Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Erster Körperscanner im Test: Innenminister im Aquarium

Von Anika Kreller

Countdown für den Körperscanner: Auf dem Hamburger Flughafen sind die ersten Geräte mit Millimeterwellentechnologie in den Testbetrieb gegangen. Bei der Einweihung durch Bundesinnenminister Thomas de Maizière präsentierten sich die Hightech-Kabinen jedoch noch mit Kinderkrankheiten.

DPA

Der deutsche Innenminister steht in einer Art Aquarium und grinst durch eine halbrunde Scheibe. Thomas de Maizière (CDU) hat die Beine leicht gespreizt, hält die Arme über den Kopf, die Fingerspitzen beider Hände berühren sich beinahe - jetzt muss de Maizière drei Sekunden lang ganz still halten. Mit einem leisen Gleitgeräusch bewegt sich eine Art Schiebetür einmal um den Minister herum: Er wird körpergescannt.

Seit diesem Montag sind auf dem Hamburger Flughafen die ersten beiden Nacktscanner Deutschlands im Testbetrieb. Auf Spur drei und elf der Sicherheitsschleusen steht statt des üblichen Metalldetektor-Tors eine knapp drei Meter hohe, runde Zelle aus Glas. Damit sich niemand eingeengt fühlt, ist sie an zwei Seiten offen. Zwei gelbe Fußabdrücke zeigen an, wo man hintreten muss.

De Maizière hatte sein Jackett aus- und die Hose hochgezogen und sich mit entschlossenem Schritt in die Kabine gestellt. Er weiht die Geräte persönlich ein. Die Kontrolle läuft kurz und schmerzlos ab - ganz anders als die Diskussion um die Körperscanner.

Fotostrecke

6  Bilder
Herbst 2010: Der durchleuchtete Minister
Strichmännchen mit Helmfrisur

Seit am ersten Weihnachtsfeiertag 2009 ein Terroranschlag auf ein Flugzeug über Detroit nur knapp verhindert werden konnte, setzt sich der Innenminister für die Hightech-Geräte ein. Einem 23-jährigen Nigerianer war es damals gelungen, auf dem Amsterdamer Flughafen einen am Körper befestigten Sprengsatz an Bord zu schmuggeln. Schon ein Jahr zuvor hatten Pläne der EU- Kommission, sogenannte Nacktscanner auf europäischen Flughäfen einzuführen, heftige Diskussionen in Deutschland ausgelöst.

Kritiker befürchteten vor allem die Verletzung der Privatsphäre. Die Deutsche Polizeigewerkschaft sah gar die Menschenwürde in Gefahr, denn auf Beispielbildern erschienen die durchleuchteten Personen praktisch nackt, jedes Detail der Körperform war zu erkennen. Die Generation von Scannern, die jetzt in Hamburg zum Einsatz kommt, erstellt jedoch kein Bild des menschlichen Körpers mehr. "Es wird nur ein farbiger Punkt an einer Art Strichmännchen-Figuren gezeigt", versichert de Maizière.

Während der Innenminister in der Kabine des Scanner-Typs "ProVision ATD" steht, wird er mit Mikrowellen bestrahlt. Sein Körper reflektiert diese anders als die Gegenstände, die er bei sich trägt - so können sie erkannt werden. Auf einem kleinen Bildschirm erscheint ein zum Piktogramm verfremdeter Innenminister mit Strichmund und Helmfrisur. An seinen Handgelenken, dem Kopf und auf dem rechten Oberschenkel prangen gelbe Quadrate. Anders als die herkömmlichen Detektoren können die Körperscanner auch nichtmetallische Gegenstände wie Sprengstoff erkennen. Bei de Maizière findet der Sicherheitsmann nur dessen Uhr und Handy.

Die Scanner seien vollkommen ungefährlich, hatte der Minister vor seiner Bestrahlung versichert. Eine mögliche Gefährdung der Gesundheit war ein weiter Punkt in der Diskussion um die Einführung der Scanner. US-Wissenschaftler warnten davor, dass ein bestimmter Typ der Geräte das Hautkrebsrisiko erhöhe. Bei jenen Scannern wird allerdings Röntgenstrahlung eingesetzt. Die Geräte, die jetzt in Hamburg getestet werden, nutzen dagegen eine aktive Millimeterwellentechnologie. "Das Bundesamt für Strahlenschutz hat die Ungefährlichkeit dieser Technik bestätigt", sagte der Minister.

Zweifel an der Leistungsfähigkeit

In Hamburg müssen die beiden Körperscanner nun im Feldversuch beweisen, ob sie neben gesundheitlicher Unbedenklichkeit und Wahrung der Persönlichkeitsrechte auch die dritte Voraussetzung erfüllen, die de Maizière für die deutschlandweite Einführung der Geräte genannt hat: eine ausreichende Leistungsfähigkeit. Im Labor hätte es "noch zu viele Fehlalarme" gegeben, sagte der Innenminister. Seit Mitte 2009 hat die Bundespolizei Geräte unterschiedlicher Hersteller in Lübeck erprobt.

