fan-Plattform Mittelalterkalender, und zwar allein am 1. Oktober 2016. Im gesamten Monat kommt sie auf 59 entsprechende Veranstaltungen in Deutschland. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, versteht sich, aber auch das Marktkalendarium oder Mittelalter-Zeitreise landen bei ähnlich bescheidenen Zahlen. Denn, man glaubt es kaum: 59 Mittelalterfeste in einem Monat sind wirklich wenig.

Dass es so wenige sind, liegt natürlich daran, dass die Saison vorbei ist: Abgesehen von wenigen herbstlichen Burgveranstaltungen und historisiert verkauften Märkten gibt es Ende des Jahres vor allem Adventveranstaltungen mit Mittelalter-Appeal. Die lebhafteren Events mit Ritterkämpfen und tagelangen Lagern, wo auf offenem Feuer vor den Zelten gegrillt wird, finden vorzugsweise in den warmen, trockenen Monaten statt. Am Ende des Jahres, zählt Mittelalterkalender, dürften es mindestens 947 gewesen sein. Klingt realistisch, denn um die 1000 Mittelalterfeste pro Jahr gelten in Deutschland als Standard.

Streng historisch gesehen sind die vom Mittelalter oft nicht nur Jahrhunderte, sondern sogar Welten entfernt. Dafür sind sie lebendige Teile unserer Gegenwartskultur - sie sind Pop, mehr "Game of Thrones" als Geschichtsstunde.

Dahinter stehen oft Vereine, aber auch professionelle Agenturen, die sich auf die Veranstaltung solcher Events spezialisiert haben. Die Bettler, Ritter, Barbaren etc. sind dagegen oft wieder Laien: "Lagern", also als Statist oder Star an solchen Events teilzunehmen, ist für Hunderttausende Menschen weltweit ein Hobby, in das sie beträchtliche Teile ihrer Freizeit investieren.

So wie Cliff Marisma, der bereits auf Turniersiege verweisen kann. Auf der St Ives Faire trifft er allerdings auf Phillip Leitch, Australiens erfolgreichsten und einzigen hauptberuflichen Lanzenkämpfer, der im Juli frisch zum Weltmeister gekürt wurde. Nur beim Turnier von St Ives werden Lanzen aus massivem Holz genutzt, das Turnier gilt darum als hart und schmerzhaft - und das scheint Leitch zu liegen. Er gewann die ersten zwei Titel dieses Turnieres, 2016 strebt er den Hattrick an. Ob er es schafft, wird man am Abend des 25. September wissen, wenn sich der Staub der Kämpfe gelegt hat. Cliff Marisma legte sich schon zum Tunierauftakt in den Staub. Sah schmerzhaft aus (siehe Bildergalerie).

Mittelalter-Tipps für diesen Herbst: Kostüme, Rüstungen, Waffen und mehr kann man bei der Reenactormesse in Minden käuflich erstehen - ab und an ein neuer Helm kann ja nicht schaden. Scheppernd zur Sache geht es Anfang Oktober in Thüringen: Beim Mittelalterspektakel mit Rittertunier in Kranichfeld. Atmosphärisch einer der schönsten mittelalterlichen Märkte steht vom 18. bis 20. November rund um die Katharinenkirmes im rheinischen Blankenberg an: Da macht quasi das ganze Dorf als Schausteller mit. Das liegt von einer Stadtmauer umgeben samt Burg auf einem Berg - wer klug ist, parkt in Hennef und fährt per Bahn an.

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