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Die Krux mit dem Kombiangebot: Rail&Fluch

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"Günstig und stressfrei zum Flughafen!", so wird Rail&Fly häufig beworben. Verpasst der Kunde aber aufgrund eines verspäteten Zuges sein Flugzeug, zeigt sich die Tücke des Angebots. Er bleibt auf den Kosten sitzen - denn weder Airline noch Bahn fühlen sich verantwortlich.

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Chaos am Bahnsteig: Rail&Fly-Kunden müssen viel Pufferzeit einplanen

Wenn alles klappt, ist Rail&Fly eine feine Sache: Die Fahrt zum Flughafen ist im Flugpreis inbegriffen oder sehr günstig. Umweltunfreundliche Inlandsflüge werden vermieden, Pannen und Staus auf Autobahnen sind kein Thema. Die Deutsche Bahn fährt "stressfrei zum Flughafen", so zumindest wirbt sie auf ihrer Webseite. Mehr als 70 Airlines bieten das vermeintliche Rundumsorglos-Paket an, rund 2,5 Millionen Kunden im Jahr buchen es.

Bei David Külby blieben diese Worte ein Werbeversprechen - seine Reise begann ganz und gar nicht stressfrei. Auf der Fahrt von Basel zum Frankfurter Flughafen stoppte sein ICE. Für Külby zunächst kein Grund, nervös zu werden, denn selbst eine zweistündige Verspätung hatte er eingeplant. Wegen Schnee und eines Personenunfalls brauchte er jedoch zweieinhalb Stunden länger, das Boarding schaffte er nicht. Seine Reise konnte Külby erst am nächsten Tag fortsetzen.

Auf den Kosten blieb er sitzen: Für den verpassten Flug zeigte sich weder die Bahn noch die Lufthansa verantwortlich, die das Kombiticket verkauft hatte. Lufthansa ließ Külby die Umbuchungsgebühr von rund hundert Euro bezahlen, von der Übernachtung ganz zu schweigen. Die zehn Euro, welche Rail&Fly-Kunden "aus Kulanz und ohne Anerkennung einer Rechtspflicht" von der Bahn erhalten, waren kaum ein Trost.

David Külby fühlt sich durch das aneinander gekoppelte Zug- und Flugticket getäuscht. Ein Sprecher der Lufthansa rechtfertigt das Vorgehen: Das müsse so sein, weil die Bahn den günstigen Tarif sonst nicht gewähren würde. "Der Vorteil bei Rail&Fly ist der attraktive Preis."

Gestresst in den Urlaub

So wie Lufthansa solche Fälle handhabt, ist es gängige Branchenpraxis. Einer Ethiopian-Airlines-Kundin wurde sogar erst fünf Tage nach dem verpassten Flug von Frankfurt ein Platz angeboten. Am Folgetag waren zwar Sitze in der ersten Klasse verfügbar, den Aufpreis von rund 650 Euro hätte die Kundin aber selbst zahlen müssen. Entstandene Kosten wurden nicht erstattet, die verlorenen Reisetage blieben unentschädigt.

Wie viele Rail&Fly-Kunden ihre Flüge aufgrund verspäteter Züge verpassen, erheben die Unternehmen nicht. "Wir führen darüber keine Statistik", sagt ein Lufthansa-Sprecher. "Solche Zahlen würden wir auch nicht rausgeben." Auch von Ethiopian Airlines, Condor, Air Berlin und Germanwings waren keine Größenordnungen zu erfahren, genauso wenig wie von der Deutschen Bahn.

Anhaltspunkte geben Einträge auf Internetplattformen wie dem Vielfliegerforum.de oder Vielfliegertreff.de sowie Angaben der Schlichtungsstelle für öffentlichen Personenverkehr (SÖP). Hier gehen jährlich rund 60 Schlichtungsanträge im Zusammenhang mit Rail&Fly-Tickets ein. Geschäftsführer Heinz Klewe rät grundsätzlich, einen ausreichenden Zeitpuffer einzuplanen und sich bei Problemen an die SÖP zu wenden. "Obwohl die Bahn nicht Vertragspartner der Reisenden ist, konnten wir in vielen Fällen eine einvernehmliche Lösung zwischen Reisenden und Verkehrsunternehmen erzielen", sagt Klewe.

