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Essay über das Reisen: Setzt euch der Fremde aus!

Statt sich im Unbekannten zu finden, zahlen Urlauber Geld, um Überraschungen aus dem Weg zu gehen. Der Sinn des Reisens bleibt so auf der Strecke, meint Bestsellerautor Ilija Trojanow. Sein Rat: Reise allein, reise ohne Gepäck und reise langsam.

Ein jeder ist unterwegs. Wir suchen das Unbekannte und landen oft im schmerzlich Vertrauten: Blechlawinen auf Autobahnen und Ringstraßen; Parkplätze, dichter besetzt als je ein Friedhof; Flughäfen, auf denen im Minutentakt Flugzeuge landen; kilometerlange Warteschlangen vor Seilbahnen und Museen.

Kaum ein Fleck der Erde ist vor unserer Mobilität sicher. Wo die Sonne hinscheint, steht schon eine Liege bereit. Wie die Heuschrecken schwärmen wir über jedem Schlaraffenort aus. Und wenn es uns abenteuert, tauchen wir zu Schiffswracks hinab, schweben in Heißluftballons über die Savanne oder brechen uns einen Weg durch das nicht mehr ganz so ewige Eis.

Wahrlich, wir sind viel unterwegs, aber reisen wir überhaupt noch? Wir fahren durch die Welt, aber wie viel erfahren wir von ihr? Sollte Reisen nicht über die Veränderung der Lokalität hinausgehen? Sollte Reisen nicht ein metaphysischer Akt des Erkennens sein? Wie sehr gilt für uns noch das maurische Sprichwort, nur der Reisende kenne den wahren Wert des Menschen?

Einst beinhaltete die Reise – als Metapher wie auch als Realität – ein hohes Maß an Läuterung und Wandlung. In den meisten Religionen galt das Reisen als rechte Lebensführung, als Instrument der Katharsis, als Mittel zur Erleuchtung.

In dem hinduistischen Lehrbuch "Aitareya-Brahmana" etwa steht geschrieben: "Es gibt kein Glück für den Menschen, der nicht reist. In Gesellschaft von Menschen wird auch der Beste zum Sünder … also brich auf. Des Wanderers Füße sind wie eine Blume: seine Seele wächst, erntet Früchte; seine Mühen verbrennen seine Sünden. Also brich auf! Wenn du rastest, rasten auch deine Segnungen; sie stehen auf, wenn du aufstehst, sie schlafen, wenn du schläfst, sie regen sich, wenn du dich regst. Gott ist der Freund der Reisenden. Also brich auf."

Indien: Seßhaftigkeit birgt alle Sünden

Ähnlich den christlichen Wandermönchen von einst ziehen noch heute indische Asketen, sadhus genannt, durch das Land. Die orthodoxeren unter ihnen verbringen keine zwei Nächte am selben Lagerplatz. Denn die Seßhaftigkeit berge alle Sünden in sich, ob Gier, Egoismus oder Gewalt. Wer aber in die Seßhaftigkeit hineingeboren ist, wer von ihr geprägt und geschult worden ist, kann das Reisen nur als einen seltenen Ausstieg erleben, als Auszeit von seinem All- und Eintag.

Reisen solcher Art sind keineswegs ein Luxus. Traditionell haben Pilger sie unternommen, ob auf Hadsch nach Mekka, zu Gipfeln des Himalaja oder auf dem Jakobsweg. Sie waren oft Suchende ohne finanzielle Mittel, die sich manchmal ein Leben lang auf die eine große Reise vorbereiteten.

Eine andere althergebrachte Form des Reisens verdankt sich dem Handel. Zu großen regionalen Märkten, wie etwa dem Montagsmarkt in Djenné im Herzen Malis, strömen Händler aus mehreren hundert Kilometern Entfernung, manche auf Kamelen, andere zu Fuß, die meisten aber in klapprigen Peugeots, die so überladen sind, dass ihre Ankunft wie ein Wunder erscheint. In Afrika oder Asien existieren noch vielerorts solche Kreuzungspunkte; die Händler müssen große Widerstände und Entfernungen überwinden.

