Pannenserie Warum die Bahn so oft versagt

Züge müssen bremsen - oder fallen gleich ganz aus: Selbst die Bahn nennt den Start der neuen Highspeedstrecke missglückt. Sind das nur Anfangsschwierigkeiten? Nein, die Probleme haben System.

Bahnchef und Politiker feiern die Eröffnung der neuen Highspeed-Strecke - doch der Start hatte seine Tücken
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Bahnchef und Politiker feiern die Eröffnung der neuen Highspeed-Strecke - doch der Start hatte seine Tücken

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Man muss schon lange suchen, um eine Jahreszeit zu finden, mit der die Deutsche Bahn keine Probleme hat. Im Sommer fallen die Klimaanlagen aus, im Herbst stürzen Bäume auf die Oberleitung - und jetzt hat der Winteranfang der Bahn ihr größtes Prestigeprojekt der vergangenen Jahre vermasselt. Die Einweihung der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen München und Berlin geriet zum Fiasko.

Der wichtigste deutsche Staatskonzern gibt sich reumütig. Doch das Versagen hat System - und die Ursachen liegen weit tiefer als ein paar falsch eingestellte Sensoren.

Es ist ein Versagen in drei Teilen.

Teil 1: Das Versagen der Technik

Es sollte so schnell gehen: Mit der neuen Strecke sollen Fahrgäste in unter vier Stunden von Berlin nach München fahren können. Doch schon am Tag der feierlichen Eröffnung, am Freitag, blieb ein ICE liegen. Am Sonntag, dem offiziellen Betriebsbeginn, folgten weitere Zwangsbremsungen und Zugausfälle.

Was war passiert? Probleme bereitete das ETCS, ein neues Zugleitsystem, das auf der Strecke zum Einsatz kommt. Es funktioniert komplett per Funk; herkömmliche Signale mit Lampen sind nicht mehr nötig. ETCS soll einmal flächendeckend in Europa zum Einsatz kommen und die mehr 20 nationalen Zugsicherungssysteme ablösen. Während die Schweiz ETCS bereits flächendeckend nutzt, ist es in Deutschland bisher nur in wenigen Abschnitten eingebaut.

Insgesamt 110 ICE-Züge ließ die Bahn für das neue System umrüsten, einen Teil davon erst zum Start der neuen Strecke. Doch dabei wurden Fehler gemacht, wie der Konzern nun erklärt hat. So waren bei manchen Zügen die Stecker im Geschwindigkeitssystem falsch eingesteckt worden. Das System registrierte dadurch fälschlicherweise eine Geschwindigkeit von 350 km/h und leitete eine Zwangsbremsung ein - folgerichtig, denn auf der neuen Strecke sind nur 300 km/h erlaubt. Die defekten Züge mussten in die Werkstatt, die Reparaturen sollen bis zum Ende dieser Woche abgeschlossen sein.

Die Probleme mit dem ETCS traten allerdings nicht erst nach der Eröffnung auf, sie waren schon vorher bekannt: Wie Projektleiter Olaf Drescher dem SPIEGEL während einer Fahrt mit einem Erprobungs-ICE sagte, würden Techniker des Zulieferers Alstom noch ein paar Ungereimtheiten des Signalsystems klären. Das sei aber nichts Gravierendes. Jetzt zeigte sich: Sie waren gravierend genug, um der Deutschen Bahn einen peinlichen Auftakt ihrer Prestigestrecke zu verschaffen.

Doch die ETCS-Probleme alleine hätte nicht solche Konsequenzen gehabt. Vielmehr wurden durch winterliches Wetter nach Konzernangaben insgesamt 16 ICE beschädigt - und konnten so ebenfalls nicht mehr fahren. Dadurch konnten nicht mehr alle Strecken bedient werden, und es kam zu weiteren Zugausfällen und -verspätungen.

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18  Bilder
ICE-Neubaustrecke: In vier Stunden von München nach Berlin

Teil 2: Das Versagen der Prävention

Wer sich die wetterbedingten Ausfälle der vergangenen Monate anschaut, stellt fest: Im Nachhinein tut die Bahn tatsächlich viel, um die Schäden zu beheben. "Wir kämpfen jeden Tag um jeden einzelnen Zug", sagte Birgit Bohle, Vorsitzende des Vorstands DB Fernverkehr, am Mittwoch. Aber viele Schäden hätten im Vorhinein verhindert werden können.

Beispiel Xavier: Der Sturm zog im Oktober über Norddeutschland, 500 Bäume fielen auf die Gleise. Der Bahnverkehr war über Tage gestört, Tausende Verbindungen fielen aus. Mittlerweile hat die Bundesregierung in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage eingeräumt, dass es "Änderungsbedarf in verschiedenen Handlungsfeldern" gebe - darunter bei der "Vegetationsbeseitigung". Mit anderen Worten: Hätte die Bahn die Bäume entlang der Gleise ordentlich geschnitten, könnten sie nicht in die Oberleitung fallen. Bäume aber wachsen nicht von heute auf morgen - der heutige Zustand hat sich über Jahre entwickelt.

