Expo-Rückblick Nachhaltig ist nur die Tristesse

In Nagoya öffnet an Ostern die Weltausstellung ihre Tore. Die Expo in Japan soll nach dem Willen der Veranstalter ein leuchtendes Beispiel für ökologische und wirtschaftliche Nachhaltigkeit werden. Genau dies gelobte bereits die Expo 2000 in Hannover. Viel ist von den hehren Zielen nicht übrig geblieben.

Von Lars Langenau, Hannover


Expo Hannover: Immobilien-Werbung an ausgedienten Pavillons
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Expo Hannover: Immobilien-Werbung an ausgedienten Pavillons

Hannover/Hamburg - Japan plant Gewaltiges. Auf dem weltgrößten Bildschirm präsentiert die Expo nahe der Millionenstadt Nagoya einen Blauwal in Originalmaß. Roboter werden Messebesuchern den Weg zur Toilette weisen. 121 Länder und vier Organisationen beteiligen sich an der Schau, die vom 25. März bis zum 25. September in der zentraljapanischen Provinz Aichi stattfindet.

Eigentlich sollen Nagoyas Hightech-Attraktionen nur schmückendes Beiwerk sein. Denn das Motto der Schau lautet "Die Weisheit der Natur" und diesem Leitmotiv folgend wollen die Japaner vor allem Beispiele für die friedliche Koexistenz von Mensch und Umwelt präsentieren. Entsprechend wurde alle Expobauten, in die natürliche Umgebung eingebettet. Später soll das Gelände als Freizeit- und Grünanlage weiter genutzt werden. Getreu dem Konzept der Nachhaltigkeit bestehen alle Pavillons aus wieder verwertbaren Teilen.

"Eine neue Welt entsteht"

Rückseite des chinesischen Pavillons: Es blieb nur Ernüchterung
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Rückseite des chinesischen Pavillons: Es blieb nur Ernüchterung

Wer im Frühjahr 2005 das Geländer der Expo 2000 in Hannover besucht, reibt sich angesichts des Nagoya-Konzepts verwundert die Augen. Das Prinzip der Nachhaltigkeit stand schon in Niedersachsen im Mittelpunkt. Das Motto lautete seinerzeit: "Mensch-Natur-Technik. Eine neue Welt entsteht". Auch in der norddeutschen Tiefebene sollte alles wieder verwertbar und wieder verwendbar sein. Die Öko-Orientierung hatten sich die Marketingleute der Expo vor allem für jene Kritiker ausgedacht, welche die Schau als ebenso eitle wie anachronistische Selbstdarstellung der Industrienationen geißelten.

Während in Paris der Eifelturm und die Brüssel das Atomium an die Weltausstellungen erinnern, blieb den Hannoveranern jedoch nur ein weiteres trostloses Fleckchen Erde. Von der hehren Idee der Nachhaltigkeit ist kaum etwas übrig geblieben. Der ursprünglich geplante High-Tech-Park mit zigtausend Arbeitsplätzen wurde nie realisiert - dass einzige was Hannover bis heute nachhaltig beschäftigt, ist das Expo-Defizit. Es entstand vor allem durch absurde Fehlkalkulationen bei den Besucherzahlen: Statt der erwarteten 40 Millionen Gäste kamen nur 18,1 Millionen Menschen in die Landeshauptstadt, über welche die "taz" einst lästerte: "Wäre Hannover eine Jahreszeit, käme der November in Frage."

Im Anschluss an die Expo 2000 brachten die Verantwortlichen in Hannover zwar schnell noch 20.000 Ausstellungsstücke - vom Riesenrad und Fahnenmasten über einen buddhistischen Tempel bis zum Blumentopf - unter den Hammer, aber auch diese Versteigerung konnte den Schuldenberg von 1,1 Milliarden Euro nur unmerklich verkleinern. Die Hannoveraner setzten im Gegensatz zu den Japanern auf beeindruckende Architektur, für die jedoch im Nachhinein kaum noch Verwendung besteht. Aus dem Ausstellungsgelände wurde eine Wüste. Bonjour Tristesse.

