Experten-Interview "Eine Kuh auf dem Gleis ist kein Problem"

Die Passagiere des verunglückten ICE südlich von Fulda hatten Glück im Unglück. Jörn Pachl, Professor für Verkehrssicherung an der TU Braunschweig, erklärt, warum der Zug im Landrückentunnel entgleiste und wieso das Unglück so glimpflich ausging.


SPIEGEL ONLINE: 19 Verletzte, kein Mensch getötet - wieso ging das ICE-Unglück von Fulda noch so glimpflich aus?

Pachl: Wenn ein längerer Zug entgleist, können die Wagen seitlich ausknicken. Doch die Wände in einem Tunnel halten den Zug in Form, das wirkt unfallmindernd. Noch wichtiger aber ist, dass ein entgleister Zug in einer Röhre nicht gegen Bauwerke wie Brücken prallen kann …

SPIEGEL ONLINE: … wie beim Unglück in Eschede vor fast zehn Jahren.

Pachl: Ja, damals ist der Zug entgleist, ausgeknickt und hat eine Brücke umgerissen. Wenn der Zug auf freiem Feld von den Schienen abgekommen wäre, wäre das Unglück vielleicht viel weniger schlimm gewesen. Es ist wichtig, dass ein Zug in einer geraden Spur und von Gebäuden und Masten ferngehalten wird. Im Berliner Hauptbahnhof hat man deshalb zum Beispiel im unteren Bahnhof circa ein Meter hohe Betonbarrieren neben den Gleisen errichtet – auch um die Stützen zu schützen, die die Halle des Hauptbahnhofs tragen.

SPIEGEL ONLINE: Wie gefährlich ist Wild auf den Gleisen?

Pachl:Wenn ein einzelnes Tier wie eine Kuh oder ein Reh auf der Strecke steht, ist das kein Hindernis. Auch kleinere Gegenstände sind meist kein Problem. Der ICE zerfetzt sie einfach. Doch in dem Tunnel bei Fulda wurden mindestens 20 Schafe getroffen. Das ist eine Masse von zwei Tonnen - eine massive Hürde. Dazu kommt die hohe Geschwindigkeit des ICE, an dieser Stelle 220 km/h. Bewegungsenergie steigt im Quadrat zur Geschwindigkeit, das heißt: Bei doppelter Geschwindigkeit ist die Energie bei einer Kollision viermal so groß.

SPIEGEL ONLINE: Ist schon mal wegen Tieren auf der Strecke ein Zug entgleist?

Pachl: Das ist mir nicht bekannt. Ich habe nur mal gehört, dass ein Zug in eine Herde gefahren ist und beschädigt wurde - allerdings nicht bei einer solch hohen Geschwindigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind die Hochgeschwindigkeitsstrecken in Deutschland nicht umzäunt?

Pachl: Die Gleise sind zum Teil gesichert, an Wildwechsel-Stellen und neben landwirtschaftlich genutzten Flächen. Das gesamte Streckennetz für Tempo 200 und mehr ist allerdings rund 3000 Kilometer lang. Das durch Zäune abzusichern, ist nicht machbar.

SPIEGEL ONLINE: Wie sicher ist Bahnfahren?

Pachl: Sehr. Es ist, bezogen auf die gleiche durchfahrene Strecke, circa 20-mal wahrscheinlicher, mit dem Auto zu verunglücken, als mit der Bahn.

Das Interview führte Antje Blinda.



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