Von Antje Blinda
Micky würde die Ohren anlegen, Nemo sich in die Tiefe seines Ozeans verziehen, Dumbo empört tröten - und Miss Piggy? Die egozentrische Schweinedame wäre wahrscheinlich entzückt von dem Wirbel, der um ihre neue Heimat, die "Disney Fantasy", gemacht wird und würde angesichts Staub, ohrenbetäubendem Lärm und Schweißgeruch nur ein wenig die Schnauze rümpfen. Immerhin wuseln zurzeit bis zu 2000 Arbeiter aus 56 Ländern über die 14 Decks, durch 1250 Kabinen, sechs Restaurants, durch Spa-, Spiel- und Barräume. Das neue Schiff des US-Unterhaltungskonzerns - neben seiner Schwester der größte je in Deutschland gebaute Ozeanliner - wartet am Ausrüstungskai der Meyer Werft auf seine Überführung über die Ems in die Nordsee.
Das Outfit der "Fantasy" sitzt bereits, wie Miss Piggy anerkennend bemerken würde: der furios schwungvolle Bug, die beiden leicht angeschrägten Schornsteine, die elegante Farbgebung in Schwarz-Weiß mit Gelb-Rot-Akzenten. Vielleicht würde das modebewusste Schwein den Koloss, auf dem sie ihre Kreuzfahrt-Debüt feiern will, aber auch schelten: "Hoffnungslos altmodisch!"
Wie ihre baugleiche Schwester, die 2011 getaufte "Disney Dream", könnte die "Fantasy" glatt aus einem Kinderfilm rausgehüpft sein: Ähnlich der Dampflokomotive in "Harry Potter" oder in "Der Polarexpress" lehnt sich ihr nostalgisches Design an das der dreißiger Jahre an. Die beiden Neuzugänge der Disney-Flotte zitieren das Art déco - wie schon die vor acht Jahren gebaute "Queen Mary 2" der britischen Cunard-Reederei. Der Stil, den vor allem die US-Amerikaner lieben, kommt pompös und oft verspielt daher. Und taugt perfekt als Kulisse für Disneys schwimmende Traumfabriken, die vor allem für Familien konzipiert wurden.
"Wir wollen unsere Entertainment-Welt auf den Schiffen zum Leben erwecken", sagt Karl Holz, der 59-jährige Chef von Disney Cruise Line. Mehr als die Kreuzfahrt an sich sei Unterhaltung der Schwerpunkt einer Disney-Schiffsreise - auf Anhieb auch zu erkennen an dem Aufwand, der an Bord für das außergewöhnlich kostspielige Hightech-Theater mit 1340 Plätzen und für das gigantische Kino mit 399 Plätzen betrieben wurde. Auch hier prunkt ein leuchtender Art-déco-Stern an der Decke.
Dagobert auf Abwegen
Damit die Kreuzfahrt-Show nach der Atlantik-Überquerung und spätestens zur Jungfernfahrt am 31. März in Florida beginnen kann, wird in diesen Tagen im Inneren der "Disney Fantasy" mit Hochdruck gearbeitet: Im Atrium, einem späteren Traum in Weiß und Gold, gießen Arbeiter den Estrich, ein Elektriker hockt hochkonzentriert auf einem Treppenabsatz vor einem Knäuel an bunten Kabeln. In einem der drei Hauptrestaurants, dem Royal Court, stapeln sich Marmorintarsien für den Bodenbelag, im Palo - einem Restaurant nur für Erwachsene - sortiert ein Handwerker Muranoglas-Tropfen für den Lüster.
Auf Deck hat die 233 Meter lange Aqua Duck, die schon auf der "Disney Dream" den Titel der "Längsten Wasserrutsche an Bord eines Kreuzfahrtschiffes" einfuhr, ihren ersten Test bestanden. Die zehn Millionen Euro teure Acrylglasröhre, die über vier Etagen und über die Reling hinaus führt, ist dicht. Und die Installation der dösigen Ente klebt bereits am Schornstein: Donald, der unter der Rutschenröhre kopfüber in der Wand steckengeblieben zu sein scheint. Überstanden hat die "Fantasy" auch einen Vandalismusakt Anfang Dezember: Unbekannte Täter hatten einen Wasserschaden verursacht, bei dem über 40 Kabinen beschädigt wurden. Die Staatsanwaltschaft sprach von einem Schaden von bis zu einer Million Euro.
