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Flugverspätungen: Warum Vielflieger Millionen verschenken

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Vielflieger aus Deutschland sammeln wegen Flugverspätungen pro Jahr insgesamt Entschädigungsansprüche in Millionenhöhe. Doch fast keiner von ihnen fordert sie ein. Den Airlines ist das nur recht. Sie sträuben sich stur gegen Zahlungen.

Zeittotschlagen am Flughafen: Geschäftsreisende müssen besonders oft warten Zur Großansicht
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Zeittotschlagen am Flughafen: Geschäftsreisende müssen besonders oft warten

Business-Reisende und andere Vielflieger, die regelmäßig um die Welt jetten, kennen Verspätungen und gestrichene Flüge nur allzu gut. Stundenlanges Warten in Flughafenlounges und zusätzliche Hotelnächte gehören für sie zum Alltag. Laut einer Auswertung der Luftverkehrs-Organisation Eurocontrol starten rund 36 Prozent der Flüge an europäischen Flughäfen verspätet. Im Schnitt beträgt die Verzögerung etwa eine halbe Stunde.

Rund ein Prozent der Verspätungen allerdings liegt bei mehr als zwei Stunden. Und wegen verpasster Anschlussflüge und anderer Unwägbarkeiten kommen Passagiere oft mit noch größeren Verspätungen an ihrem Ziel an. "Das gilt vor allem für Interkontinental-Flüge", sagt Antje Harsdorff, eine auf Fluggastrechte spezialisierte Rechtsanwältin aus Frankfurt.

Treffen Reisende mehr als drei Stunden zu spät am Ziel ein, haben sie Anspruch auf eine Entschädigung - auch dann, wenn die ursprüngliche Verspätung am Abflugsort kürzer war. Je nach Länge der Flugstrecke stehen den Fluggästen dann 250 bis 600 Euro zu. Für Vielflieger können sich die Ansprüche übers Jahr schnell auf vierstellige Beträge summieren.

Wer eine Entschädigung will, muss klagen

"Den Anspruch auf eine Ausgleichszahlung haben dabei die Geschäftsreisenden selbst, auch wenn die Firma den Flug bezahlt hat", erklärt Rechtsanwältin Harsdorff. "Das ist vielen Reisenden gar nicht bewusst." Die Ansprüche verjähren zudem erst nach drei Jahren - wer es bisher versäumt hat, Ausgleichszahlungen einzufordern, könnte das also noch rückwirkend für Geschäftsreisen seit dem Jahr 2010 tun.

Obwohl dieser Rechtsanspruch laut einer EU-Verordnung bereits seit dem Jahr 2005 besteht, beharrt kaum jemand darauf. Die EU-Kommission hat mehrere Studien zum Thema ausgewertet. Sie gab im Frühjahr 2013 bekannt: Nur ein Bruchteil der Passagiere hat ihnen zustehende Ausgleichszahlungen tatsächlich kassiert, nämlich zwei bis vier Prozent der Betroffenen.

Hauptgrund dafür sind die Airlines. "Fluggesellschaften machen es denjenigen, die ihr Recht einfordern, so schwer wie möglich", erklärt Jan Bartholl, auf Fluggastrechte spezialisierter Anwalt in Berlin. Würden tatsächlich alle Passagiere ihre Ansprüche einfordern, kämen jedes Jahr Zahlungen in Millionenhöhe auf sie zu.

Auf Beschwerden von Passagieren folgt deshalb, wenn überhaupt, meist ein Standardschreiben, in dem die Airline auf "außergewöhnliche Umstände" verweist, die zur Verspätung geführt hätten. Mit dieser Begründung verweigern sie die Zahlung. "Ohne Klage vor Gericht kommt in der Praxis niemand an das ihm zustehende Geld", sagt Bartholl. "Und genau diese Botschaft wollen die Airlines mit ihrem Verhalten auch aussenden."

Vor Gericht ziehen fast nur Topmanager

Die Abschreckungstaktik ist erfolgreich: "Die meisten Passagiere geben nach ein paar Beschwerdeschreiben auf, sie scheuen den Aufwand und die Kostenrisiken einer rechtliche Auseinandersetzung", sagt Anwalt Bartholl. Die EU-Schätzung, dass zwei bis vier Prozent der Flugpassagiere die ihnen zustehende Entschädigung erhalten, hält Bartholl sogar für optimistisch. "Ich schätze, dass höchstens 0,2 Prozent der Betroffenen ihren Anspruch auch tatsächlich geltend machen. Und das bei rund zwölf Millionen betroffenen Passagieren jährlich in Europa."