Auch bei der jetzigen Panne liegen die Ursache tiefer. Die ICE der Bahn sind seit Jahren im Dauereinsatz. Es gibt kaum Reserven. Das Problem hat die Bahn zwar erkannt - aber es lässt sich nicht kurzfristig beheben, weil neue Züge lange Lieferzeiten haben. Der neue ICE4 wird erst ab 2018 in nennenswerter Stückzahl ausgeliefert - und könnte ab dann für Entspannung sorgen.

Teil 3: Das Versagen der Politik

Die Deutsche Bahn ist noch immer vollständig in der Hand des Staates. Eisenbahner fordern schon lange, dass die Politik sich endlich entscheidet, was der Konzern eigentlich sein soll: ein profitorientierter Konzern oder ein Mobilitätsdienstleister für Deutschland? Dass Züge möglichst rund um die Uhr fahren und Bäume wenig geschnitten werden, hat auch damit zu tun, dass die Bahn am Ende des Jahres einen Gewinn an die Staatskasse ausschütten soll.

Das CSU-geführte Bundesverkehrsministerium aber hat sich in den vergangenen Jahren kaum um die Bahn gekümmert. Andere Projekte wie die Pkw-Maut für Ausländer hatten offenbar eine höhere Priorität.



insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
mc_os 13.12.2017
1.
Zitat aus dem Artikel: "Das CSU-geführte Bundesverkehrsministerium aber hat sich in den vergangenen Jahren kaum um die Bahn gekümmert. Andere Projekte wie die Pkw-Maut für Ausländer hatten offenbar eine höhere Priorität." Dieser Platzhalter für einen Bundesminister im BMVI ist stolz darauf! Er hat die Maut umgesetzt (bis die Gerichte entscheiden) und somit seine Wähler zufrieden gestellt. Mehr hatten sie nicht erwartet.
ekel 13.12.2017
2. Etcs
Ich findes nicht, dass das ETCS noch neu ist - es ist schon über zehn Jahre alt. Aber vielleicht gilt das noch als neu. In der Schweiz ist ETCS übriges nicht flächendeckend. Ich denke, die Probleme bei der Bahn sind vergleichbar mit denen beim Spiegel: jeder macht irgendwas, ohne große Ahnung von seinem Handwerk, keiner schaut nochmal drüber um eventuelle Fehler zu entdecken und vor allem: jedem ist komplett egal, was am Ende dabei rauskommt.
mullertomas989 13.12.2017
3. Das ist ja nichts Neues!
Seit dem Jahr 2000 beobachte ich, wie verdammt wenig die Politik in die Bahnstrecken investiert und verstehe es nicht! Die Bahn hat theoretisch als Verkehrsmittel so viel Potential: klimafreundlich (100& Ökostrom), schnell, sicher, man kann drin schlafen oder arbeiten usw.. Aber dieses Potential wird irgendwie seit Ewigkeiten nicht genutzt, es interessiert die Politik nicht wirklich! Ich würde an 2 Stellschrauben drehen(eine zweite Bahnreform): Das Netz vollständig an den Bund und dann vom BMVI massiv, ach was: massivst! in die Infrastruktur investieren. Engpässe beseitigen, Parallelstrecken bauen, Langsamfahrstellen beseitigen, Brücken sanieren und dann dafür sorgen, dass man flächendeckend gute Anschlüsse und Reisezeiten hat!! Ach ja, die Bahn sollte nur dann noch wirtschaftlich arbeiten müssen, wenn es auch mindestens 30% Konkurrenz im Fernverkehr gäbe! Ansonsten - und das wäre wohl besser: Der Bund bestellt bei der Bahn - bedarfsorientiert! - den Fernverkehr (wie auf Landesebene).
guenther.kukla 13.12.2017
4. Es ist immer das gleiche....
Ursache und Schuld liegt in der Politik, aus welchen Gründen auch immer. Ja, und damit hat man ja auch den "richtigen Schuldigen" gefunden. Jetzt stellt sich allerdings die Frage: "Was macht die Politik ?" Wenn es hier um Jahrzehnte alte Fehler geht, kann man ja wohl mit Fug und Recht behaupten : "Nichts!" Und genau das ist das Problem. In Deutschland gelingt nichts mehr, weil die Politik auf der ganzen Linie versagt. Und wer kritisiert das ? Niemand, die Medien, selbst die Satiriker, sind ruhig. Kaum Kritik an der so kritikwürdigen Politik. Nur so wird dieses "Durchwurschteln" der Politik überhaupt möglich, nur so werden wir weiter eine Blamage nach der anderen eifahren. Die Frage ist also: "Warum wird keine Kritik geübt ?" Antwort bitte !
jufo 13.12.2017
5. ICE 4 ab 2018
Das ist ja bereits in drei Wochen?. Fakt ist, dass die Bahn mehr Geld für den normalen Zugverkehr braucht und wenn dies gegeben ist kann man über Stuttgart 21+x nachdenken.
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