Erdbebenort Amatrice Die Zeit steht still

Amatrice war eines der schönsten Dörfer Italiens - bis heute Morgen. Das Beben kostete Dutzende von Menschen das Leben. Jährlich lockte das Dolce Vita Tausende Touristen an, das dürfte vorerst Geschichte sein.

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Terrakottafarben getünchte Fassaden, flaschengrüne Fensterläden aus Holz und im Hintergrund die Ausläufer des Gran-Sasso-Massivs. Amatrice war bis heute Früh einer dieser Orte, an den jeder Italien-Fan sein Herz verliert, noch bevor der erste Cappuccino am Bartresen ausgeschlürft ist. Eine Handvoll Straßen, ein gutes Dutzend Gassen, die so fotogen sind, wenn darüber Wäscheleinen mit weißen Bettlaken gespannt sind.

Nun liegt Amatrice in Trümmern, die Hälfte des Dorfes gebe es nicht mehr, sagt Bürgermeister Sergio Pirozzi: "Metà paese non c'è più." Ein Erdbeben der Stärke sechs hat den Ort weitestgehend zerstört, Dutzende Menschen kamen ums Leben. "Es ist einfach nur traurig, dass diese wunderschöne Stadt nun von so einer Katastrophe getroffen wurde", sagte am Vormittag Giuseppe Rinaldi, Präsident der Provinz Riete im TV-Interview mit "RaiNews24".

Drohnenvideo zeigt zerstörtes Amatrice

REUTERS

Tief betroffen erzählt Rinaldi von einem Ort, der im Winter nur einige Hundert Einwohner zählt, im Sommer aber Tausende von Menschen. "Dann kommen die Städter her." Rom ist gerade mal 140 Kilometer entfernt.

Viele kamen wegen der gut erhaltenen Sakralbauten in die selbst ernannte "Stadt der 100 Kirchen". Selbst das Postamt befindet sich in einer ehemaligen Kirche, schreibt das örtliche Tourismusamt auf seiner Website. Besonders stolz waren die Einheimischen auf die Basilica di San Francesco und auf die Chiesa di Sant'Agostino. Nun ist diese Kirche aus dem 15. Jahrhundert kaum noch wiederzuerkennen. Ihr spitzes Dach ist komplett eingestürzt, vor dem Bau stapeln sich heruntergefallene Steine.

Schwer beschädigte Kirche Sant'Agostino in Amatrice
AFP

Schwer beschädigte Kirche Sant'Agostino in Amatrice

Auf der Website von Amatrice Turismo wird deutlich, wie wichtig der Kommune ihr kultureller Schatz ist. Man kann sich online durch Kirchen klicken und dabei das kunstvolle Innere und Äußere der alten Bauten betrachten, unter anderem in einem virtuellen Rundgang durch die Basilica di San Francesco. Hier kann man das Kirchenschiff mit den Holzbänken, den in Gold und Azur verzierten Altar aus dem 16. Jahrhundert und die Fresken bewundern. Es ist zu befürchten, dass die Basilika in der Nacht erheblichen Schaden genommen hat.

Auf Twitter kursieren inzwischen Vorher-nachher-Fotovergleiche von Amatrice, die die User erschüttert kommentieren:

Neben den durch Menschenhand entstandenen Kulturgütern ist auch die Natur in der Erdbebenregion spektakulär. Amatrice liegt am Fuße des Gran-Sasso-Massivs, einem der eindrucksvollsten Gebirge des Landes. Der Ort wird überragt vom Gipfel des 2458 Meter hohen Monte Gorzano. Eine beliebte Wanderung geht vom Stadtzentrum vorbei an antiken Mauerresten bis zum Scandarello-See.

Spaghetti mit Speck und Pecorino

Bekannt ist der Ort, der im östlichsten Zipfel der Region Lazium liegt, allerdings noch für etwas anderes: sein gastronomisches Erbe - und die herrlich fettige Pastavariante Spaghetti all'Amatriciana. Was für Bologna die Bolognese, ist für Amatrice eben dieses Gericht, das im Zentrum und Süden Italiens mindestens so beliebt ist wie Spaghetti Carbonara.

