England Ein Königreich für grüne Daumen

"Gardening is a serious sport", sagt man in England. Keine andere Nation pflegt ihre Spleens, Kulte und Riten mit ähnlicher Ernsthaftigkeit wie Britanniens Freizeitgärtner. Dabei ist die grüne Kunst nicht ungefährlich: Jährlich verunglücken rund 400.000 Briten beim Gärtnern.

Von Peter Sager


Es gibt viele Gartentheorien. Die einfachste, einleuchtendste hat mir Tim Smit erläutert: "Wenn du in einem Garten nicht lieben kannst, wenn du dort nicht träumen oder dich betrinken kannst - asphaltier ihn doch, wozu ist er sonst gut!" Soweit Tim Smit, Initiator des Eden Project in Cornwall, des größten Gewächshauses der Welt. Keine Frage, die Geschichte des englischen Gartens ist eine einzige große Liebesgeschichte. Als erster Engländer bekam Rudyard Kipling 1907 den Nobelpreis für Literatur. Das Preisgeld investierte er in seinen Garten in Sussex. Er legte einen Teich an und kaufte ringsum viel Land, um es unbebaut zu erhalten, als Grüngürtel seines Refugiums Bateman's.

An der Wand seines Arbeitszimmers findet der Besucher Kiplings Garten-Credo, aquarelliert und in Versen: The Glory of the Garden. "Unser England ist ein Garten", heißt es da, jeder kann gärtnern, kein Bein ist zu dünn dafür und kein Kopf zu dick, schon "Adam war ein Gärtner". Kein Zweifel, Adam war Engländer.

Die Gartenanlage von Schloss Hampton Court in Surrey bei London
DDP

Die Gartenanlage von Schloss Hampton Court in Surrey bei London

Kiplings Verherrlichung des Gartens, biblisch verwurzelt und patriotisch verklärt, gehört zur Nationalfolklore wie der Regen, der die Insel der Gärtner so reichlich segnet, als sei's ein Zeichen des Himmels. "Gott der Allmächtige pflanzte zuerst einen Garten, und dies zu tun ist in der Tat das reinste Vergnügen des Menschen", schrieb der Philosoph Francis Bacon 1625. Seither hat sich dieses Vergnügen ausgewachsen zu einem veritablen Faktor der Volkswirtschaft. Gärtnern, noch vor Sport, ist Englands größte Freizeitindustrie. Seit Jahrzehnten gibt es keine populärere Radiosendung als "Gardener's Question Time". Naturgemäß gibt es auch nirgendwo auf der Welt so viele Gartenunfälle wie in England. Durch Elektroschock am Rasenmäher, explodierende Barbecues, Wespenstiche und giftige Pflanzen sterben im Jahr durchschnittlich 50 Menschen in britischen Gärten; rund 400.000 werden verletzt. So die Statistik der Royal Society for the Prevention of Accidents. Doch solche Gefahren können die englische Gartenlust nicht erschüttern, sie gehören nun einmal dazu wie die Schlange zum Paradies.

Im englischen Garten wurde der Absolutismus besiegt

Wo sonst in Europa genoss das Gärtnern so pragmatisch die ungeteilte Gunst des Volkes und der Intellektuellen, der Bürger und des Adels? Friede den Hütten, Krieg den Palästen, tönte es vom Kontinent. Cottagegärten, feudale Parks: Aus dem englischen Echo sprach der Common Sense einer Gesellschaft, die sich mit ihren Klassenunterschieden auch im Grünen arrangierte. Dass lange vor der Französischen Revolution ein König in London seinen Kopf verlor, war ein Betriebsunfall. Tatsächlich fand die Glorious Revolution im Garten statt. Seit dem frühen 18. Jahrhundert fegte der furor hortensis, wie die Zeitgenossen ihn nannten, Britanniens Barockgärten hinweg, und befreit vom absolutistischen Regelzwang zeigte sich die Natur von ihrer scheinbar natürlichsten Seite, als Landschaftspark. So wurde der Englische Garten zum Begriff, zur europäischen Mode, ein Stück Freiheit made in Britain wie das Parlament.

"Gärten werden mit den Empfindungen des Dichters und den Augen des Malers gestaltet", erklärte der geniale Landschaftsarchitekt Capability Brown, der Land ummodellierte, als sei er Gott und Maulwurf in Personalunion. Sein Zeitgenosse Horace Walpole, Schriftsteller und Sohn eines Premierministers, gab der neuen Gartenbewegung den ästhetischen Segen: "Die Poesie, die Malerei und das Gärtnern, oder die Wissenschaft von der Landschaftsgestaltung, werden von Menschen mit Geschmack für immer als drei Schwestern gesehen werden, oder als die drei neuen Grazien, welche die Natur schmücken." Auch darin, in der Gleichstellung der grünen Kunst mit den anderen schönen Künsten, ging England dem übrigen Europa voran.

Der Garten der Queen ist selbst für Staatsbesuche tabu

Und heute? In New Britain bröckeln die Traditionen, aber die Gartenkunst floriert. Und die Gartenlust geht über alles. Warum verkaufte der Duke of Northumberland seinen Raffael, die berühmte "Nelkenmadonna", zuvor nur als Leihgabe in der National Gallery zu sehen? War der Herzog plötzlich verarmt? Brauchte er die Kunst-Millionen zur Tilgung von Steuerschulden? Oder für eine neue Yacht? Nein, er benötigte das Geld für den Familiensitz in Alnwick Castle. Allein die Neugestaltung des Gartens soll 42 Millionen Pfund kosten. Kein Staatsbesuch in ihrer mehr als 50-jährigen Amtszeit habe Queen Elizabeth II. mehr echauffiert, heißt es, als der Besuch des amerikanischen Präsidenten George W. Bush im November 2003. Nicht wegen politischer Differenzen: Bushs Hubschrauber hätten Rasen und Sträucher im Garten des Buckingham Palace beschädigt, seine Sicherheitsleute seltene Pflanzen zertrampelt, kurzum, so die nationale Presse, die Amerikaner hätten den königlichen Garten wie eine texanische Viehweide behandelt.

Konzert im Park um das Gewächshaus Eden Project: "Gardening is a serious sport"
Getty Images

Konzert im Park um das Gewächshaus Eden Project: "Gardening is a serious sport"

Groß ist das Bedürfnis der Engländer, ihre Toten nicht nur mit Blumen, sondern gleich mit Gärten zu ehren. Gärten, keine Frage, sind erfreulicher als die meisten Sockelmonumente. Doch hat die Inflation der Memorial Gardens auch exzentrische Züge. Seit 1997 gibt es einen Gurkha Memorial Garden mit ausschließlich nepalesischen Pflanzen, ein Stück Himalaya in Hampshire, zur Erinnerung an diese Spezialtruppe der britischen Armee.

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