Entspannung im Luftverkehr Flugverbote in Europa werden gelockert

Der Flugverkehr in Europa läuft wieder an: Der Luftraum soll nur noch dort gesperrt bleiben, wo eine bestimmte Aschekonzentration überschritten wird. Darauf haben sich die EU-Verkehrsminister geeinigt. In Deutschland flogen bereits einige Jets wieder - die Pilotengewerkschaft Cockpit spricht von einem Skandal.


Frankfurt am Main - Die Flugverbote in Europa werden gelockert. Die Fluggesellschaften könnten nun beim Luftfahrtamt Anträge stellen, um im Ausland gestrandete Passagiere auf Sicht zurückzufliegen, sagte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) am Montag in Berlin nach einer Telefonkonferenz mit den EU-Verkehrsministern. Über diese Anträge werde auf der Grundlage internationaler Normen entschieden. Bisher hätten zehn Fluggesellschaften einen Antrag auf kontrollierte Sichtflüge gestellt, die von Radarlotsen unterstützt werden.

EU-Verkehrskommissar Siim Kallas sagte in Brüssel, der Luftraum soll nur noch dort gesperrt bleiben, wo eine bestimmte Konzentration der Aschewolke überschritten wird. Darauf hätten sich die Verkehrsminister der 27 EU-Staaten geeinigt : "Von morgen früh an werden mehr Flugzeuge in der Luft sein." Das Gebiet, in dem geflogen werden dürfe, werde deutlich größer als bisher sein. Der Luftraum über Europa wird in drei Zonen eingeteilt:

  • In der ersten gilt ein absolutes Flugverbot
  • im zweiten können die Mitgliedsstaaten entscheiden, ob sie Flugzeugen das Abheben erlauben
  • im dritten Bereich ohne Asche-Gefahr ist das Fliegen unbegrenzt erlaubt.

Entscheidendes Kriterium werden Satellitenbilder und Daten der Aschewolke sein.

Kallas kündigte an, dass die europäische Flugsicherheitsbehörde Eurocontrol bis Dienstag früh 8 Uhr entscheiden wird, wo die Zonen verlaufen und welche Daten dafür ausschlaggebend sind. "Es wird keinen Kompromiss auf Kosten der Sicherheit geben. Das garantieren unsere Experten bei Eurocontrol und bei unseren nationalen Mitgliedsstaaten, die in dieser Frage eng zusammenarbeiten", sagte der Kommissar.

Die Flugsicherung und das Luftfahrtbundesamt erlaubten am Montag erste Passagierflüge von und nach Deutschland - allerdings nur sogenannte kontrollierte Sichtflüge im unteren Luftraum, in dem normalerweise nur kleine Propellerflugzeuge unterwegs sind. Laut Flugsicherung sind auch Nachtflüge möglich, wenn es die regionalen Bestimmungen zuließen. Die ersten Maschinen von Air Berlin aus Mallorca trafen bereits in München ein, auch die Lufthansa ließ noch am Abend einige Langstrecken- sowie Kurzstreckenflüge ab Frankfurt starten.

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Aschewolke über Europa: Chaos an den Flughäfen (vom 19.4.2010)

Die Sichtflugpläne der Lufthansa stoßen allerdings bei den Piloten auf erhebliche Sicherheitsbedenken. Die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) lehnte die über dem deutschen Luftraum geplanten Flugbewegungen als "unverantwortlich" ab: "Entweder ist der Luftraum sicher, oder er ist es nicht. Dann ist es letztlich egal, nach welchen Regeln man da durchfliegt", sagte Cockpit-Sprecher Jörg Handwerg am Montag in Frankfurt.

Die Grundregel des Sichtflugs ist, dass der Pilot genügend Sicht nach draußen hat - Flüge in Wolken wären also verboten. Unabhängig von Lotsenanweisungen ist der Pilot für die Sicherheit von Maschine und Passagieren selbst zuständig. Er muss Mindestabstände zu anderen Flugzeugen und den Wolken einhalten, kann sich aber auf Funkfeuer oder Satelliten-Navigationsinstrumente stützen. Bei "kontrollierten Sichtflügen" unterstützen Radarlotsen ihn durch Anweisungen und Verkehrshinweise.

Pilotengewerkschaft: Sichtflug laut Lufthansa-Betriebshandbuch nicht erlaubt

Offensichtlich wolle die Regierung nicht die Verantwortung für eine Öffnung des aschebelasteten Luftraums übernehmen, kritisierte Handwerg. Es werde wegen des wirtschaftlichen Drucks nach juristischen Wegen gesucht, das Flugverbot zu umgehen. Die Verantwortung für die Sicherheit werde auf die Kapitäne abgewälzt.