Buccatini all'Amatriciana: Pasta mit Tomate, Speck und Pecorino
Getty Images

Buccatini all'Amatriciana: Pasta mit Tomate, Speck und Pecorino

Dabei handelt es sich um eine Tomatensoße mit Speck und viel Pecorino darüber. Zahlreiche Restaurants und Agriturismo-Unternehmen in und um Amatrice werben mit der Spezialität und verwöhnen die Kundschaft mit vielen weiteren Speisen aus der Region wie der Marotta-Salami und Ricotta-Käse.

Unter anderem die Genusskultur war ausschlaggebend dafür, dass Amatrice vor einem Jahr in den Klub der "Schönsten Dörfer Italiens" aufgenommen wurde. Dabei handelt es sich zwar um eine Marketingaktion der italienischen Kommunen. Aber tatsächlich lohnen viele der über 200 ausgezeichneten Orte einen Besuch wegen kulinarischer, kultureller und architektonischer Besonderheiten.

Amatrice sei eine der "schmackhaftesten Städte des Landes", heißt es auf der Website von "I borghi più belli d'Italia". Es gäbe hier eine besonders ausgeprägte kulinarische Tradition, in der Wert auf gute Lebensmittel gelegt werde.

Ob und wann in den Osterien von Amatrice wieder Pasta ausgerollt und Schafskäse geraspelt wird, ist angesichts der heutigen Ereignisse unklar. Im Ort wimmelt es von Einsatzkräften, Verletzte werden versorgt, Verschüttete gesucht. Erst mal steht die Zeit still. Zumindest, wenn es nach dem Uhrenturm im Stadtzentrum geht. Um 3.37 Uhr in der Früh blieben die großen Zeiger stehen. Amatrice bebte - und nichts war wie zuvor.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
WwdW 24.08.2016
1. so so so schade ...
es ist so schade dass die alte wunderschöne Bausubstanz nicht mehr als 6.2 ausgehalten hat und damit die Menschen zum Opfer wurden. Dazu kommt auch noch, dass das Beben mit 10km verhätnismäßig flach war, was die Zerstörungen an der Oberfläche vergrößert hat. Traurig
eriatlov 24.08.2016
2. Alte Bausubstanz
Ich bin oft in der mittelalterlichen Kleinstadt Treviglio (Provinz Bergamo). Dort schlürfe ich immer meinen Cappucino auf der Terasse des Café Milano - im Schatten des über 1000 Jahre alten Kirchturms. Ab jetzt wohl mit einem weniger guten Gefühl... Das Problem: aufgrund der Krise werden viele historische Bauwerke nicht saniert (und manchmal verschwindet das Geld dafür in dunklen Kanälen). Italien eben - war schon immer so, wenn ich meinen Vorfahren mütterlicherseits glauben darf. Die Leute in Amatrice haben mein Beiled. Sie sind Opfer auch Opfer des Versagens der unfähigen Behörden geworden.
TS_Alien 24.08.2016
3.
Die alte Bausubstanz ist zwar schön, bei Erdbeben leider eine Todesfalle. Doch was sollen die Bewohner machen? Die alten Häuser aufgeben und wegziehen, geht selten. Und sie sicherer machen, kostet viel Geld. Die Behörden können daran auch nichts ändern.
andreasl33 24.08.2016
4.
Mir tun die Menschen leid, aber nicht die Bauwerke. Es gibt noch viele andere schöne Dörfer in Italien. Auf diese Weise schafft das Erdbeben Platz für Neues. Wir sollten aufhören, unsere Städte in Museen zu verwandeln. Die Zukunft ist wichtiger als die Vergangenheit.
outsider-realist 24.08.2016
5.
Zitat von andreasl33Mir tun die Menschen leid, aber nicht die Bauwerke. Es gibt noch viele andere schöne Dörfer in Italien. Auf diese Weise schafft das Erdbeben Platz für Neues. Wir sollten aufhören, unsere Städte in Museen zu verwandeln. Die Zukunft ist wichtiger als die Vergangenheit.
Leute mit solchen Aussagen und so einer Einstellung sind mir ein Graus und das schreckliche Ergebnis sehe ich täglich in Frankfurt, denn sie sind nicht der Einzige. Mit welchem Recht sprechen Sie eigentlich von "unseren" Städten? Ohne Vergangenheit gibt es keine Zukunft.
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