Die neue Rügenbrücke "Staunen, nicht stauen"

Masse en masse: 180.000 Tonnen Beton und 22.000 Tonnen Stahl wurden zur längsten Brücke Deutschlands verbaut. Jetzt ist die neue Megabrücke vom Festland auf die Ferieninsel Rügen fertig - das 4,1-Kilometer-Bauwerk wurde eingeweiht.


Stralsund - Die Eröffnung begann mit einem Stau. Der Andrang an Schaulustigen, die das monumentale Bauwerk sehen wollten, war so groß, dass der Verkehr in Stralsunds Altstadt zusammenbrach. Schon am Freitag waren 40.000 Gäste gezählt worden. Insgesamt werden am Eröffnungswochende etwa 250.000 Besucher erwartet.

Gemeinsam mit Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Harald Ringstorff und Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (beide SPD) schnitt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Samstagnachmittag das symbolische Eröffnungsband auf der Schrägseilbrücke durch.

Vor mehr als 1000 geladenen Gästen bezeichnete Merkel den Neubau als architektonisches Meisterwerk, das spannende Blicke auf die größte deutsche Insel und das Festland ermögliche. Die Rügenbrücke, die im Einklang mit Stralsunds Status als UNESCO-Weltkulturerbe errichtet worden sei, sei wichtig für die touristische und wirtschaftliche Entwicklung der Region, sagte Merkel. Besondere Bedeutung habe sie für den Fährhafen Sassnitz, der im Ergebnis jüngster deutsch-russischer Konsultationen auf Verkehrsministerebene wieder zu einer wichtigen Drehscheibe des Ost-West-Handels werde.

"Ingenieurtechnische Meisterleistung"

"Ab jetzt heißt es nicht mehr Stauen, sondern Staunen", sagte Ringstorff und bezog sich dabei auf die oft kilometerlangen Autoschlangen vor dem Vorgänger der Brücke, dem Rügendamm. Zudem würdigte er die Hochbrücke als ingenieurtechnische Meisterleistung. Sie sei ein Symbol für die wachsende Stärke der Region.

Die neuen Rügenbrücke führt von Vorlandbrücken auf dem Festland über vier Prozent Gefälle zu einer seilverspannten Hochbrücke über den Ziegelgraben zur Insel Dänholm und anschließend weiter über eine Spannbetonbrücke durch den Strelasund nach Rügen.

Drei Jahre dauerten die Arbeiten an der insgesamt 4,1 Kilometer langen Konstruktion, die von der Planungsgesellschaft Deges als längstes deutsches Brückenbauwerk bezeichnet wird.

Hightech-Verkehrsleitsystem

Kernstück ist die 128 Meter hohe Pylonbrücke mit einer Schiffsdurchfahrtshöhe von 42 Metern. Das öffentlich finanzierte und daher mautfrei benutzbare Bauwerk kostete inklusive aller Anschlussstellen 125 Millionen Euro.

Für den Bau der zu den größten Verkehrsbauten Deutschlands gehörenden Brücke waren etwa 180.000 Tonnen Beton sowie 22.000 Tonnen Stahl erforderlich. Gesteuert wird der Verkehr über ein 2,9 Millionen Euro teures kamera- und sensorgestütztes Leitsystem, das in der Verkehrszentrale im mecklenburgischen Malchow überwacht wird.

Von dieser Zentrale aus soll die dritte Mittelspur je nach Verkehrslage für den Autostrom zum Festland oder zur Insel freigegeben werden. Insgesamt 34 Kameras, 17 Verkehrszeichenbrücken mit Freitextanzeigen sowie in die Fahrbahn eingelassene Leuchtpunktmarkierungen stehen zur Verfügung, um den Verkehr auf der Brücke zu regeln.

Eine Brücke mit Spoilern

Vorerst werden aber lediglich zwei der drei Spuren freigegeben. Von der Verkehrsleitzentrale in Malchow aus soll das Verkehrsleitsystem zunächst ausführlich anhand verschiedener Szenarien für Starkregen, Nebel, Schnee und Sturm getestet werden. Erst nach Abschluss dieser Tests soll auch die dritte Fahrspur freigegeben werden.

Als einzigartig gilt das am Computer und im Windkanal getestete Windabweisersystem. Zusätzlich zum üblichen Brückengeländer wurden zwei Meter hohe Spezialglaswände installiert. Diese sollen das übliche Kippmoment eines vier Meter hohen Lkw auf ein Drittel reduzieren. Die neue Rügenbrücke muss daher allenfalls bei extremen Windstärken für Lastwagen und Pkw-Gespanne gesperrt werden. Experten gehen davon aus, dass diese windanfälligen Fahrzeuge nur an durchschnittlich drei Tagen im Jahr über den alten Rügendamm umgeleitet werden müssen.

Kritik von Umweltschützern

Umweltverbände warnten noch kurz vor der Eröffnung vor den negativen Auswirkungen der Mega-Brücke. Die Tausenden zusätzlich auf die Insel rollenden Fahrzeuge würden das Landschaftserlebnis auf Rügens Alleen zum Albtraum machen, sagte die Landesvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), Corinna Cwielag, am Samstag in Stralsund. Insgesamt, so Cwielag, würden 170 Hektar der Insel beim Bau der Anschlussstraße an die Brücke versiegelt, rund 200 Bäume gefällt.

Marlies Preller vom Naturschutzbund (NABU) bezeichnete die Rügenbrücke als "Leitung in eine Sackgasse", da der Verkehr von dem Bauwerk weiterhin auf die alte Landstraße geführt wird. Die sollte eigentlich durch eine 20 Kilometer lange Neubau-Bundesstraße ersetzt werden. Die Nachmeldung von Naturschutzgebieten hat den Baustart allerdings erheblich verzögert.

Bis 2011, so hofft die Planungsgesellschaft Deges, soll aber auch dieses Nadelöhr behoben und die neue Straße gebaut sein. Kritiker fordern hingegen, anstelle eines Neubaus solle lieber die bestehende Verbindung verbreitert und durch Kreisverkehre von stauträchtigen Ampeln befreit werden.

Insgesamt, so die Planung, sollen täglich bis zu 23.000 Fahrzeuge über die neue Brücke rollen. Weitere 9000 sollen die alte Strelasund-Querung passieren. Bisher lag die Kapazität des 1936 eingeweihten Rügendamms bei maximal 18.000 Fahrzeugen pro Tag.

mak/ddp/dpa



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