Gerade Geschäftsreisende seien zurückhaltend, obwohl sie als Vielflieger häufig betroffen sind. Sie möchten keine unnötige Aufmerksamkeit bei ihrem Arbeitgeber auf sich ziehen. Bisweilen wollen Arbeitgeber auch selbst von den Entschädigungszahlungen profitieren - und lassen sich das Recht auf die Ausgleichszahlung von ihren Angestellten im Arbeitsvertrag abtreten.

"Wenn Geschäftsreisende überhaupt den Weg vor Gericht gehen, dann sind es meist Geschäftsführer oder hochrangige Manager", berichtet Bartholl. Sie klagten oft gar nicht an erster Stelle des Geldes wegen: "Das sind Typen, die sich über das dreiste Verhalten der Airlines ärgern. Die sagen: Das lasse ich mir nicht gefallen."

Ähnliche Erfahrungen hat auch Anwältin Harsdorff gemacht: "Die Attitüde der Ablehnungsschreiben stößt besonders den Vielfliegern auf, die etwa als Senator-Kunde sonst bei ihren Airlines einen VIP-Status genießen." Die Business-Kunden sind mehr Entgegenkommen von ihrer Fluggesellschaft gewöhnt. "Wenn die Airlines dann versuchen, die Leute mit einem 25-Euro-Gutschein abzuspeisen und das noch als Kulanz bezeichnen, werden viele Passagiere richtig sauer - und engagieren einen Anwalt."

Dienstleister übernehmen den Rechtstreit

Flugreisende können sich mit solchen Problemen an die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (SÖP) wenden. Ab dem1. November ist die Stelle auch für Fluggäste der zentrale Vermittler, nachdem sie zuvor nur für Kunden von Bussen, Bahnen und Schiffen zuständig war. Alle deutschen Fluggesellschaften haben sich angeschlossen.

Neben der SÖP und Fachanwälten gibt es aber auch immer mehr spezialisierte Dienstleister auf dem Markt. Die wollen auch weniger selbstbewusste und finanzkräftige Flugpassagiere dazu bringen, ihr Recht einzuklagen: Firmen wie EU Claim und Fairplane bieten auf Online-Plattformen Datenbanken an, in denen Fluggäste mit ein paar Klicks überprüfen können, ob sie einen Anspruch auf Entschädigung haben.

Ein Online-Antrag genügt: Der Dienstleister übergibt den Fall dann an spezialisierte Anwälte, die gegen die Airlines klagen. Verliert der Dienstleister den Fall, entstehen für den Passagier - anders als beim Anwalt, wo mindestens die Selbstbeteiligung der Rechtsschutzversicherung fällig wird - keine Kosten. Gewinnt der Dienstleister, behält er bis zu 30 Prozent der Entschädigung als Honorar ein.

Noch sind die Portale nicht so populär, dass sie die abschreckende Wirkung der Fluggesellschaften mindern: EU Claim, einer der größten Anbieter, feierte kürzlich 5000 gewonnene Verfahren für deutsche Kunden. Insgesamt hat der Anbieter seit 2007 für europäische Flugpassagiere zehn Millionen Euro in 20.000 Verfahren erstritten. "Es ist ein mühsames Geschäft, die Fluggesellschaften wehren sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln", sagt Jan Rameken, Geschäftsführer der EU Claim Deutschland.

Auch auf politischer Ebene kämpfen die Fluggesellschaften gegen die Ausgleichszahlungen. Ihre Lobbyarbeit zeigt Wirkung: Ein aktueller Reformvorschlag der EU-Kommission sieht vor, dass künftig erst ab fünf Stunden Verspätung eine Entschädigung fällig werden soll.

