Diskriminierung im Urlaub Vermieterin wirft Behinderten aus Ferienhaus

Eine Familie setzt sich zur Wehr. Auf Usedom mussten die Löfflers aus Westfalen ihr Ferienhaus räumen, da die Vermieterin sich an der Behinderung des Sohnes störte. Das löste eine Welle der Empörung aus.

Von Carolin Jenkner


Berlin - Für Familie Löffler sollte es eine schöne Sommerreise werden: zwei Wochen Usedom in einem Ferienhaus in Bansin. Aber der Urlaub dauerte nur eine Nacht. Dann legte die Vermieterin des Ferienhauses den Löfflers nahe, die Wohnung wieder zu räumen. Der Grund war die Behinderung des Sohnes Martin, 27.

Familie Löffler aus Bönen: Weil Sohn Martin Windeln trägt, schmiss die Vermieterin des Ferienhauses die Familie raus
Andreas Tiggemann

Familie Löffler aus Bönen: Weil Sohn Martin Windeln trägt, schmiss die Vermieterin des Ferienhauses die Familie raus

Sein älterer Bruder Stefan, 29, kann es immer noch nicht fassen: "So etwas ist uns noch nie passiert", erzählte er SPIEGEL ONLINE. Seit 20 Jahren fahren seine Eltern mit Martin in den Urlaub. Früher war auch Stefan Löffler immer dabei. Dieses Jahr aber wollten seine Eltern alleine mit Martin los und fuhren am vergangenen Sonntag aus Bönen im Kreis Unna nach Usedom. Das Ferienhaus hatten sie schon im Januar gemietet. Am Telefon hatte Vater Reinhard Löffler erwähnt, dass sein Sohn körperlich und geistig schwerbehindert sei und im Rollstuhl sitze. Damals war das noch kein Problem für die Vermietung. Bei der Ankunft der Gäste dann schon.

"Erst begrüßte die Vermieterin meine Eltern und meinen Bruder noch freundlich", erzählt Stefan Löffler. "Aber als meine Mutter fragte, wo sie die Windeln entsorgen könne, da guckte sie schon ganz komisch." Später habe der Vater dann bei der Vermieterin geklingelt, weil der Fernseher nicht richtig funktionierte. Da habe sie ihn hereingebeten und ihm eröffnet, dass sie nicht länger bleiben dürften. "Die Vermieterin warf meinem Vater vor, dass er ihr verschwiegen habe, dass Martin gewindelt werden müsse", schildert Löffler. "Und dann sagte sie noch: Was sollen denn die Nachbarn denken?"

Familie Löffler blieb nur eine Nacht in der Wohnung. Am nächsten Tag wollten sie eine andere Unterkunft suchen - was sich als unmöglich mitten in den Sommerferien erwies. Auf dem Rückweg nach Nordrhein-Westfalen informierten die Eltern ihren Sohn Stefan per Handy über ihren missglückten Urlaub. "Meine Mutter war total fertig am Telefon", erinnert er sich. Stefan Löffler schritt sofort zur Tat: Er informierte die lokale Presse per E-Mail. Seitdem rennen die Journalisten der Familie die Türen ein. "Aber das wollten wir auch", sagt Löffler. "Ich möchte, dass über so ein Unrecht informiert wird."

Vermieterin begründet Rausschmiss mit Entsorgungsproblem

Auch bei der Vermieterin in Bansin, Anita Hahn, steht das Telefon nicht mehr still. Sie will sich mittlerweile nicht mehr zu dem Vorfall äußern. "Ich werde mit Anrufen bombardiert", sagte sie zu SPIEGEL ONLINE. "Aber ich antworte darauf nicht mehr."

Noch gestern hatte sie gegenüber der Nachrichtenagentur dpa Vorwürfe der Diskriminierung zurückgewiesen. Sie verwies auf die mangelnde Hygiene durch die geplante Entsorgung der Windeln im Hausmüll. Sie seien Sondermüll und dürften nicht im Hausmüll entsorgt werden. Eine merkwürdige Begründung der Vermieterin, denn auch auf Usedom gehören Windeln zum ganz normalen Hausmüll, wie das Entsorgungsbüro in Karlsburg SPIEGEL ONLINE bestätigte.

Anita Hahn sagte der dpa auch, sie habe eine Verunreinigung der Wohnung durch Kot und Urin befürchtet. Dabei ist Martin Löffler nach Angaben seines Vaters nicht einmal in der Lage, sich selbst auszuziehen.

Die Empörung über den Fall ist groß. Bert Balke, der Geschäftsführer der Usedom Tourismus GmbH sagte: "Wir waren von der Meldung entsetzt und distanzieren uns in aller Form vom Verhalten der Vermieterin. Für die Familie Löffler aus Bönen tut es uns furchtbar leid."

