Virtuelle Fenster bei Emirates Mitte mit bester Aussicht

Im Flugzeug keinen Fensterplatz abbekommen? Was für Holzklassepassagiere Alltag ist, könnte Luxuskunden vielleicht vergraulen. Ihre Lösung des Problems stellt die Fluglinie Emirates in Hamburg vor.

Duncan Chard / Emirates

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Haben Sie schon mal die ultimative First-Class-Demütigung erlebt? Da kauft man ein Ticket für Tausende Euro, lässt sich mit der Limo zum Flughafen chauffieren. Und dann? Steht auf der Bordkarte 1E. Das heißt in der Regel: Mittelplatz. Null Aussicht. Das Gefühl, Zweite Klasse zum Erste-Klasse-Preis zu fliegen. Und hinten auf den billigen Plätzen dürfen Dutzende Economy-Passagiere den freien Blick durchs Fenster genießen: auf Gebirge, Ozeane, Metropolen.

Da könnte bei Ihnen als Luxuskunde - trotz Beinfreiheit, Stoffservietten und Barservice - schon ein Gefühl von Ungerechtigkeit aufsteigen. Oder? In jedem Fall will Emirates dem ein Ende machen. Und 1E-Passagiere mit einer 1A-Aussicht beglücken. Manche zumindest. Dafür lässt die Fluggesellschaft aus Dubai als erste Airline überhaupt in die sogenannten First-Class-Suiten neuer Boeing-777-300ER-Maschinen ein ganz besonderes Gadget einbauen: künstliche Fenster.

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Neue Emirates-Suiten: Auf nichts verzichten

Wie die herkömmlichen Gucklöcher sehen diese Attrappen aus. Tatsächlich aber sind es Monitore, die in die Trennwand zwischen Suite und Gang eingebaut sind. Anstatt durch Plexiglasscheiben direkt auf Wolken zu schauen, blickt der 1E-Passagier auf eine Projektion der Realität: über die Schirme flimmern HD-Liveaufnahmen von Kameras, die außen am Flugzeug montiert sind.

Ähnliche Technik setzen bereits Kreuzfahrtreedereien in Innenkabinen ein: So überträgt Royal Caribean International auf der2014 getauften "Quantum of the Seas" die Aussicht, die die Außenkabinengäste vor dem Fenster haben, auf kabinenhohe Flachbildschirme. In der Werbung wird dies als "virtueller Balkon" angepriesen. Und die Schiffe der Disney Cruise Line verfügen seit 2012 über ein Feature, bei dem von Zeit zu Zeit sogar Micky Maus aus dem bullaugenförmigen Screen lugt.

Jetzt also auf dem Bildschirm Wolken statt Meer: "Game Changer" tituliert Emirates' PR ihr neues First-Class-Konzept. Und wie es sich gehört, lobt der Konzernchef bei der Deutschlandpremiere am Hamburger Flughafen die "virtual windows" in den Himmel. "Schauen Sie mal selbst: So gut können Sie mit dem bloßen Auge nicht sehen", sagt Tim Clark, als er im Sessel 1E sitzt.

Dazu muss sich Clark erst einmal aus dem "Zero Gravity Seat" hieven und dann die Einmann-"Suite" räumen. Sie hat keine vier Quadratmeter - im Flugzeug ist das Großraum. Und tatsächlich: Die roten Servicefahrzeuge auf dem Flughafenrollfeld sind auf den hochauflösenden Bildschirmen deutlich größer zu sehen als beim Blick durch die echten Fenster. Ein Gimmick, das auf langen Flügen, auf denen oft nicht mehr als Himmel und Wolken zu sehen ist, wohl eher wenig Relevanz hat.

Damit in der Reihe mit 1-1-1-Bestuhlung bloß kein Neid auf die neue Mitte aufkommt, rüstet Emirates auch die ordinären First-Class-Fensterplätze auf: mit "Safari-Ultrasharp"-Ferngläsern aus Deutschland. Auf den Geräten klebt ein rotes Emirates-Schild, daneben der unmissverständliche Hinweis: "Please do not remove these binoculars from the aircraft" (Bitte entwenden Sie die Ferngläser nicht aus dem Flugzeug). Man weiß ja nie, was manche First-Class-Gäste so alles für sich beanspruchen.

Seetangschlafanzug zur Hautpflege

Mit nach Hause nehmen dürfen die Passagiere hingegen ihre hydroaktiven Pyjamas. "Unsere neuen Schlafanzüge für First-Class-Kunden verwenden die Hydra-Active-Microcapsule-Technologie, um die Sanftheit Ihrer Haut während eines Nachtflugs zu bewahren", schreibt Emirates auf seiner Website. "Der Stoff gibt nährstoffreiche Seetangpartikel ab, während Sie sich bewegen."