Komfort statt Herausforderung

Das höchste Ideal des Reisens ist wohl die profunde Veränderung des Reisenden. Reisen, die solchen Ansprüchen genügen, sind aufwändig und anstrengend, sie erfordern Zeit und Mühsal, sie fordern den Einzelnen heraus – wenig haben sie gemein mit dem modernen, komfortablen Tourismus.

Was die touristische Branche als pauschale oder individuelle Reise verkauft, ist oft die Vermeidung von wahrem Reisen. Der Sinn des Reisens ist auf den Kopf gestellt: anstatt sich der Fremde auszusetzen, zahlt man Geld, um ihr aus dem Wege zu gehen.

Die Vermeidungstouren beginnen auf Prospekten und Landkarten, wo die ganze Welt verführerisch übersichtlich dargestellt ist, in kleinstem Maßstab, auf jedem Quadratzentimeter Informationen über Informationen, so verdichtet, dass man gar nicht durch das gespannte Netz fallen kann. Bevor man aufbricht, weiß man schon, wie die Fremde heißt und welche Ausfahrt zu ihr führt.

Wir trauen uns in jede Fremde, weil uns dort nichts passieren kann. Eine gewaltige Industrie garantiert, dass man von all jenen Irritationen, Verwirrungen und Überraschungen verschont wird, weswegen allein es sich lohnt, sein Zuhause – das Vertraute – zu verlassen. So bleibt das Gefühl der Befremdung auf der Strecke, das Gefühl, sich zu verlieren, das Gefühl, nicht zu verstehen, das Gefühl, nackt zu sein. Es entschwindet die existentielle Überraschung.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
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1. danke!
walter sparbier 12.01.2009
herr trojanow, wie ich ihnen für ihren artikel danke! sie sprechen aus, was viele von uns nur im innersten wissen: das reisen an sich, die überraschungen - all das versäumen wir immerzu! ich danke ihnen für ihren artikel, herr trojanow. sie haben - wohl nicht nur - mir die augen geöffnet und von nun an werde ich so reisen, wie sie es für richtig halten! ja, oft bedarf es eines blinden, um uns den weg zu weisen, oft bedarf es eines 'möchtegern' burton, um uns seine ideen und vorstellungen (burtons) zu vermitteln. nun muss ja nicht jeder seinem idol so nahe treten wie sie und gleich dem islam übertreten, aber gut. selten las ich ein langweiligeres buch als ihres (richard burton) und der erfolg ist mir unerklärlich. selten kam mir ein autor so unsympathisch daher. nun hatte ich das glück, sie persönlich kennenzulernen (im beisen ihres vaters). herr trojanow, zu ihrer persönlichen austrahlung, die gleich null ist, kommt das bemühen jemand zu sein, der sie nie sein werden: weltoffen, gebildet und angenehm. ihre anwesenheit und ihre person tangiert zwischen lächerlich und lustig. (und das nicht nur im beisein ihres vaters). warum gerade der spiegel etwas von ihnen veröffentlicht, was offensichtlich so stümperhaft daherkommt ist bedenklich. weiter so, herr trojanow, sie müssen auch leben. vielleicht sollte das nächste buch ein lebendsberater sein? ich traue es ihnen zu! trotz allem: viel glück!
2. reisen und drüber schreiben
Thomas Hentzschel 12.01.2009
ach Herr Trojanow, wie recht sie haben....Die beschriebene Reiseart braucht Zeit und man sollte etwas damit verdienen (zB durch darüber schreiben), oder bedürfnislos wie ein Sadhu sein. Leider will mein Geschreibsel kaum einer lesen, mal sehen, wie eine gaaaanz langsame Reise wirkt. Die habe ich vor. Aber ein deutlicher Widerspruch sei erlaubt: Ich kenne Ihre Frau nicht, aber mit meiner ist es besser als allein, und trotzdem leise! Deswegen besser zu zweit, ohne Gruppe und ohne Organisation.
3. Modernes Reisen
