Aus Edinburgh berichtet Alva Gehrmann
Eine Gruppe junger Männer und Frauen spaziert mit einer Badewanne durch die Innenstadt, als wäre es das Normalste von der Welt. In Flipflops und Badetüchern gekleidet, verteilen sie an die Passanten Flyer und Zahnbürsten. "Built for two" heißt die Show der Künstler, die sie über drei Wochen lang abends in einem nahe gelegenen Club aufführen - tagsüber machen sie fleißig Werbung dafür.
Das ist auch nötig, denn während des Festival-Monats in Edinburgh finden täglich über tausend Events statt: Burlesque-Tänzerinnen räkeln sich lasziv in einer ehemaligen Kirche, internationale Comedy-Stars wie Eddie Izzard und Rhys Darby begeistern ihr Publikum in großen Sälen, Nachwuchsschauspieler performen in Aufzügen oder Toiletten, und eine Ecke weiter lässt sich ein Straßenkünstler vom Publikum in Ketten legen.
Selbst Weltstars können sich bei diesem Kreativ-Feuerwerk nicht sicher sein, dass ihre Veranstaltungen ausverkauft sind. Und so sah man vergangenes Jahr sogar Hollywood-Schauspieler John Malkovich in der belebten High Street Flyer für ein Theaterstück verteilen, bei dem er Regie führte.
Wer derzeit die schottische Hauptstadt besucht, gerät schnell in einen Rausch der Sinne - und in Entscheidungsnot. Was soll ich mir anschauen? Was schaffe ich? Schließlich finden sechs Festivals parallel statt: Die größten und bekanntesten sind das International Festival und das Fringe Festival. Insgesamt performen Kreative aus 75 Ländern. Allein beim Fringe gibt es 2695 verschiedene Shows und fast 22.500 Künstler. Das Besondere bei diesem Festival ist: Jeder kann teilnehmen, solange er einen Veranstaltungsort findet. Und sei es notfalls ein gemieteter Campingwagen.
Wie ein Comedy-Tsunami
Dieses Jahr erstmals mit dabei ist auch Michael Mittermeier. Während der 46-jährige Comedian in Deutschland problemlos Hallen mit Tausenden Zuschauern füllt, fängt er hier noch mal relativ klein an: vor 80 Zuschauern im Pleasance. Außerhalb der Ferienzeit gehört das Gelände zur Universität, derzeit ist der verschachtelte Ort mit seinen zahlreichen Cafés und insgesamt 27 Bühnen einer der besten Plätze, um sich Comedy anzusehen. Mittermeiers Auftrittsort heißt offiziell "Baby Grand", der Komiker nennt die fensterlose kleine Box liebevoll seinen "Bunker". Mittermeiers einstündiges Programm "A German on Safari" präsentiert er auf Englisch, mit bayerischem Akzent.
In 60 Minuten führt er um die Welt, beleuchtet unter anderem die Klischees über die verschiedenen Nationalitäten. Im Laufe der ersten beiden Wochen hat er mit einem befreundeten Comedy-Autor weitere Gags entwickelt und stets Neues ausprobiert. So ist jeder Abend immer ein bisschen anders. "Bisher war jede Show ausverkauft", sagt er in einem Café des Pleasance. "Jeder Comedian träumt davon, eines Tages mal beim Fringe Festival aufzutreten. Es ist für uns der Heilige Gral."
Auch für ihn als Teilnehmer ist die Zeit in Edinburgh wie ein Rausch: "Das Festival ist ein überwältigender Comedy-Tsunami", sagt er. In der ersten Woche trat er zusätzlich noch im Vorprogramm von Eddie Izzard auf, der Mittermeiers englischsprachige Show auch co-produziert hat. Die Unterstützung von Izzard hilft sicherlich im Mutterland des Humors, wo man deutsche Comedy bis heute für ein Oxymoron hält.