"Wenn die Technik nicht ausgereift ist, werden die Scanner nicht einführt", sagte de Maizière. Tatsächlich muss die Investition gut überlegt sein: "Der Gerätepreis ist relativ happig", gibt der Minister zu. 150.000 Euro hat jedes der Hamburger Testgeräte gekostet. Auch bei einem erfolgreichen Test sei noch unklar, ob die Scanner flächendeckend oder nur an Schwerpunkten und bestimmten Routen verwendet werden.

Doch selbst wenn die nun eingesetzten Geräte alle Kriterien des Innenministers erfüllen sollten, bleibt ein Beigeschmack: Laut einem Bericht der "Frankfurter Rundschau" handelt es sich bei dem Hersteller der Scanner um eine Tochterfirma des amerikanischen Rüstungskonzerns L-3 Communications, der auch Streubomben herstellen soll. Deutschland und mehr als hundert andere Staaten haben erst kürzlich eine Konvention unterzeichnet, die deren Einsatz seit dem 1. August international ächtet. "Wir haben von der Herstellerfirma eine Erklärung verlangt und auch bekommen, dass sie nicht mehr an der Produktion oder dem Verkauf von Streumunition beteiligt sind", sagte dazu de Maizière in Hamburg.

Vielleicht scheitern die Körperscanner tatsächlich auch schon schlicht an der Technik: Vergangene Woche erst kündigte die italienische Flugbehörde an, den Einsatz ihrer Scanner auf den Flughäfen wieder einzustellen - die Geräte seien für den Alltagsgebrauch zu unzuverlässig und zu langsam. Das Innenministerium verteidigte daraufhin am Montag seine Geräte: Die verwendete Software sei etwa drei Generationen weiter als die der Italiener.

Doch auch in Hamburg wirken die Geräte nicht so richtig überzeugend: Dreimal geht der Minister für die versammelte Presse durch den Scanner, dreimal leuchten an dem Strichmännchen auf dem Bildschirm gelbe Punkte auf - immer an anderen Stellen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 30 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Denglisch ist häßlich
Suryo 27.09.2010
Zitat von sysopCountdown für den Körperscanner: Auf dem Hamburger Flughafen sind die ersten Geräte mit Millimeterwellentechnologie in den Testbetrieb gegangen. Bei der Einweihung durch Bundesinnenminister Thomas de Maizière präsentierten sich die Hightech-Kabinen jedoch noch mit Kinderkrankheiten. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,719792,00.html
Fischtank? Fischtank? Vielleicht sollte man SPON-Autoren erstmal einer De-Denglischifizierung unterziehen. "Fish tank" ist immer noch ein amerikanisches Wort, das immer noch als "Aquarium" übersetzt wird.
2. Körperscanner ?
Realo, 27.09.2010
Bisher waren mir die Dinger nur als Nacktscanner geläufig. Respekt, da hat die staatlich PR ja mal richtig gut funktioniert !
3. .
quone, 27.09.2010
Zitat von sysopCountdown für den Körperscanner: Auf dem Hamburger Flughafen sind die ersten Geräte mit Millimeterwellentechnologie in den Testbetrieb gegangen. Bei der Einweihung durch Bundesinnenminister Thomas de Maizière präsentierten sich die Hightech-Kabinen jedoch noch mit Kinderkrankheiten. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,719792,00.html
Auf jeden Fall rausgeschmissenes Geld. Die Angehörigen derjenigen Religion, der wir 99,9 % aller Terrorakte zu verdanken haben, wird wie immer beleidigt aufschreien und dann im Endeffekt eh nicht durch den "Nacktscanner" gehen müssen.
4. ....
pietro-del-cesare 27.09.2010
Zitat von RealoBisher waren mir die Dinger nur als Nacktscanner geläufig. Respekt, da hat die staatlich PR ja mal richtig gut funktioniert !
So macht man das nicht nur von staatlicher Seite, sondern auch bei einer gut funktionierenden, gleichgeschalteten Presse.
5. Schade um das Geld
Andreas58 27.09.2010
hättens lieber für eine ordentliche Bezahlung der Angestellten ausgegeben. So ist dann das Resultat: 1- Euro Jobber hinter ner Millionenanlage. Ist das besser als vorher? und sicherer ? Ich glaub eh dieses ganzen Idiotenmist nicht, schon der Flüssigsprengstoff war ein Lacher. Klar die Duty-Free.s hinterm Durchleuchten lachen sich kaputt!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH