Ost-Express von Ankara nach Kars Der Partyzug

1310 Kilometer in mehr als 24 Stunden: Der gemächliche Zug Dogu Ekspres überquert das anatolische Hochplateau und folgt dem Euphrat. Und junge Türken entdecken den Reiz der Langsamkeit.

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Huseyin Emre Sen stellt die Fragen aller Fragen in einem von Kerzen erleuchteten Schlafabteil. Mine Nur sagt Ja zu seinem Heiratsantrag. "Wir lieben es zu reisen, so passte dies perfekt zu uns", sagt der 29-jährige frischverlobte Sen später. "Dies ist ein kurzer Vorgeschmack auf eine lebenslange Reise zusammen." Er und die 28-jährige Nur zuckeln mit dem Dogu Ekspres von Ankara quer durch die halbe Türkei gen Osten, zur armenischen Grenze.

Noch vor wenigen Jahren galt der Ost-Express, immerhin einer der langsamsten der Türkei, als nicht besonders attraktiv. Die 1310 Kilometer, die er in 24 Stunden und 30 Minuten mit einigen längeren Zwischenaufenthalten zurücklegt, kann man schneller mit dem Flugzeug (1 bis 1,5 Stunden) oder dem Bus (12 Stunden) schaffen. Allerdings bestimmt nicht günstiger: Die Fahrt auf der seit 1936 betriebenen Strecke kostet 48 Lira (9,20 Euro), im Vierer-Liegeabteil 63,50 Lira (12,20 Euro) und im Zweier-Schlafabteil 99 Lira (19 Euro).

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Ankara - Kars: 24 Stunden im Bummelzug durch die Türkei

Doch dann entschloss sich eine Gruppe junger Türken, die langsame Variante zu wählen, buchte Schlafwagen und schwärmte später auf sozialen Medien über ihre Erlebnisse. Danach, so berichtet die Nachrichtenagentur Reuters, wurde der Dogu Ekspres hip - als Ort für Spaß, Partys und neue Erfahrungen.

"Natürlich hat der Trend unsere Aufmerksamkeit auf Instagram geweckt", sagt Nurcan Guner, "einige Posts haben uns ermutigt, aufzubrechen." Die 40-Jährige reist zusammen mit einer guten Freundin, beide tragen passende Pyjamas und Socken, extra ausgewählt für diese Zugfahrt. Inzwischen hat der Betreiber, die staatliche Eisenbahngesellschaft TCDD, die Waggons überholt. Das Reisen wurde mit Klimaanlage und Kühlschrank komfortabler - wenn auch nicht schneller.

Die Langsamkeit hat ihren Reiz - so bleibt mehr Zeit, die Landschaft zu genießen. Jeden Abend um 18 Uhr rollt der Expresszug in der türkischen Hauptstadt Ankara los, immer gen Osten. Weite Strecken folgt er dem Fluss Euphrat und überquert das anatolische Hochland. Felder, Dörfer und Wälder ziehen am Fenster vorbei, aber auch hohe verschneite Berge und tiefe Schluchten. Oft fährt er durch lange dunkle Tunnel, die durch die Berge geschlagen wurden.

Am Abend des folgenden Tages um 18.30 Uhr erreicht der Dogu Ekspres dann Kars, knapp vor der armenischen Grenze. Von der Provinzhauptstadt sind es nur noch 42 Kilometer zu den Unesco-geschützten Ruinen der ehemaligen armenischen Hauptstadt Ani. Zurück geht es um 7.45 Uhr, mit Ankunft in Ankara um 8.05 Uhr am nächsten Morgen.

Sinan Usta in seinem Abteil
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Sinan Usta in seinem Abteil

Sinan Usta hatte mit seiner Freundin ein Abteil gebucht: "Wir haben diese Reise schon vor Monaten geplant. Aber die Familie meiner Freundin hat es ihr nicht erlaubt", sagt der 24-jährige Student. "Ich mag es nicht, Dinge nicht abzuschließen. So habe ich den Zug trotzdem genommen." Und nicht nur das: Das eigentlich für eine romantische Fahrt gedachte Abteil hat er mit Kerzen und in Regenbogen blinkenden Leuchtketten dekoriert.

abl/Reuters

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