Deutsche Bahnhöfe Frischzellenkur für die Schandflecken

Verdreckt, verschmutzt, verlassen: Viele deutsche Bahnhöfe waren jahrelang in einem erbärmlichen Zustand, doch dank milliardenschwerer Konjunkturpakete des Bundes erstrahlen sie in neuem Glanz - auch wenn man bei der Sanierung manchmal ein wichtiges Detail vergessen hat.

ICE-Tempo: Von 2009 bis 2011 wurden Bahnhöfe für über 300 Millionen Euro modernisiert
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ICE-Tempo: Von 2009 bis 2011 wurden Bahnhöfe für über 300 Millionen Euro modernisiert


Am Bahnhof in Fürth gibt es kein stilles Örtchen. Drei Jahre lang hat die Deutsche Bahn fast die Hälfte ihrer Bahnhöfe modernisiert und dann das. Ausgerechnet als Bahnchef Rüdiger Grube die Ergebnisse dieser Frischzellenkur am Dienstag im Nürnberger Hauptbahnhof vorstellt, findet Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) ein Haar in der Suppe. Wetterhäuschen seien ja schön und gut, sagt er - den Fürthern wäre eine Toilette aber womöglich lieber.

"Die Toilette in Fürth wird in Ordnung gebracht", verspricht Grube - ansonsten klopft man sich zum Abschluss der Modernisierungsoffensive auf die Schulter. Für die Verbesserungen an Deutschlands Bahnhöfen und im Schienenverkehr hatte die Bundesregierung rund 1,4 Milliarden Euro aus Mitteln des Konjunkturprogramms bereitgestellt, weitere 100 Millionen Euro investierte die Bahn selbst.

"Diese Investitionen bedeuten spürbare Verbesserungen für die Bahnkunden und machen die Bahn noch attraktiver", sagt Ramsauer. Von den Umbauten profitierten nicht nur Reisende, sondern auch die Wirtschaft, betont Bahnchef Grube. Die Bundesmittel hätten viele Folgeinvestitionen ausgelöst. Allein am Bahnhofs-Erneuerungsprogramm seien 500 kleine und mittelständische Unternehmen beteiligt gewesen.

Ramsauer sieht im früher geforderten Renditestreben der Bahn wegen des geplanten Börsengangs einen Grund, warum seit den neunziger Jahren zu wenig Geld in die Bahnhöfe gesteckt wurde. Gerade in Kleinstädten entwickelten sich die Empfangsgebäude zu den "Schandflecken Nummer eins" - heruntergekommen und besprüht mit Graffiti - für Reisende ein Graus.

Der Dank gebührt der Bankenkrise

Doch manchmal liegt in der Krise eine Chance: Nach dem Kollaps der Bank Lehman Brothers im September 2008 war die Weltwirtschaft ins Straucheln geraten. Um eine lange Talfahrt zu vermeiden, wurden riesige Konjunkturpakete geschnürt, die aber die Schuldenmisere vieler Staaten weiter verschärfte. In Deutschland gab es zunächst das Konjunkturpaket I, Hunderttausende Jobs wurden durch eine Ausweitung der Zahlungen für Kurzarbeit gesichert. 2009 folgte ein zweites, rund 50 Milliarden schweres Paket, von dem auch die Bahn profitierte.

Der Konzern splittete die 1,4 Milliarden Euro des Bundes in drei eigene Konjunkturprogramme: 960 Millionen Euro wurden für den Ausbau des 34.000 Kilometer langen Schienennetzes veranschlagt, etwa auf den Strecken Nürnberg-Erfurt, Karlsruhe-Basel oder die Anbindung des neuen Willy-Brandt-Flughafens in Berlin. 100 Millionen Euro flossen, um 135 Kilometer an Bahnstromtrassen zu erneuern. Zudem wurden vier neue Umrichterwerke gebaut, mit denen Strom aus dem 50-Hertz-Netz in den für Züge notwendigen 16,7-Hertz-Wechselstrom umgewandelt wird.

Bahnhöfe vermodern in Kleinstädten

Die sichtbarste Veränderung für Millionen Zugreisende ist aber der dritte Teile der Konjunkturmaßnahmen: 325 Millionen Euro gab es vom Bund für die Verbesserung und Renovierung von 2100 der 5400 Bahnhöfe in Deutschland. Dies war allein schon deshalb gut angelegtes Geld, weil die Beförderungsleistung der Eisenbahnen in den vergangenen zehn Jahren um 20 Prozent gestiegen ist. Immer mehr Bürger satteln gerade im Nahverkehr vom Auto auf den Zug um.