Asia-Restaurant: Insolvenzverfahren eröffnet
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Asia-Restaurant: Insolvenzverfahren eröffnet

Im östlichen Zentralgelände ist nur dann ein Hauch von Leben, wenn massentaugliche Veranstaltungen in der Tui-Arena abgehalten werden. Dabei sollte sich die Gegend in der Vorstellung der Expo-Planer längst zum prosperierenden Gewerbegelände entwickelt haben. Doch auch fünf Jahre nach der Expo bröckelt etwa der von Wildwuchs befallene niederländische Pavillon vor sich hin. An der so genannten Postbox und anderen Gebäuden flattern großflächige Plakate von Immobilienmaklern im Wind.

Auch der einst wegen seiner kühnen Architektur gerühmte, zehn Millionen Euro teure Bertelsmann-Pavillon rottet vor sich hin. "Bertelsmann hat vergessen, dass sie hier noch einen Pavillon haben", sagt Jürgen Eppinger traurig. Der inzwischen pensionierte Beamte war im Baudezernat der Stadt in der Expo-Planungsgruppe tätig und läuft noch hin und wieder über Gelände. "In dem Bertelsmann-Pavillon geht noch immer abends das Licht an und morgens automatisch wieder aus", sagt er kopfschüttelnd.

Zwar wird ein Teil der Gebäude von der Fachhochschule genutzt, doch die 3000 Studenten wirken verloren auf dem 80-Hektar-Areal, dessen zentrales Karree größer als der Rote Platz in Moskau ist. Die "Zeit" nannte es die "trostloseste Piazza der westlichen Hemisphäre". Der spanische, der britische und auch der französische Pavillon stehen leer. Selbst im deutschen Pavillon herrscht gähnende Leere - auf einer Fläche, die eineinhalb Mal so groß wie ein Fußballfeld ist.

Nur vereinzelte Objekte werden genutzt. Der polnische Pavillon wurde in ein überdimensioniertes Asia-Restaurant umgewandelt, in dem die Kellner gelangweilt auf den Abschluss des Insolvenzverfahrens warten. Immerhin ist in den ehemaligen belgischen Pavillon der Pop-Produzent Mousse T. eingezogen. Wirklich attraktiv ist der Standort deshalb noch lange nicht, denn die Stadt vernachlässigt die Pflege des Geländes.

Hoffnung auf Ikea

Viel Freifläche auf dem Expo-Gelände: "Keine Fortsetzung der Expo mit anderen Mitteln"
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Viel Freifläche auf dem Expo-Gelände: "Keine Fortsetzung der Expo mit anderen Mitteln"

Rechtlich lebt die Expo bis heute weiter - zum einen als Expo 2000 Hannover GmbH in Liquidation und als Expo Grund GmbH, die für den Verkauf der Freifläche und der Pavillons zuständig ist. Deren Geschäftsführer Wolfgang Schatz redet davon, dass man einen "langen Atem" bei der Vermarktung der freien Fläche haben müsse. Schließlich seien nur noch acht Hektar zu verkaufen, sagt er und fügt hinzu: "Wir wollen keine Fortsetzung der Expo mit anderen Mitteln. Die Expo ist vorbei. Nun ist das ein stinknormales Gewerbegebiet."

Schatz hegt eine vage Hoffnung: "Wenn es erstmal mit der Informationstechnologie wieder losgeht", sagt er, "wollen wir ganz vorne mit dabei sein". Bereits seit geraumer Zeit setzt er auf Ikea: "Die kommen zu 99,9 Prozent." Die schwedischen Möbelverkäufer werden dann, so seine Rechnung, das gesamte Gelände aufwerten. Die Ansiedlung von Ikea ist nach Ansicht von Schatz "ein großes Kompliment für den Standort". Allerdings müsse man aufpassen, dass in der Folge jetzt "nicht Baumärkte und die McDonald's dieser Welt" dieses Gelände für sich entdecken.

Und letztendlich profitierte auch die Stadt von der Expo. So wurde etwa die Messe aufwendig mit rund einer Milliarde Euro modernisiert. Zudem gibt es seit 2000 eine hervorragend ausgebaute Autobahn, ein toprenovierter Hauptbahnhof, eine ICE-Haltestelle am Messegelände und schicke neue U-Bahnen und Busse.

Die renovierte Infrastruktur wird Hannover bei der Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr zugute kommen. Klaus Timaeus, WM-Beauftragter der Stadt, lobt: "Bei der Expo haben wir geübt, jetzt können wir es."



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