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17. Dezember 2017, 16:27 Uhr

Ein Doktor auf See erzählt

Traumschiffberuf: Arzt

Kaviar wird serviert, Champagner fließt - und dann ein Notruf während des Galadinners: Das war Alltag für den Schiffsarzt Horst Schramm. Hier erzählt er von einem lebensbedrohlichen Fall in der rauen See der Biskaya.

Der Gruß aus der Küche, Kaviar auf Eis und ein Cremesüppchen werden gerade serviert, als ich im Augenwinkel sehe, wie ein Mann vom Tisch des Kapitäns aufsteht. Er geht schnellen Schrittes Richtung Ausgang. Das ist ungewöhnlich, denn niemand sollte nun aufstehen. Ich wundere mich nicht, als Momente später eine Durchsage zu hören ist:

"Mike Mike, Medical Team proceed to cabin 684."

Im großen Salon lauft die Begrüßungsgala, der erste Höhepunkt auf dieser Weltreise. "Leinen los" für 180 Tage um den Globus, gestartet von Southampton im Süden Englands. Nun fließt der Champagner, rascheln Abendkleider, Smalltalk der Stammgäste aus der Ersten Klasse. Man kennt sich von früheren Reisen. Wir befinden uns nach einigen Stunden auf den Wellen bereits mitten in der Biskaya, und die See ist so rau, wie es für dieses Gebiet typisch ist.

"Schön, dass Sie wieder hier sind, ich habe Sie letztes Jahr vermisst." Auch das Servicepersonal wird freudig begrüßt. "George, sind Sie wieder an Tisch drei?" Die meisten Gäste fühlen sich an Bord zu Hause, vertraute Menschen, alles wie gewohnt. Klaviermusik ist zu hören, schmale Finger gleiten elegant über die Tasten, es ist Jonathan, der schottische Pianist am Steinway.

Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "Dr. Kreuzfahrt":

Im Speisesaal der Ersten Klasse dürften bei offiziellen Anlässen seitens der Crew nur Kapitän van de Mache, der Hotelmanager und ich, der Schiffsarzt, teilnehmen. Wer passt zu wem? Das war auf jeder Reise die große Frage. Das Risiko, etwas falsch zu machen, konnte böse Folgen für den Verlauf der Reise haben.

Man stelle sich vor, man säße an 180 Tagen neben den falschen Leuten! Oder man wollte oder musste an einen anderen Tisch platziert werden, welch ein Fauxpas! Meine Frau Ulrike und ich wurden oft zu schwierigen Passagieren gesetzt oder zu jenen, die größere medizinische Probleme hatten.

Akute Lebensgefahr in der Biskaya

Ich habe den Toast gesprochen, etwas von Goethe, als der Alarm geht und mir sofort klar ist, dass ein Notfall ansteht. Ich entschuldige mich bei den Gästen am Tisch und eile hinaus. Auf dem Flur treffe ich auf die Krankenschwester in Sportkleidung und einen Koch, der einen Defibrillator trägt. Dann kommt uns Kapitän van de Mache entgegen, der als Erster gerufen wurde. Er sagt Fehlalarm. Nach ein paar Schritten aber höre ich wieder die vertraute Stimme durch den Lautsprecher:

"Mike Mike, Medical Team proceed to the front of First Class Restaurant."

Als ich dort eintreffe, deuten einige Servicekräfte auf die Toilette. Sie sehen erschrocken aus und sind bleich. Ich gehe hinein und sehe, warum: Ein Mann kniet vor dem Waschbecken und erbricht hellrotes Blut im Schwall. Die Differentialdiagnosen rasen mir durch den Kopf: Vielleicht ist es eine Ösophagusvarizenblutung, also eine geplatzte Krampfader der Speiseröhre? Selbst bei sofortiger Behandlung handelt es sich dabei um eine lebensbedrohliche Komplikation.

Beim Näherkommen nehme ich ein rasselndes Atemgeräusch wahr. Lungenödem. Ich verabreiche sofort Sauerstoff und Nitro, sorge dafür, dass der Patient mit weißen Tüchern abgeschirmt wird und lasse ihn ins Bordhospital transportieren. Er kommt auf das Herzbett der Intensivstation, ich lege einen großkalibrigen, venösen Zugang, gebe Furosemid und Morphium hydrochloricum. Ich lege die EKG-Elektroden an und erkenne Extrasystolen, Couplets und kurze Kammertachykardien.

Die Lage ist ernst, mehr als ernst. Der Mann - der nach Angaben seiner Frau schon einmal reanimiert werden musste - schwebt in akuter Lebensgefahr.