"Wir haben Asche in der Luft, die sich auf die Triebwerke auswirkt", sagte der Gewerkschafter. Das sei ein Fakt. Er halte es daher für einen Skandal und vollkommen inkonsequent, dass noch nicht einmal die Ergebnisse des Messfluges des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) abgewartet werden sollten. Handwerg verlangte wissenschaftliche Belege dafür, dass ein Durchfliegen der Wolke unbedenklich sei. Dass bei mehreren Positionierungsflügen am Samstag nichts passiert sei, genüge als Beweis nicht.

Die Pilotengewerkschaft prüft nach Handwergs Worten eine Empfehlung an ihre Mitglieder, die Flüge abzulehnen. Da aber eine behördliche Ausnahmegenehmigung vorliege, könne dies möglicherweise arbeitsrechtliche Konsequenzen haben. Laut Betriebshandbuch der Lufthansa sei Sichtflug nicht erlaubt. Außerdem ließen die internationalen Regeln keinen Zweifel daran, dass der Luftraum in kontaminierter Umgebung geschlossen bleiben muss. Das grundsätzliche Flugverbot für Deutschland gilt nach Angaben der Flugsicherung DFS noch bis mindestens Dienstag 14 Uhr.

Lufthansa: Flüge aus Asien und Amerika am Dienstag erwartet

In Frankfurt am Main und München ist der Betrieb eingeschränkt wieder angelaufen. Um 15.23 Uhr landete ein erster Rückholflug der Air Berlin aus Mallorca in München, wie die zweitgrößte deutsche Fluglinie am Montag mitteilte. Sie erwartete noch acht geplante sowie fünf zusätzliche Flüge im Lauf des Tages. In Frankfurt landete als Erstes am frühen Abend eine Maschine des Ferienfliegers Condor, die aus der Dominikanischen Republik kam, wie die Fluggesellschaft mitteilte. Ursprünglich sollte sie wegen der Sperrungen im Luftraum in Salzburg landen, wurde dann aber nach Sichtflugregeln auf den Frankfurter Flughafen geleitet.

Auch die Lufthansa hatte angekündigt, am Abend erste Maschinen auf Lang- und Kurzstreckenflügen wieder in Frankfurt starten zu lassen. Der erste Start einer Maschine nach München verzögerte sich aber. Die Lufthansa will außerdem nach eigenen Angaben 15.000 Passagiere und 50 Interkontinentalmaschinen aus Asien, Nordamerika und Afrika nach Deutschland zurückbringen. Die Flugzeuge würden in den kommenden Stunden starten und am Dienstag in Deutschland erwartet, sagte ein Sprecher am Nachmittag. Die Maschinen sollen in Frankfurt am Main, München und Düsseldorf landen. Es handele sich um Maschinen, die seit vergangener Woche in Amerika, Afrika und Asien festsitzen.

Zu erwarten sei auch, dass am Dienstag die innerdeutschen Lufthansa-Flüge zwischen den Großstädten wieder durchgeführt werden, sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE. Ab Dienstagmorgen wird Germanwings wieder einen eingeschränkten Flugbetrieb aufnehmen. Zunächst will die Lufthansa-Tochter gestrandete Urlauber von Inseln oder entferntere Auslandszielen zurück nach Deutschland holen, teilte der Billigflieger mit.

Die europäische Flugsicherheitsbehörde Eurocontrol erwartet eine Normalisierung des Flugbetriebs bis Donnerstag, sollte die Aktivität des Vulkans weiter abnehmen. "Wenn sich die Lage weiter entwickelt wie bisher und der Vulkan keine Asche mehr in Richtung Europa schickt, können wir wahrscheinlich bis Donnerstag zum Normalbetrieb zurückkehren", sagte Eurocontrol-Direktor Bo Redeborn. Nachdem am Montag nur 30 Prozent der Flüge abgewickelt werden konnten, könnte sich dieser Anteil in den kommenden beiden Tagen um jeweils bis zu 15 Prozent erhöhen und am Donnerstag wieder den Normalbetrieb erreichen.

Eyjafjallajokull pustet verhaltener

Der Internationale Luftfahrtverband IATA forderte eine flexible Öffnung des Luftraums und warf den europäischen Regierungen eine unangemessene Reaktion auf die Aschewolke vor. "Wir müssen von diesen Pauschalschließungen wegkommen und Wege zur flexiblen Öffnung des Luftraums finden, Schritt für Schritt", forderte Bisignani. Die Sperrungen beruhten auf Berechnungen und nicht in erster Linie auf Messungen.

