Von Philipp Kohlhöfer
Es ist nicht so, dass sie nicht Bescheid wusste. Im Gegenteil, der Deutsche Wetterdienst hatte gewarnt. Es ist nicht so, dass sie nicht wollte, was passierte. Sie hatte sich sogar darauf gefreut, wirklich, das hatte sie. Aber als dann der Hagel mit der Intensität eines Maschinengewehrs vom Himmel feuerte, die Haut vom aufgewirbelten Sand brannte wie Feuer und die Hosenbeine einfroren, da war sie doch überrascht.
Steffi Wahl steht bis zu den Knöcheln im Wasser am Ufer der Ostsee in der Hohwachter Bucht und ist erschöpft. Die 28-Jährige trägt einen Neoprenanzug, der am Hals geöffnet ist, die Kapuze des Anzugs baumelt hinter ihrem Rücken. Sie hat ein gerötetes Gesicht und gerötete Hände, sie kann sie kaum bewegen, zu lange verharrten sie in derselben Position. Sie lächelt, sie ist zufrieden. Sie war fast zweieinhalb Stunden lang auf dem Wasser. Sie war windsurfen.
Das Meer hinter ihr tobt wie seit Jahren nicht mehr, die Wellen kommen aus drei Richtungen, die Gischt tanzt auf dem kalten und rauen Wasser, das so aufgewühlt ist, als hätte jemand einen Tauchsieder hinein gehalten. Das Orkantief "Britta" peitscht mit rund 150 km/h über Norddeutschland, treibt bis zu 17 Meter hohe Wellen in die Nordsee und lässt das Wasser in der Ostsee fast zwei Meter über Normal steigen. "Das hatte ich nie im Leben erwartet", wird Steffi Wahl später sagen. "Ich dachte immer, dass ich auch bei viel Wind surfen kann. Aber der Wind war so stark, dass kontrollierte Sprünge fast unmöglich waren. Man flog einfach". Sie flog einfach. "Solche Bedingungen habe ich noch nie erlebt."
Normalerweise jagt Steffi Wahl Riesenwellen in Südafrika und Hawaii hinterher. Sie ist das Aushängeschild der deutschen Windsurfszene, die beste Windsurferin Deutschlands und eine der Besten weltweit, in allen Ranglisten immer ziemlich weit vorne. Die Zeitung "Die Welt" nannte sie mal "hübsch, freundlich, lebhaft und gescheit", was zwar wenig mit dem Windsurfen zu tun hat, aber auf jeden Fall nett ist. Steffi Wahl ist Halbprofi. "Na ja, so ein Zwischending eben", sagt sie. Sie hat einen normalen Job, fährt aber auf der Profitour und war im Jahr 2004 Fünfte der Weltrangliste. Und jetzt, beim bisher heftigsten Sturm dieses Jahres in der Ostsee, war sie eine von zwei Frauen beim Red Bull Storm Chase: einer Veranstaltung, bei der 22 der besten Windsurfer aus ganz Nordeuropa - von Irland über Belgien bis zur Ostsee - genau dann surfen gehen, wenn alle anderen Leute das Wasser verlassen.
Das Projekt war eine einmalige Veranstaltung, zugeschnitten auf den perfekten Sturm. "Ein Sturm, der ganz Europa verbindet", sagt Florian Gebbert vom Organisationsteam Big Sexy Pictures aus Kiel pathetisch. Die Surfer sollten an verschiedenen Spots mehr oder weniger gleichzeitig in die Welle, abhängig nur von der Richtung und der Geschwindigkeit des Sturms. Der Termin war nicht ein Jahr im Voraus geplant, wie etwa eine deutsche Meisterschaft. Sobald das Wetter schlecht genug war und der Sturm genug Kraft hatte, um auf dem ganzen Kontinent gleichzeitig zu wüten, sollte der Startschuss fallen.
"Wir haben zweimal in letzter Sekunde abgesagt, obwohl schon alles angelaufen war", sagt Gebbert. "Ich fühlte mich wie ein Spieler, aber wir wollten, dass der Wind richtig ballert." Er will eine DVD produzieren, auf dem hart umkämpften Markt mit Surfvideos soll sie nicht weniger als das Beste sein. Und dazu braucht er Wind, viel Wind. Alles unter Windstärke zehn - etwa 100 km/h - war nicht akzeptabel. Sturmtief "Britta" war gerade recht.