Bundestagsabgeordneter: "Das ist eine Schweinerei"

Der Bundestagsabgeordnete des Kreises Unna, Hubert Hüppe (CDU), war ebenfalls außer sich, als er von dem Fall hörte: "Das ist eine Schweinerei", sagte er zu SPIEGEL ONLINE. Als Behindertenbeauftragter des Bundestages hört Hüppe immer wieder mal von Diskriminierungsfällen. "Aber ein solcher Fall ist mir noch nicht untergekommen", sagt er. "Ich hätte es ja verstehen können, wenn die Vermieterin Fragen zur Entsorgung der Windeln gehabt hätte, aber deswegen jemanden nach Hause zu schicken, ist schlimm."

Gertrud Genvo von der "Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung" glaubt, dass die Geschichte von Familie Löffler kein Einzelfall ist: "Das gibt es immer mal wieder, dass Leute sagen, dass Menschen mit geistiger Behinderung nicht erwünscht sind", sagte sie zu SPIEGEL ONLINE. Im Moment prüft die Lebenshilfe den Fall einer Gruppe aus Wetzlar, die ein Hotel für eine Ferienfreizeit angefragt hatte und als Antwort bekam, dass aus "betrieblich strukturierten Gründen" keine Gäste mit geistiger Behinderung aufgenommen werden könnten.

Der Deutsche Tourismusverband (DTV) wollte sich zu der Geschichte der Familie Löffler noch nicht detailliert äußern. "Das ist ein Vorfall, den wir nicht begrüßen", sagte Pressesprecherin Nicole Habrich zu SPIEGEL ONLINE, "aber wir kennen die Hintergründe noch nicht, um ihn beurteilen zu können."

Familie Löffler hat sich mittlerweile Hilfe geholt. Bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hat sie schon einen Termin mit einem Rechtsanwalt vereinbart. Die Reiserechtsexpertin der Verbraucherzentrale glaubt, dass die Vermieterin den Vertrag nicht hätte kündigen dürfen: "Allein der Umstand, dass eine Person Windeln trägt, reicht nicht aus, ein solches Mietverhältnis zu beenden", sagte sie.

Antidiskriminierungsstelle berät die Familie

Die Löfflers haben sich außerdem an die Antidiskriminierungsstelle in Berlin gewandt. Seit einem knappen Jahr können sich hier Menschen melden, die sich nach dem Allgemeinen Gleichstellungsgesetz diskriminiert fühlen. Karl Moehl, Pressereferent bei der Antidiskriminierungsstelle, kann den Fall noch nicht eindeutig einordnen. Fest steht für ihn aber: "Wir bedauern es sehr, dass es in Deutschland scheinbar immer noch nicht möglich ist, vernünftig mit Behinderten umzugehen."

Die Antidiskriminierungsstelle wird die Familie nun über ihre Rechte informieren. Nach dem Gleichstellungsgesetz wird die Familie aber wohl keine Ansprüche geltend machen können: Dazu müsste es sich um Massenvermietungen handeln. Da Anita Hahn aber nur ein Ferienhaus in ihrem eigenen Garten vermietet, fällt die Geschichte wohl eher unter die vielen Ausnahmen des Gesetzes. Was bleibt, ist das Vertragsrecht. Und da vermutet die Antidiskriminierungsstelle, dass Familie Löffler gute Chancen hat.

Martin selbst hat von dem ganzen Trubel kaum etwas mitbekommen. "Er ist geistig auf dem Stand eines Zwei-bis Dreijährigen", sagt sein Bruder Stefan. Normalerweise arbeitet Martin in einer Behindertenwerkstatt in Kamen. Jetzt aber macht er erst mal Urlaub mit seinen Eltern im Sauerland. Dort ist er willkommen: Eine Stiftung hat der Familie den Urlaub geschenkt, als sie von dem Fall gehört hat. Und auch die Tourismusgesellschaft Usedom hat reagiert. Sie hat die Löfflers zu einem fünftägigen Urlaub auf dem ersten behindertengerechten Segelschiff in Deutschland eingeladen.

Hinweis der Redaktion: Bei der im Text genannten Vermieterin auf Usedom handelt es sich nicht um Frau Anita Hahn aus Kölpinsee, die gemeinsam mit ihrem Mann Ulrich ebenfalls Ferienunterkünfte vermietet. Sie hat mit Frau Anita Hahn in Bansin nichts zu tun.