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1. Umverteiling nach oben
Markus Mobius 23.12.2013
"Wenn Geschäftsreisende überhaupt den Weg vor Gericht gehen, dann sind es meist Geschäftsführer oder hochrangige Manager" Verspaetungen sind aergerlich, aber diese Rechtsansprueche koennen fuer den Normalverbraucher teurer sein als wenn der Gesetzgeber gar nichts getan haette. Wenn sich am Ende nur die Vielflieger und Manager beschweren, dann sind auch nur sie die Nutzniesser. Die Kosten fuer die Erstattungen werden allerdings von allen Fluggaesten gezahlt. In den USA gibt es die Fluglinie "Spirit", die extrem gunestig ist und auch extrem oft verspaetet ist. Aber es gibt Reisende, denen der guenstige Preis wichtiger als die Verspaetungen ist. Wenn Spirit nun jedem Fluggast eine Entschaedigung zahlen muesste, dann wuerden alle bei Spirit fliegen wollen, die Preise wuerden steigen und keinem waere damit geholfen. Es ist schon OK dass es billige Linien gibt mit vielen Verspaetungen und teurere Betreiber die zuverlaessiger sind.
2.
toledo 23.12.2013
Kann nicht nachvollziehen, warum sich die Airlines so zieren. Der Billigflieger Ryanair macht es wieder einmal vor.. Pro Flug werden dem Passagier bei dieser Airline 2 Euro für eine Art Versicherung gegen die EU Verordnung 261/2004 abgeknöpft. Bei rund 75 Millionen Passagieren/Jahr sind das 150 Millionen Euro, die da für Ausgleichszahlungen zur Verfügung stehen. Davon könnte Ryanair, eine extrem pünktliche Airline übrigens, eine Menge Verspätungen bezahlen.. Glaubt irgendjemand wirklich, dass soviel Geld auch ausgezahlt wird..? Mit anderen Worten: Diese 2 Euro extra, die der Normalpassagier gar nicht in seinem Ticketpreis bemerkt, könnten eine lukrative Einnahmequelle für die Airlines sein!
3. untaugliches Gesetz
bumminrum 23.12.2013
Aus eigener Erfahrung kann ich den Artikel nur bestätigen. Die Gesetzeslage ist völlig verbraucherunfreundlich. Die Zahlungen sollten immer bei Verspätungen und zwar ohne jede Ausnahme erfolgen. Zudem sollten die Verspätungen amtlich und öffentlich über das Internet festgestellt werden. In der derzeitigen Form kann man das Gesetz auch einstampfen.
4. es geht teilweise auch ohne Klage
jules123 23.12.2013
Letztes Jahr habe ich es nach einer Verspätung eines Ägyptenpauschalreisefluges geschafft ohne Klage mit ein paar mails 600 Euro zu bekommen, da der Pilot des Ersatzfluges dankenwerterweise verraten hat, dass es einen technischen Defekt gab (nichts übernatürliches). Nach der 1. mail haben sie mir 250 Euro angeboten, als ich mit einem auf Fluggastrechte spezialisierten Inkassobüro drohte (die nach dem kostenlosen Onlinecheck meinen Fall gerne genommen hätten), kam die bitte nach meinen Bankdaten u. 600 Euro. Aber wer als einfacher Pauschalreiseurlauber liest sich mal seine Rechte durch...
5. Es geht eben manchmal nicht.
Das Groschengrab 23.12.2013
Zitat von sysopAPVielflieger aus Deutschland sammeln wegen Flugverspätungen pro Jahr insgesamt Entschädigungsansprüche in Millionenhöhe. Doch fast keiner von ihnen fordert sie ein. Den Airlines ist das nur recht. Sie sträuben sich stur gegen Zahlungen. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/entschaedigung-fuer-flugverspaetung-geschaeftsreisende-klagen-selten-a-938508.html
Recht haben und Recht bekommen sind zweierlei Dinge. Und: vielleicht verfügen die von Verspätungen Betroffenen ja über ein naturgegebenes Gerechtigskeitsempfinden und klagen deshalb nicht. Daß eine Fluglinie mutwillig und böswillig Verspätungen herbeiführt, glaube ich nicht. Es sind eben gewisse Umstände im Betriebsablauf (auch schlechtes Wetter), die Starts und Landungen nicht möglich machen. Wieso man eine Fluglinie deshalb verklagen kann, leuchtet mir nicht ein. Es gibt Dinge, auf die haben Airline-Mitarbeiter keinen Einfluss.
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