Ich informiere den Kapitän über die geringen Überlebenschancen des Passagiers. Ich weiß, dass er dennoch um den Mann kämpfen wird. Ich weiß, dass Chief Ingenieur David seinen Tisch mit den alleinreisenden Damen verlassen muss, um in den Maschinenraum zu eilen. Ich spüre, wie wenig später die dritte Maschine angelassen wird und dass unser Schiff den Kurs ändert. Die Nacht ist dunkel, der Sturm nimmt zu, und regulär wären wir erst in zwei Tagen wieder einen Hafen angelaufen.

Besorgte Passagiere: "Wird das Schiff überfallen?"

Der Kapitän ruft mich zu sich auf die Brücke. Er telefoniert mit der französischen Rettungsleitstelle, aber, wie zu erwarten war, sprechen sie nur ein holpriges Englisch. Eine Kommunikation über medizinische Details ist kaum möglich. Neben dem Kapitän hockt unsere Bordschneiderin mit nassen Haaren, in denen Lockenwickler stecken. Sie übernimmt den Part der Dolmetscherin. Ich versuche, das Krankheitsbild des Patienten auf Englisch und Latein zu erklären.

"Fürosemide, Fürosemide", sagen die Männer der französischen Rettungsleitstelle immer wieder. Offensichtlich glauben sie, dass wir ein Frachtschiff sind, denn das Medikament, mit dem man Wasser aus dem Körper bringt, habe ich schon zu Anfang der Behandlung verabreicht.

Der Kapitän erklärt, dass ein Hubschrauber der französischen Marine in einer halben Stunde eintrifft. Doch das Schiff hat kein Hubschrauberdeck, was bedeutet, dass der Patient vom Vorschiff abgeborgen werden muss. Er sagt zu mir: "Geh auf die Brücke, wir müssen langsamer werden!"

Es ist ungewöhnlich, wenn der Schiffsarzt auf der Brücke erscheint und ruft: "Zurück auf zwei Maschinen und Kurs Steuerbord 2-0-4." Um 22.35 Uhr gibt es Kontakt zur Seenotleitung MRCC Bremen und unserer Reederei. Der Zustand des Patienten hat sich nur wenig gebessert; das Lungenödem lässt sich nicht beseitigen, und er ist weiterhin bewusstlos. Eine Abbergung durch den Helikopter bedeutet ein großes Risiko für den Patienten, das ist keine Frage. Doch in diesem Moment ist es seine einzige Chance.

13 Minuten vor Mitternacht sind die Lichter des Helikopters zu sehen, aber nur die Lichter. Ich höre die Rotorblätter, eine gespenstische Situation. Einige Passagiere melden sich besorgt bei der Rezeption und fragen, ob das Schiff überfallen wird. Auf Position 46° 19,3' Nord - 001° 54,4' West winschen sich ein französischer Militärarzt und ein Sanitäter ab.

Helikopterbergung per Seil

Ich informiere den Kollegen über die Vorgeschichte, das Krankheitsbild und die bisherige Therapie. Doch so richtig interessiert es ihn nicht, scheint mir, für ihn ist allein der Transport wichtig. Der Patient wird mitsamt Infusion und Monitor auf einer speziellen Trage platziert. Ich wunderte mich über die langen Messer an den Gürteln der Männer vom Helikopter. Durch die Katakomben des Schiffes erreichen wir den Bug, der nun hell erleuchtet ist.

Ich kann den Hubschrauber trotz des Sturms hören, aber nicht sehen. Er schwebt ein Stück querab vom Bug, um nicht mit den Rotorblättern gegen die Schiffsaufbauten zu kommen. Zwei Männer spähen durch den gläsernen Fußboden des Helikopters, ein weiterer steht in der geöffneten Tür und lässt ein Seil herunter. Zuerst wird der Patient gewinscht, nach meinen Anweisungen in Herzbettlagerung: Oberkörper hoch, Beine tief. Dann folgt der Arzt, zum Schluss der Sanitäter.

Damit die Personen durch den starken Wind und die Bewegungen von Schiff und Hubschrauber nicht schaukeln, hält ein Matrose die Last mit einer weiteren Leine von unten stabil. Um 0.38 Uhr ist die Operation beendet. "Helikopter auf dem Weg nach La Rochelle", wird im Schiffstagebuch vermerkt.

Was nicht im Tagebuch steht: Um 0.45 Uhr trinkt der Schiffsarzt in der "King's Bar" ein Bier.

Ergänzung: Der Patient wurde zunächst in ein Krankenhaus in La Rochelle und später nach Deutschland gebracht. Nach einer zehnstündigen Operation an der Aorta lebt er heute noch, schreibt Schiffsarzt Schramm.

Dies ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch von Horst Schramm: "Dr. Kreuzfahrt. Blinddarm im Atlantiksturm"; Ankerherz Verlag; 230 Seiten; 29,90 Euro.

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