Von Holger Dambeck
Ralf Klagges macht gerne Kreuze. Nicht auf Papier und aus Langeweile, sondern beim Design von Fahrradrahmen. Bei fast allen Modellen seiner Marke Utopia Velo sind die Rohre nicht einfach nur an den Enden zusammengelötet oder geschweißt. Sie kreuzen einander zusätzlich. Das liegt auch daran, dass es mehr davon gibt als beim üblichen Diamantrahmen. Die zusätzlichen Querstreben fallen nicht nur auf, sie sorgen vor allem für enorme Stabilität.
Klagges lebt sehr gut von seinen Kreuzrahmen. Viele seiner Kunden geben mehr als 3000 Euro für ein komplett ausgestattetes Rad aus. Das ist viel Geld im Vergleich zu den 500 Euro, die ein neues Rad hierzulande im Durchschnitt kostet.
Die Räder, die Utopia baut, sind vor allem für Reiseradler und Vielfahrer interessant. Die Rahmen sind aus Stahl, ihre spezielle Konstruktion macht sie so stabil, dass sie auch bis zu 140 Kilogramm schwere Fahrer problemlos verkraften. "Herkömmliche Räder sind mitunter nur für insgesamt 100 Kilogramm ausgelegt, also für etwa 85 Kilogramm Körpergewicht", sagt Klagges.
Tausend Euro für die Gangschaltung
Seine Firma verbaut hochwertige Komponenten wie den leichtlaufenden SON-Nabendynamo oder die 14-Gang-Nabenschaltung von Rohloff, die allein schon 1000 Euro kostet. Trotz der hohen Preise fühlen sich die Käufer von Utopia-Rädern keinesfalls über den Tisch gezogen. Im Forum des Herstellers wirken sie wie eine eingeschworene Gemeinschaft, gegenseitig gratulieren sie sich zum Kauf eines neuen Rades: "Die wissen, wo die Unterschiede zu normalen Rädern sind", meint Klagges und verweist auf die hohen Laufleistungen von 60.000 bis 100.000 Kilometern, die seine Räder erreichen. Ein normales City-Bike komme dagegen nur auf 10.000 bis 20.000 Kilometer.
Ein paar tausend Räder produziert Utopia pro Jahr - und dabei soll es auch bleiben. "Wir wollen nicht größer werden", sagt Klagges, "und wir können es auch kaum, denn in unserer Preisklasse ist es kaum möglich zu wachsen. Der Kundenkreis ist nicht so riesig."
Ganz so klein scheint die Zahl der Abnehmer aber dann doch nicht zu sein, denn auf dem Markt der edlen Reise- und Alltagsräder tummeln sich noch mehr kleine Schmieden. Etwa Patria aus Bielfeld, toutterrain aus Freiburg oder Velotraum aus Weil der Stadt bei Stuttgart. All diese Firmen eint, dass sie Räder anbieten, die individuell nach Kundenwunsch gebaut werden. Die Manufakturen sind gewissermaßen die Antwort auf die industrielle Massenfertigung in der Fahrradbranche, bei der es vor allem um niedrige Preise geht.
Keine Angst vor Speichenbruch
Klagges gründete Utopia vor 30 Jahren in Frankfurt. "Damals gab es nur bei Rennrädern Qualität, alles andere nannten wir fabrikneuen Sperrmüll", sagt er. "Wir wollten Räder bauen, mit denen man reisen kann, ohne Angst haben zu müssen, dass Speichen brechen oder die Bremsen versagen."
Ganz ähnlich dachte Stefan Stiener, als er 1992 mit seiner Firma Velotraum in Stuttgart startete. Sein Markenzeichen sind Mountainbikes, die nicht unbedingt wie Mountainbikes aussehen. Sämtliche Räder von Velotraum haben 26-Zoll-Räder, aber ansonsten ist alles möglich - vom Rennlenker über geschwungene Lenker bis zur Ketten- und Nabenschaltung.
Ergonomie ist für Stiener essentiell: "Ein Sitzriese braucht einen anderen Rahmen als ein gleich großer Mensch mit normalen Proportionen." Und so bittet er seine Kunden zur Vermessung ins Geschäft. Sie setzen sich dann auf eine Art Ergometer - eine Messmaschine, an der sich Rahmenhöhe, Oberrohrlänge und Lenker schnell verändern lassen. "Anpassung ist wichtig", sagt Stiener, "und Qualität ist immer kundenspezifisch."
Keine Wachstumsambitionen
Utopia punktet mit seiner auffälligen Rahmengeometrie, bei Velotraum sind die technischen Raffinessen für den Laien hingegen kaum zu erkennen. Da ist zum Beispiel das Exzentertretlager. Damit lässt sich bei Rädern mit Nabenschaltung bequem die Kette spannen, indem man die Tretlagerachse ein Stück nach vorn bewegt.
Die Ausfallenden, in denen die Hinterradnabe sitzt, hat Stiener so gestaltet, dass jedes seiner Räder sowohl mit Ketten- als auch mit Nabenschaltung bestückt werden kann. Auch bei den Bremsen kann der Kunde frei wählen zwischen Felgen- und Scheibenbremse und später problemlos umrüsten.
600 bis 700 Räder baut Velotraum mit sechs bis sieben Mitarbeitern pro Jahr. Die Preise beginnen ab 1500 Euro, Zielgruppe sind Reise- und Alltagsradler. "Wir haben keine Ambitionen zu wachsen", sagt Stiener. Der direkte Kontakt zum Kunden gehe sonst immer mehr verloren. "Unser Konzept lässt sich nicht nach oben skalieren - maximal 1000 Räder pro Jahr sind möglich."
Um ihre Zukunft brauchen sich die kleinen deutschen Fahrradschmieden keine Sorgen zu machen, so lange sie technische Raffinessen anbieten, die man bei Rädern von der Stange nicht findet. "Man braucht das Rad nicht neu erfinden", meint Oliver Römer von der Firma toutterrain, die eine USB-Ladebuchse für den Lenker entwickelt hat. "Aber es lohnt sich, etwas zu bauen, das es noch nicht gibt, auch wenn die Verkaufszahlen nicht riesig sind."
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