Ähnlich argumentieren Lufthansa und Air Berlin. Mehrere Airlines hatten am Wochenende Maschinen ohne Passagiere überführt und nach eigenen Angaben keine Schäden festgestellt. Allerdings wurden im Triebwerk eines F-16-Kampfflugzeugs der Nato Glas-Ansammlungen aus der Asche des isländischen Vulkans gefunden. Am Nachmittag startete das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) einen Forschungsflug, um die Aschewolke zu untersuchen.

Der isländischen Vulkan scheint sich inzwischen etwas zu beruhigen. Der Eyjafjallajokull war zwar auch am Montag aktiv, spie die Asche aber nur noch zwei statt anfangs elf Kilometer in die Luft.

abl/dpa/Reuters/AFP

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sysop 19.04.2010
1. Flugchaos: Lufthansa und Air Berlin holen Tausende Deutsche zurück
Die Lufthansa fliegt 15.000 Passagiere zurück, die im Asche-Chaos im Ausland gestrandet waren. 50 Langstrecken-Jets sollen in den nächsten Stunden in Nord- und Südamerika, Afrika und Asien starten. Air Berlin hat den ersten Rückholflug bereits absolviert - mit Ausnahmegenehmigung. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,689875,00.html
rkinfo 19.04.2010
2. Sicherheitsdaumen drehen
Zitat von sysopAirline-Manager laufen Sturm gegen das Flugverbot in Deutschland und bestreiten eine Gefahr für Passagiere. Forscher widersprechen: Zwar ist die Aschewolke nicht sichtbar, aber sie lässt sich messen, sogar riechen - und hat auch bereits Flugzeuge beschädigt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,689829,00.html
Der Artikel zeigt ja klar dass Luftverkehr mit Auflagen möglich kann. Und wir derart von der Wolke 'eingenebelt' sind dass man nur noch improvisieren kann umd den Luftverkehr wieder etwas zum laufen zu bringen. Island wird kaum schnell zur Ruhe kommen. Und die EU kann jetzt nicht Monate lang Sicherheitsdaumen drehen.
sysop 19.04.2010
3. Folgen der Aschewolke: Airlines fürchten höhere Verluste als nach 9/11
Seit fünf Tagen geht im europäischen Flugverkehr fast nichts mehr, das kostet die Airlines Milliarden. Im Zentrum der Kritik: Verkehrsminister Ramsauer. Doch der CSU-Mann bekommt Rückendeckung von der Flugsicherung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,689832,00.html
ein_bayer, 19.04.2010
4. eigenes Risiko
... mal angenommen, die Airlines machen so viel Druck, dass letztendlich geflogen wird. Wer trägt das Risiko, wenn doch ein Fogel runterfällt? Ich möchte nicht das Geschrei der jenigen hören, die dann auf die Verantwortlichen losgehen. Wie weit ist die Menschheit gekommen, wenn nichts mehr ohne grenzenlosen Luftverkehr funktioniert? Vielleicht der richtige Zeitpunkt, sich genau mit dem Thema zu beschäftigen, ob wir uns von einer bestimmten Verkehrsart so dermaßen abhängig machen sollten oder vielleicht endlich mal umdenken wollen. so long ...
schwarzer Schmetterling, 19.04.2010
5. und das
Zitat von rkinfoDer Artikel zeigt ja klar dass Luftverkehr mit Auflagen möglich kann. Und wir derart von der Wolke 'eingenebelt' sind dass man nur noch improvisieren kann umd den Luftverkehr wieder etwas zum laufen zu bringen. Island wird kaum schnell zur Ruhe kommen. Und die EU kann jetzt nicht Monate lang Sicherheitsdaumen drehen.
vermitteln sie doch bitte den hinterbliebenen des ersten abgestürtzten jets. nur weil unsere fluggeilen globalisierer nicht von von ihrem wichtigtuerischen fliegen zum wohle des eigennutzes lassen können und weil unsere ach so armen fluglinien darben soll die sicherheit auf der strecke bleiben. kommt wie so irgendwie bekannt vor - erinnert mich an das verladen von soldaten an den hindukusch - erstmal machen und dann sehen wenn es knallt. es gibt in europa tatsächlich noch die bahn und für die besonderen egomanen die autobahn - von privatflügen in geringer höhe abgesehen. man sollte diesen denkzettel der natur vielleicht mal auch hinnehmen und drüber nachdenken.
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