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Seite 1
quadraginti, 27.07.2007
1.
Den Gastwirten und Hoteliers geht's noch viel zu gut. Der Pensionswirtin gehört sofort die Lizenz entzogen. Der Fall ist doch nur *die Spitze des Eisbergs*.
Rainer Helmbrecht 27.07.2007
2. Kinderland mit aussicht auf Krippen;o).
Zitat von sysopEine Familie setzt sich zur Wehr. Auf Usedom mussten die Löfflers aus Westfalen ihr Ferienhaus räumen, da die Vermieterin sich an der Behinderung des Sohnes störte. Das löste eine Welle der Empörung aus. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,496879,00.html
Es gibt auch Diskriminierung durch Behörden. Die Ausländerbehörde HH wollte einer Kurdin, die seit 22 Jahren in HH lebt ausweisen, weil vor 20 Jahren mit ihrer Personalakte etwas unklar war. Diese Frau hat 2 Kinder, eines davon schwer behindert, sie muss Tag und Nacht mit Sauerstoff beatmet werden, ist als rund um die Uhr auf ihre Mutter angewiesen. Antwort des Ausländeramtes: es ist der Mutter durchaus zu zumuten sich für eine gewisse Zeit von ihrem Kind zu trennen. Erst nachdem das Fernsehen sich einschaltete wurde in letzter Minute, die Abschiebung "Ausgesetzt". Deutschland ist eben kein Land für Kinder, behinderte schon gar nicht. MfG. Rainer
UdoL 27.07.2007
3. Re.
Zitat von Rainer HelmbrechtEs gibt auch Diskriminierung durch Behörden. Die Ausländerbehörde HH wollte einer Kurdin, die seit 22 Jahren in HH lebt ausweisen, weil vor 20 Jahren mit ihrer Personalakte etwas unklar war. Diese Frau hat 2 Kinder, eines davon schwer behindert, sie muss Tag und Nacht mit Sauerstoff beatmet werden, ist als rund um die Uhr auf ihre Mutter angewiesen. Antwort des Ausländeramtes: es ist der Mutter durchaus zu zumuten sich für eine gewisse Zeit von ihrem Kind zu trennen. Erst nachdem das Fernsehen sich einschaltete wurde in letzter Minute, die Abschiebung "Ausgesetzt". Deutschland ist eben kein Land für Kinder, behinderte schon gar nicht. MfG. Rainer
Das kann man aus einzelnen Fällen wie diesem hier schließen? Und in anderen Ländern passiert sowas nicht? Nicht nur mit dem Urteil über das böse Deutschland, sondern auch mit dem Urteil über die Vermieterin wäre ich vorsichtiger. Es ist immerhin möglich, daß der Anlaß der Kündigung ein ganz anderer war. So etwas wie "Diskriminierung" läßt sich sehr gut vorschieben. Und das wird manchmal auch versucht, machen wir uns da mal nichts vor. Die Chancen der Vermieterin, das ggf. klarzustellen, dürften eher gering sein.
ignazwrobel 27.07.2007
4. Deutschland ?
Wir führen auf, das neue Theaterstück: "Die Maske fällt, zurück in die Vergangenheit" Ort der Aufführung: "Deutschland" Machen wir uns nichts vor. Die Maske wird fallen. So oder So. Eine freiheitlich demokratische Grundordnung wird immer am Verhalten des Volkes gemessen und nicht am Auftreten der Volksvertreter. Noch nie in der Nachkriegsgeschichte mußte sich Deutschland so sehr mit seiner Vergangenheit beschäftigen wie Heute und wir haben es wieder bitter nötig. "Ein Mensch erlebt den krassen Fall, es menschelt deutlich, überall Und trotzdem merkt man, weit und breit oft nicht die Spur von Menschlichkeit." Eugen Roth
menschbleibtmensch 27.07.2007
5. das kann doch nicht wahr sein...
als ich das gelesen habe hab ich einige zeit gebraucht mich zu sammeln. die Vermieterin auf Usedom, Anita Hahn, sollte sich doch überlegen ob sie nicht doch lieber briefmarken, münzen, fußnägel oder ähnliches sammelt, da sie ja mit menschen nicht allzuviel anfangen kann. menschlich gesehen bezweifel ich auch das es möglich ist dort einen angenehmen urlaub zuverbringen, da man ja stänig auf der hut sein müsste nicht in frau hahn reinzurennen, die dann warscheinlich gerade im müll steckt und schaut was sie dort so findet. vieleicht könnte man ja alle mütter mit kleinkindern dazubewegen der guten dame eine kostprobe der kleinen in den garten zu pfeffern, wäre bestimmt amüsant. wie auch immer, usedom geht eh bestimmt bald unter... in diesem sinne, nichts für ungut ;)
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