Oase am Ufer: Paris weiht Flaniermeile an der Seine ein

4,5 Hektar Ruhezone direkt am Fluss: Das Pariser Seine-Ufer wurde in der Nähe des Eiffelturms in eine grüne Flaniermeile verwandelt - mit schwimmenden Gärten, Sportgeräten und Kletterwänden. Nicht alle Einwohner freuen sich darüber.

Pariser Seine-Ufer: Flaniermeile statt Blechlawine Fotos
AP

Paris - Wer in Paris vom Eiffelturm aus am Ufer der Seine entlang schlendern wollte, der kam bisher nicht weit: Nach wenigen Metern hörte die Uferpromenade in Richtung der Kathedrale Notre-Dame abrupt auf. Das Flussufer wurde von einer Art Autobahn beherrscht, auf der bis vor Kurzem pro Stunde rund 2000 Autos über den Asphalt donnerten.

Jetzt gehört das linke Seine-Ufer wieder ganz den Spaziergängern und Touristen: Der sozialistische Bürgermeister Bertrand Delanoë eröffnete am Mittwoch dort eine neue Flaniermeile. Diese hatte in der französischen Hauptstadt jahrelang für erbitterten Streit gesorgt.

Auf 2,3 Kilometer Länge wurde die zweispurige Schnellstraße zwischen dem Eiffelturm und dem Musée d'Orsay komplett zurückgebaut. In der Millionenmetropole, wo sich die Autofahrer oft durch elend lange Staus quälen müssen, befürchteten viele den endgültigen Verkehrskollaps. Die Schnellstraße am linken Seine-Ufer ist bereits seit Ende Januar wegen der Bauarbeiten an der Uferpromenade gesperrt, der Verkehr musste auf höher gelegene Boulevards am Ufer ausweichen - doch das befürchtete Chaos blieb aus. Es sei "kein größeres Problem entstanden", versicherte der Bürgermeister kürzlich.

Dafür entstand direkt an der Seine eine 4,5 Hektar große Oase der Ruhe, wie es sie im hektischen Paris nur wenige gibt. Fünf schwimmende Gärten wurden neu angelegt, Kletterwände und Spiele für Kinder aufgebaut, Geräte für Sportler installiert, futuristische Sitzstufen mit Blick aufs Wasser hochgezogen. Demnächst sollen auch Restaurants und Cafés eröffnen.

Das Projekt hatte Bürgermeister Delanoë allen Widerständen zum Trotz vorangetrieben. Vor allem die konservative Opposition, aber auch Geschäftsleute waren dagegen Sturm gelaufen; alle Klagen gegen den Umbau scheiterten jedoch.

Werbung mit bunten Animationen

Der Sozialist Delanoë, ein Vertrauter von Präsident François Hollande, setzt seit seinem Amtsantritt im Jahr 2001 unbeirrt darauf, dass viele Hauptstadtbewohner ihr Auto stehen lassen und auf Bus und U-Bahn umsteigen sollen. Auf sein Konto geht auch die Einführung des Leihfahrrad- und Leihelektroauto-Systems in Paris - zwei weitere symbolträchtige Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung.

Für das Seine-Ufer-Projekt warb das Rathaus im Internet monatelang mit bunten Computer-Animationen, denn nicht nur das linke Seine-Ufer wurde gesperrt: Am rechten Ufer in der Nähe des Pariser Rathauses und gegenüber der weltberühmten Kathedrale Notre-Dame wurde zudem der Schnellverkehr abgebremst und seit September 2012 ein breiteres Trottoir für Fußgänger angelegt. Die Kosten für die Bauarbeiten an beiden Seine-Ufern werden vom Rathaus auf 35 Millionen Euro beziffert.

Bisher war das Seine-Ufer in Paris, das 1991 von der Unesco als Welterbe eingestuft wurde, nur an wenigen Stellen - etwa direkt am Eiffelturm - für Fußgänger und Radfahrer reserviert. Jedes Jahr im Sommer feiern die Bewohner der Hauptstadt daher die Sperrung eines Teils des rechten Ufers für das Freizeitvergnügen "Paris Plages" - dann wird dort ein Stadtstrand angelegt. Der Spaß dauert freilich nur wenige Wochen, dieses Jahr vom 20. Juli bis zum 18. August.

Nun werden sich Spaziergänger, Sportler und Familien mit Kindern das ganze Jahr über direkt am Seine-Ufer vergnügen können. Der 2014 scheidende Bürgermeister Delanoë, der einer der beliebtesten Politiker Frankreichs ist, hat immer wieder bekundet, die Stadt für die Bewohner lebenswerter zu machen. Mit Blick auf die in den sechziger Jahren gebauten Stadtautobahnen am Ufer der Seine mahnte er: "Wir müssen die Vergehen an der Schönheit von Paris korrigieren."

sto/AFP

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insgesamt 8 Beiträge
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1. optional
endurado 19.06.2013
Flussufer gehören zu den attraktivsten Plätzen in Städten und deshalb finde ich die Maßnahmen in Paris gut. Könnten sich die Verantwortlichen in Stuttgart mal anschauen...
2. Paris mon amour
brötchengeber 19.06.2013
Eine gute Maßnahme , denn dann müssen die Einwohner nicht am Wochenende in die Provinz flüchten - und die nicht endenden Staus auf Hin- und Rückfahrt in Kauf nehmen. Letztlich ein grosser Schritt , denn de Gaulle hatte " Auto für alle" verordnet. Wir werden es uns bald ansehen. Frage ist nur ob die Strecke nachts auch sicher ist......
3. Toller Tausch...
DerNachfrager 19.06.2013
Der Durchschnittspariser verbringt dann pro Jahr so 20-30 Stunden in der "Flussoase" - und steht dafür 100 Stunden mehr im Stau...
4.
Stäffelesrutscher 19.06.2013
Zitat von DerNachfragerDer Durchschnittspariser verbringt dann pro Jahr so 20-30 Stunden in der "Flussoase" - und steht dafür 100 Stunden mehr im Stau...
Der Durchschnittspariser fährt Metro, RER, Bus, Vespa oder Rad. Wissen Sie, wie Paris den Umbau großer Boulevards auf eine Autofahrbahn pro Richtung, einen ultrabreiten Fahrradstreifen, eine Busspur und ein breites Trottoir bezeichnet hat? »La civilisation des Boulevards«. Genau das ist es.
5. Das ist durchaus
LJA 19.06.2013
Zitat von StäffelesrutscherDer Durchschnittspariser fährt Metro, RER, Bus, Vespa oder Rad. Wissen Sie, wie Paris den Umbau großer Boulevards auf eine Autofahrbahn pro Richtung, einen ultrabreiten Fahrradstreifen, eine Busspur und ein breites Trottoir bezeichnet hat? »La civilisation des Boulevards«. Genau das ist es.
richtig. Allerdings sind es in Paris, genau wie in anderen Städten, überwiegend die Einwohner des näheren und weiteren Umlandes, die auf das Auto angewiesen sind, um ihre Arbeitsplätze zu erreichen. Sollen die jetzt alle ins Zentrum ziehen, dort wo bereits jetzt kaum noch bezahlbare Wohnungen zu finden sind ?
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