hägar72 12.01.2009
"Was die touristische Branche als pauschale oder individuelle Reise verkauft, ist oft die Vermeidung von wahrem Reisen. Der Sinn des Reisens ist auf den Kopf gestellt: anstatt sich der Fremde auszusetzen, zahlt man Geld, um ihr aus dem Wege zu gehen." So ist es: Man sollte das, was die meisten Menschen heute allsommerlich tun, nicht für das Reisen halten. Man will was anderes sehen als immer nur die eigenen Bürowände und kauft sich eben ein weiteres Produkt, dass uns die zuständige Industrie als "Erlebnis" verkauft. Ich sehe es bei meinen eigenen Kollegen: Man sucht sich per Katalog irgendein Ziel aus, dass völlig austauschbar ist, fliegt dann mit Sack und Pack in irgendein beliebiges Betonhotel, geht niemals vor die Tür, gammelt am Pool und füllt sich am Buffet den Magen mit Schnitzel und Pommes voll. Dann beschwert man sich noch etwas, dass die Klimaanlage tropft oder eine Kakerlake durch die Lobby huscht ... Man fährt zehn Mal nach Ägypten und kennt Falafel nicht! Ich glaube, wenn das Reiseunternehmen die Menschen statt nach Zypern mal heimlich in die Karibik fliegt, das merken die meisten gar nicht. Die ganzen Urlaubsreisen, die die Menschen so teuer bezahlen, die könnte man meistens auch zuhause haben: Jedes lokale Schwimmbad bietet ja heute Wellness und Erlebnis-Buffet. Da muss man nicht um die halbe Welt fliegen und dafür mehrere Tonne CO2 produzieren.
4. Reisen ohne Luxus
fkrone 12.01.2009
Entscheidend ist nicht der Luxus den man während der Reise genießt, sondern die Grundlage überhaupt reisen zu können, das ist der Luxus. Selbst 'günstige' Reisen für ein-zweihundert Euro sind für viele schon ein Traum - auch die Möglichkeit mindestens zwei Wochen Urlaub zu bekommen, ist für viele eine Unmöglichkeit!
5. jo
Jokuhuna, 12.01.2009
Zitat von hägar72"Was die touristische Branche als pauschale oder individuelle Reise verkauft, ist oft die Vermeidung von wahrem Reisen. Der Sinn des Reisens ist auf den Kopf gestellt: anstatt sich der Fremde auszusetzen, zahlt man Geld, um ihr aus dem Wege zu gehen." So ist es: Man sollte das, was die meisten Menschen heute allsommerlich tun, nicht für das Reisen halten. Man will was anderes sehen als immer nur die eigenen Bürowände und kauft sich eben ein weiteres Produkt, dass uns die zuständige Industrie als "Erlebnis" verkauft. Ich sehe es bei meinen eigenen Kollegen: Man sucht sich per Katalog irgendein Ziel aus, dass völlig austauschbar ist, fliegt dann mit Sack und Pack in irgendein beliebiges Betonhotel, geht niemals vor die Tür, gammelt am Pool und füllt sich am Buffet den Magen mit Schnitzel und Pommes voll. Dann beschwert man sich noch etwas, dass die Klimaanlage tropft oder eine Kakerlake durch die Lobby huscht ... Man fährt zehn Mal nach Ägypten und kennt Falafel nicht! Ich glaube, wenn das Reiseunternehmen die Menschen statt nach Zypern mal heimlich in die Karibik fliegt, das merken die meisten gar nicht. Die ganzen Urlaubsreisen, die die Menschen so teuer bezahlen, die könnte man meistens auch zuhause haben: Jedes lokale Schwimmbad bietet ja heute Wellness und Erlebnis-Buffet. Da muss man nicht um die halbe Welt fliegen und dafür mehrere Tonne CO2 produzieren.
Genau meine Meinung. Und vor dem Erlebnisbad kommen alle für 3 Stunden in einen abgedunkelten Bus wo sie durchgeschüttelt und von hübschen jungen Menschen bespaßt werden.
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Erlebnis Urlaub: Suche nach dem Sinn des Reisens

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