BGH-Urteil betrifft nur Reiseveranstalter

Bleibt die Frage nach der Haftung. Ein Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) hat das nur für Reiseveranstalter geklärt, die Pauschalreisen anbieten und Rail&Fly als eigene Leistung darstellen. Diese müssen bei verpassten Flügen alle Folgekosten übernehmen - vorausgesetzt, der Reisende hat die Verbindung so gewählt, dass er ohne Zugverspätung rechtzeitig zur Abfertigung erschienen wäre.

Als Reiseveranstalter gilt dabei, wer mindestens zwei touristische Leistungen wie Flug und Unterkunft kombiniert und sie eigenverantwortlich sowie auf eigene Rechnung durchführt. Airlines betrifft der BGH-Spruch also nicht. Rechtsanwalt Holger Hopperdietzel, Spezialist für Reise- und Luftverkehrsrecht, sieht das kritisch: Mit inkludierten Bahnfahrten suggerierten die Fluggesellschaften eine eigene Leistung, für die sie sich auch verantwortlich zeigen sollten.

"Verpasst ein Kunde seinen Anschlusszug, schafft die Bahn Abhilfe. Auch Fluggesellschaften bieten kostenlosen Ersatz an, wenn ein Anschlussflug nicht erreicht wird", sagt Hopperdietzel. "Bei Rail&Fly beziehen sich die Angebote aufeinander. Es ist nicht einzusehen, warum die Fluggesellschaft, die die Zugfahrt als zusätzliche Leistung mit der Deutschen Bahn als Erfüllungsgehilfin anbietet, nicht in der Pflicht stehen sollte."

Allerdings gibt es noch keine Urteile zu solchen Fällen. Fluggesellschaften ließen es meist nicht auf eine Klage ankommen, sagt der Jurist. Im Zweifel würden sie die Forderungen anerkennen, um rechtskräftige Entscheidungen zu verhindern.

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1. dass die Bahn nicht zuverlässig ist weiß man!
Spiegelleserin57 14.01.2014
es ist hinreichend bekannt dass man sich auf Bahnanschlüsse nicht verlassen kann. Eine frühzeitige Anreise ist daher Pflicht sodass Verzögerungen keine Probleme bringen. Das kann kann auch bei der Anreise mit dem Auto passieren. Ich würde nie so Kombiticket wählen da man ja die Risiken kennt. Wenn man den Zug auswählen kann sollte es kein Problem sein.
2. Letzter Absatz
MTBer 14.01.2014
Wieso liegen keine Urteile vor, wenn es die Fluggesellschaften auf eine Klage ankommen lassen?
3.
kommentar4711 14.01.2014
Soso, bei Schneefall 2 Stunden "Puffer", offenbar aber zum letztmöglichen Boarding-Zeitpunkt gerechnet. Sorry, aber das ist zu knapp und da muss der Reisende sich selbst an die Nase fassen.
4. Man kann halt nicht Alles haben
godfather58 14.01.2014
Günstige Preise und rundrum perfekter Service und Versicherungsschutz schließen sich halt aus. Generell gibt es halt bestimnmte Lebensrisiken die jeder Mensch selbst tragen oder wenn möglich versichern muss. Wo ist das Problem liebe Sparfüchse?
5. Nie wieder!
DonCarlos 14.01.2014
Auch vom Flugzeug in die Bahn ist problematisch. Ich dachte ja, die ICE fahren ja jede Stunde. Daher ist es kein Problem, wenn der Flieger etwas später kommt. Falsch gedacht. Die Fluggesellschaft hatte nicht in jedem ICE reserviert sondern nur alle 4 Stunden. Die Option Rail&Fly wird bei mir als Suchoption immer ausgehakt.
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