Die Seetangschlafanzüge verhindern laut Emirates das Austrocknen der Haut und stimulieren den Blutkreislauf. Und das nicht bloß einmal: "Die Mikrokapseltechnologie ist lang anhaltend, sodass die Schlafanzüge auch nach bis zu zehn Wäschen noch Feuchtigkeit spenden." Wer schon immer mal feuchte Umschläge im Flug haben wollte, sollte jetzt bei Emirates einsteigen.

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Crystal Cabin Awards 2018: Innovationen in der Flugzeugkabine

Zurück zu den Digitalfenstern. Die könnten tatsächlich - und ohne Ironie - zum "Game Changer" werden für die Luftfahrtindustrie. Ingenieure tüfteln schon seit Jahren an Konzepten für das fensterlose Flugzeug der Zukunft. Denn wenn man auf die Löcher im Flugzeugrumpf verzichtet, kann man diesen stabiler und leichter bauen. Fensterlose Jets mit Guckloch-Attrappen könnten damit weniger Sprit verbrauchen.

"Wenn virtuelle Fenster so gut sind wie unsere, braucht man im Rumpf keine mehr", wirbt Emirates-Boss Clark. Allerdings ist der Mittelplatz mit Aussicht noch eine absolute Rarität - selbst in den Jets der Scheich-Airline. Bislang hat Emirates erst drei Flieger mit je zwei solchen Suiten ausgerüstet. Macht weltweit sechs Game-Changer-Mittelsitze. Und diese Boeing-777-Maschinen jetten bis auf weiteres ausschließlich zwischen Dubai sowie Genf, Brüssel und künftig London-Stansted hin und her. Erste-Klasse-Tickets kosten auf Vergleichsportalen um die 6000 Euro.

Wer hingegen von Deutschland aus in die Welt fliegt, sollte daher weiter beim Check-in ganz genau auf die Bordkarte schauen. Faustregel: E-Sitze sind Mist. Erst recht in der First.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
hegoat 12.04.2018
1.
So ein Quatsch. Diese Fenster-Ersatz-Bildschirme sind selbstverständlich 2D, man wird also nicht das Gefühl haben, nach draußen zu gucken, sondern eben auf einen Bildschirm. Da kann man auch eine Fototapete an die Wand kleben.
Haarfoen 12.04.2018
2. Sehr interessante Neuigkeiten ...
Angesichts der ökologischen Gesamtlage, fehlender Bildung in nicht nur dritte Welt- Länder und stets existierendem Hunger ist diese tolle Lösung doch ein echter Lichtblick. Endlich Linderung für die gequälten Passagiere der Mittelkabinen, die sich dort aufhalten mussten.
chewbakka 12.04.2018
3.
... ist besonders bei nächtlichen Langstreckenflügen ganz toll. Mua!
cor 12.04.2018
4.
Zitat von HaarfoenAngesichts der ökologischen Gesamtlage, fehlender Bildung in nicht nur dritte Welt- Länder und stets existierendem Hunger ist diese tolle Lösung doch ein echter Lichtblick. Endlich Linderung für die gequälten Passagiere der Mittelkabinen, die sich dort aufhalten mussten.
Völlig unsinniger Beitrag. Mehr ist dazu nicht zu sagen.
te36 12.04.2018
5. Wo ist das Problem ?
Bin ja leider auch eine Oekosau, vor allem beruflich, aber zumindestens alles in Holzklasse auf Langstrecke, also pro Meile zumindestens Minisau. Ich faende es ja gut, wenn die Fluggesellschaften mal gezwungen wuerden den CO2 Ausgleich in die Tickets mit einzupreisen. Das würde natürlich vor allem Urlaubsflieger und Billigfluglinien treffen, weil dann deren Tickets relativ am meisten im Preis ansteigen. Die Leute die sich Luxusklasse leisten koennen wuerden wahrscheinlich nicht mal merken dass sie 6-mal soviel Oekoabgabe zahlen muessten. Zumindestens aber fliegt es sich dann mit etwas ruhigerem Gewissen. Abgesehen von der Oekoproblematik habe ich da keine Problem mit Luxusprodukten. Da steckt immer sehr viel Handarbeit drin und häufig von gut bezahlten Spezialisten. Das Problem sind für mich eher die leider sehr häufig fragwürdigen Methoden wie der Reichtum erworben wurde der den Luxus finanziert. Da sind aber solche Premiumkabinen in Fleugzeugen wahrscheinlich eher irrelevant. Sowas leisten sich doch auch viele einfach nur durch selbstständige Arbeit wohlhabend geworden sind, und sich mal so fühlen wollen wie der Milliardär der gerade am (virtuellen) Fenster in seinem Privatjet vorbeifliegt. Und mit Sicherheit eine nicht unbedeutende Anzahl von gut bezahlten Managern, die von Ihren Firmen Business Kabine bezahlt bekommen und damit dann halt auch ca. mindestens für einen von 5 Flügen einen Update auf First ohne Aufpreis einsammeln können.
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