Wenn in dem Hochsee-Themenpark mit 340 Metern Länge und 66 Metern Höhe keine Kabel mehr aus Wänden und Decke hängen - dann kann die "Fantasy" ihre magischen Kräfte entfalten. Die rund 1300 Kinder unter den bis zu 4000 Passagieren, die pro Fahrt an Bord gehen, werden aufgesogen in einen aseptischen Märchenkosmos, in die Disney-Welt, in der die Mädchen in der Bibbidi Bobbidi Boutique in pastellfarbene Prinzessinnen und die Jungs in Einheits-Piraten verwandelt werden. In der die Schildkröte Crush über Flatscreens mit den Restaurantgästen kommuniziert, und in der Micky Maus und Co. schon mal in den Innenkabinen am (Bildschirm-)Bullauge vorbeischwimmen und ein Hallo winken.
Interaktive Schnitzeljagd mit sprechenden Gemälden
"Geschichten zu erzählen, darin ist Disney Meister", sagt Reedereichef Holz. Und "Geschichten" heißt auf den Schiffen des Unterhaltungsriesen für Kinder jeden Alters auch Abenteuer erleben. Und hier kommt Miss Piggys Einsatz, deren von Disney produzierte Film in den kommenden Tagen in deutschen Kinos Premiere feiern wird: Die Schweinefrau spielt neben Kermit und Gonzo eine Rolle bei einer Schnitzeljagd quer über das gesamte Schiff, auf der die Kinder den "Kriminalfall der gestohlenen Muppets-Show" lösen müssen. "Sprechende Gemälde", also interaktive Screens, helfen ihnen dabei.
Viel Hightech steckt auch in der Show "Animation Magic": Die Gäste des Restaurants Animator's Palate können auf ihre Tischsets Strichmännchen kritzeln, die dann eingescannt und als Zeichentrickfilm auf 150 Bildschirmen gezeigt werden. Wie Miss Piggy eine Neuheit auf der "Fantasy", auf der im Vergleich zur "Dream" nur wenig verändert wurde: Das Design ist weniger grafisch, eher floraler; die Bars wurden vergrößert, die Show-Angebote erweitert, ein Wasserspielbereich wurde hinzugefügt.
Rund hundert Programme sollen die minderjährigen Gäste auf den siebentägigen Fahrten bei Laune halten - und sie nach der Rückkehr in die nicht-computeranimierte Welt süchtig nach mehr machen. Für die restlichen Passagiere - darunter soll es auch Disney-verrückte Kinderlose geben - stehen lärmberuhigte Aufenthaltsorte zur Verfügung: etwa das original nachgebaute Restaurant aus dem Film "Ratatouille", in dem sich die Koch-Ratte Rémy in Stoffdekors entdecken lässt. Oder in den Nachtclubs nach europäischen Vorbildern. Oder im Spa, wo Dampfbäder und Zähnebleichen im Angebot sind - mit Blick durch ein Panoramafenster auf den Ozean.
Nur eine Handvoll deutsche Gäste
Über welche Meere die "Disney Fantasy" dabei ihre Bahnen zieht, wird für die meisten Gäste wohl kaum eine Rolle spielen - denn wie in den Freizeitparks in Florida, Paris oder Hongkong steht auch auf den bald vier Schiffen der Disney-Flotte nur ein Thema im Mittelpunkt: die Protagonisten der Filme des Mega-Konzerns.
Variiert wird bei der "Fantasy"-Fahrtroute vorerst wenig: Abwechselnd fährt der Flottenneuzugang die östliche Karibik mit St. Maarten und St. Thomas und die westliche Karibik mit Grand Cayman, Costa Maya und Cozumel an. Noch im vergangenen Jahr kreuzte die kleinere, 1998 in Dienst gestellte "Disney Magic" auch über das Mittelmeer - doch 2012 bleiben Europas Fahrgewässer wieder Micky- und Miss-Piggy-frei.
Dabei kokettiert Disney-Cruise-Line-Chef Karl Holz durchaus mit dem deutschen Kreuzfahrtmarkt, für den auch dieses Jahr wieder ein immenses Wachstum vorhergesagt wird. Doch erst seit März 2011 sind seine Schiffe überhaupt über deutsche Reisebüros buchbar, nur eine Handvoll deutscher Gäste verliert sich zurzeit auf "Magic", "Wonder" und "Dream" - die allerdings auch ausschließlich für US-amerikanisches Publikum konzipiert wurden.
Die Meyer Werft wird ihr zweites, größtes je gebautes Kreuzfahrtschiff (Kosten rund 600 Millionen Euro) wohl in der kommenden Woche über die Ems chauffieren, am 9. Februar erfolgt die offizielle Übergabe in Bremerhaven - und dann hoffen die deutschen Schiffsbauer auf weitere Aufträge aus der Reedereizentrale in Florida. "Geplant ist noch nichts", sagt Karl Holz, "doch die Chancen stehen gut." Immerhin hat der Konzern im vergangenen Jahr ein Rekordergebnis eingefahren, dazu beigetragen haben auch die Nemos, Goofys und Mickys auf hoher See.
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