Die kalifornischen Monsterwellen sind nicht schwerer
Als Steffi Wahl aus dem Wasser steigt und Segel und Brett in die Hände nimmt, spannt sich das Segel sofort, und die Böen ziehen sie mit Windstärke zwölf den Strand hinauf. "Für die Fahrer, die hier starten, gibt es kein Preisgeld", sagt Florian Gebbert. "Hier wird kein Sieger präsentiert, es gibt keine Ehrungen. Uns geht es um den Kampf gegen die Naturgewalt." Steffi Wahl dreht sich um, schaut auf das Wasser, ihr Board liegt neben ihr im Sand. Vielleicht sollte sie noch mal raus? Gerade jetzt rollen schöne Wellen an den Strand. Sie verharrt kurz, blickt auf das Board, beugt sich nach unten - und entscheidet sich dagegen. Sie beginnt, das Segel von der Gabel zu lösen. "Ich denke oft, dass ich die guten Wellen verpasse", sagt sie. "Dann werde ich ganz nervös."
Im Binnenmeer Ostsee sind Sturmwarnungen selten, eigentlich schwappt das Wasser hier gemütlich hin und her wie in einer Badewanne. Wenn allerdings ein Tief vom Atlantik kommt und südlich in Richtung Polen zieht, dreht der Wind über der westlichen Ostsee rasch auf Nord bis Nordost. Durch den schnellen Richtungswechsel von West auf Nordost kommt es nicht nur zu einem Rückschwappeffekt vom Meer ans Ufer, sondern der Nordostwind treibt das Wasser auch noch verstärkt von der freien See an die Küste. Dadurch ergeben sich besonders hohe Wasserstände und Wellen von über vier Metern. Viel für die Ostsee.
Zwar sind die Wellen an anderen Orten auf dem Globus höher, aber das ist nicht das einzige Kriterium für den Schwierigkeitsgrad beim Windsurfen. In den Monsterwellen vor Kalifornien zu surfen ist anders. Nicht unbedingt leichter, aber eben auch nicht schwerer. Nur zwei dutzend Strände weltweit sind bekannt, an denen die Wellen höher als fünf Meter werden. Dachte man. Bis Windsurfer neue Spots entdeckten. Denn weil die Ausrüstung immer besser wird, sind auch die Wellenberge immer höher geworden, die noch gefahren werden können. Lag die Grenze einst bei drei Metern, ist sie heute auf 15 Meter gestiegen.
Die Gischt züngelt wie eine Schlange
Aber Höhe ist nicht alles. Es kommt genauso auf die Geschwindigkeit und die Strömung der Welle an, auf den Meeresuntergrund und den Wind. In erster Linie den Wind. Die Passatwinde vor Hawaii beispielsweise sind leicht zu berechnen, richtig stürmisch wird es dort nie.
"In Hawaii gibt es zwar immer die perfekten Wellen, aber in Nord- und Ostsee ist es kälter", sagt Steffi Wahl. "Ich mochte die Idee der Veranstaltung, die Kombination aus Kälte und Wind macht es so hart". Sie überlegt kurz. "Vielleicht ist das der Unterschied: Dass man in der Heimat auch dann gerne surft, wenn das Wetter richtig mies ist." Sie lächelt. Hinter ihr züngelt die von den Wellen geschleuderte Gischt wie eine Schlange. Normalerweise ist die Hohwachter Bucht ein beliebtes Ziel für Surfer, aber jetzt ist niemand mehr zu sehen.
"Das Tolle an diesem Wetter ist, dass du zu einem Spielball der Natur wirst", sagt Wahl. "Das macht das Surfen im Sturm so spannend. Du bist auf dem Wasser, fast schon Teil von ihm, du erlebst alles hautnah." Fast schon zu nah, denn bei einem Sturm dieser Größe ist es schwierig, sich auf das zu konzentrieren, was Windsurfen ausmacht: Sprünge und Tricks. Bei gleichmäßigem Wind ist das einfacher. Steffi Wahl ist froh, ihre Ausrüstung nicht verloren zu haben. Auf dem Wasser war sie vor allem damit beschäftigt, den rasenden Wind abzusurfen und ein paar Windlöcher für Sprünge zu finden.
Sie schüttelt sich frierend. "Manchmal stelle ich mich auch an wie ein Mädchen." Sie trägt das Board zurück zu ihrem Auto. "Andererseits, wenn die Jungs das können, dann kann ich das auch." Irgendwann soll der legendäre US-Windsurfer Robby Naish nach einem schlechten Wettkampftag mal gesagt haben: "Heute bin ich gesurft wie ein Mädchen".
Jemand sollte ihm mal die Telefonnummer von Steffi Wahl geben.
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