Ähnlich fremd wie für die Briten wohl deutsche Comedians sind, ist für uns Deutsche das Royal Military Tattoo - eine Musikparade mit rund tausend Militärangehörigen und Zivilisten, die allabendlich vor der Burg von Edinburgh inszeniert wird. Dudelsack-Spieler, Sänger und Kapellen performen unter freiem Himmel klassische Songs, aber auch AC/DCs "Highway to Hell" oder zu Ehren des 60. Kronjubiläums von Königin Elizabeth II. den Bond-Song "Diamonds Are Forever".
Selbst wenn man eigentlich mit militärischen Veranstaltungen nichts anfangen kann, so muss man doch zugeben, dass sie eine gute Show abliefern und das Schloss stets passend zu den Songs beleuchtet wird. Mal taucht Superman auf, später die Queen. Die Show endet um Mitternacht mit einem großen Feuerwerk.
Harry Potter im Charlotte Square
Am nächsten Tag geht das Spektakel dann wieder von Neuem los. Wer vom Schloss geradewegs hinunterläuft, passiert zahlreiche kleine Bühnen, die sich praktischerweise mit Rollen verschieben lassen. Diese Straßen werden auch "The Royal Mile" genannt, mit dazu gehört die High Street, wo sich die Badewannen-Künstler tummeln und sich an der Ecke die Party-Kirche befindet. "Die Kirche ist ein neuer Veranstaltungsort, jedes Jahr kommen weitere hinzu", sagt Fiona Herbert. Die Schottin ist Tour-Guide und führt Gäste durch ihre Stadt.
Herbert zeigt auf eine der vielen Litfaßsäulen, die in der High Street stehen. "Momentan ist sie noch relativ schmal, doch Ende August werden die Säulen ganz dick sein, weil hier jeden Tag neue Flyer und Poster angeklebt werden." Auch Herbert stand in Edinburgh schon mehrfach auf der Bühne: Sie ist eine preisgekrönte Geschichtenerzählerin. "Das Storytelling hat bei uns in Schottland eine lange Tradition." Es gibt sogar ein eigenes Storytelling Centre.
Nur wenige Straßen weiter, im Elephant-Café, saß in den neunziger Jahren eine junge arbeitslose Autorin und feilte an ihren Geschichten: J.K. Rowling. Unter anderem dort schrieb sie ihren ersten "Harry Potter"-Band. Kurze Zeit nach der Veröffentlichung las sie Kindern im Rahmen des International Book Festivals daraus vor. Damals saßen nur wenige Zuhörer im kleinen Zelt, heute wäre der größte Saal sofort ausverkauft.
Das Edinburgher Buchfestival beginnt stets Mitte August und befindet sich am Charlotte Square in einem Park, in dem für die Literaturwochen weiße Zelten aufgebaut werden. In der Mitte des gemütlichen Platzes sind zahlreiche Liegestühle bereitgestellt. Die Schotten sind stolz darauf, 2004 als erste Kommune von der Unesco zur Stadt der Literatur gekürt worden zu sein.
Am Charlotte Square und in den anderen Gärten relaxen die festivalerprobten Schotten und Besucher ein wenig, bevor sie weiterziehen. Hier, genau wie überall in Edinburgh, kommt man leicht mit den erzählfreudigen Menschen ins Gespräch - und so tauscht man sich auch über die besten Shows und Orte aus. Ansonsten geben einem fast alle dieselben Tipps: Lass dich nicht von der Fülle von Events stressen, man kann eh nicht alles sehen! Such dir ein paar Veranstaltungen aus, und lass dich ansonsten einfach treiben. Du kannst ja nächstes Jahr wiederkommen - wie so viele.
"Schon am Abend nach der Premiere habe ich gesagt, dass ich 2013 auf jeden Fall wieder dabei bin", sagt auch Michael Mittermeier.
| Festivals in Edinburgh 2012 | |
| Bis 25. August | Edinburgh Military Tatoo |
| Bis 27. August | Edinburgh Festival Fringe |
| Bis 27. August | Book Festival |
| Bis 2. September | Art Festival |
| Bis 2. September | International Festival |
| 31. August bis 2. September | Mela Festival |
| 19. bis 28. Oktober | Storytelling Festival |
| Quelle und weitere Information: www.edinburghfestivals.co.uk | |
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