Besonders in Kleinstädten moderten viele Bahnhöfe seit Jahren vor sich hin. Abends stand mancher Fahrgast am dunklen Gleis, nachdem er sich durch vollurinierte Unterführungen zum Bahnsteig quälen musste. Zuganzeige? Fehlanzeige. Daher wurden rund 70 Millionen Euro in neue Beleuchtungen an Bahnsteigen, elektrische Anzeigetafeln und in Unterführungen gesteckt.

Und gerade im Winter dürfte es Reisende freuen, dass es in 31 Bahnhöfen dank energetischer Sanierungen nicht mehr ganz so kalt ist. Und an 213 Bahnhöfen wurde der Wetterschutz verbessert, etwa durch den Bau neuer Wartehäuschen. Der Löwenanteil der Maßnahmen wurde mit 57,3 Millionen Euro in Bayern getätigt, der Heimat von Ramsauer.

Doch reicht das alles? Schließlich steht für weitere Sonderpakete wegen der Euro-Krise kaum noch Geld zur Verfügung. Der Fahrgastverband Pro Bahn betont, gerade in Ostdeutschland und in den Grenzregionen herrsche nach wie vor erheblicher Modernisierungsbedarf - Grube kündigt an, dass weitere Millionen investiert werden sollen. Und Minister Ramsauer betont, weiter Druck bei der Bahn machen zu wollen. Dem Sender n-tv sagte er, sein Ziel sei es, "dass wir auch den kleinsten Bahnhof in der kleinsten Region (...) irgendwann so erneuern, dass es uns und auch die Bürger in der Region stolz macht".

Georg Ismar und Antonia Lange, dpa



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
loeweneule 31.01.2012
1.
Auf diversen kleinen Bahnhöfen habe ich in letzter Zeit elektronische Anzeigetafeln entdeckt. Nennen sich, glaube ich, Fahrgastinformation. Und da steht dann immer die aktuelle Uhrzeit drauf. Sonst nix. Keine Verspätungen, keine Anzeige des nächsten Zuges, nur die Uhrzeit. Toll.
Kaworu 31.01.2012
2.
Zitat von loeweneuleAuf diversen kleinen Bahnhöfen habe ich in letzter Zeit elektronische Anzeigetafeln entdeckt. Nennen sich, glaube ich, Fahrgastinformation. Und da steht dann immer die aktuelle Uhrzeit drauf. Sonst nix. Keine Verspätungen, keine Anzeige des nächsten Zuges, nur die Uhrzeit. Toll.
Diese Teile sind zumindest technisch dazu in der Lage, ich habe schon Verspätungsmeldungen auf diesen kleinen Anzeigetafeln lesen können.
Charlie Whiting 31.01.2012
3. Kann es sein...
...dass sich gar nichts getan hätte, wenn der Staat nicht über 90% bezahlt hätte?
loeweneule 01.02.2012
4.
Zitat von KaworuDiese Teile sind zumindest technisch dazu in der Lage, ich habe schon Verspätungsmeldungen auf diesen kleinen Anzeigetafeln lesen können.
Ich hatte mir schon gedacht, daß diese Dinger sowas können. Und immerhin schön, daß es auch - wie Sie schrieben - hier und da vorkommt. Naja, gut Ding will Weile haben...
earl grey 01.02.2012
5. insgesamt zu marode
---Zitat--- Der Löwenanteil der Maßnahmen wurde mit 57,3 Millionen Euro in Bayern getätigt, der Heimat von Ramsauer. ---Zitatende--- Na prima. Während also in Bayern jeder kleine Dorfbahnhof für ein-zwei Fahrgäste pro Tag aufwendig renoviert wird, stehe ich in einer Großstadt wie Bremen jeden Tag im Regen, weil die Bahnsteige nur teilweise überdacht sind; sinnigerweise halten die Wagen der 2.Klasse im überdachten Teil... aber die Bahn ist eh meilenweit davon entfernt, erstklassig zu sein. Da kann man die Fahrgäste der 1.Klasse für den kleinen Aufpreis ruhig im Regen stehen lassen... Aber irgendwann ist die A1 zwischen Bremen und Hamburg ja fertig ausgebaut, dann fahr ich wieder mit dem Auto. Die Bahn ist definitiv keine Alternative, dafür ist sie insgesamt zu marode.
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