Fahrplanchaos ICE-Check legt wichtige Bahnstrecken lahm

Bahnkunden müssen am Wochenende mit erheblichen Behinderungen rechnen: Die Bahn zieht vorübergehend einen Großteil der ICE-Flotte aus dem Verkehr. Wann sich die Lage normalisiert, ist unklar.


Berlin - Eigentlich sollte bis zum Wochenende bei der Bahn alles wieder halbwegs rund laufen. Die ICE-Züge der jüngsten Baureihen sollten nach tagelangen Sonderprüfungen der Achsen nach und nach wieder aus den Werkstätten rollen. Doch jetzt müssen Zehntausende Reisende mit Chaos auf den Bahnhöfen rechnen: Überraschend zieht die Bahn am Samstag aus Sicherheitsgründen nahezu die gesamte ICE-T-Flotte aus dem Verkehr.

Auf wichtigen Nord-Süd- und Ost-West-Routen der Hochgeschwindigkeitszüge sind deshalb massive Einschränkungen zu erwarten. Die Schuld an dem Desaster gab die Bahn am Freitag den Herstellern der Neigetechnik-ICE, von denen 67 auf dem deutschen Netz fahren. Siemens, Alstom und Bombardier würde sie mit unkalkulierbaren Risiken alleine lassen.

Die ICE-T werden zu Betriebsbeginn am frühen Samstagmorgen ausgemustert. Dadurch wird auf folgenden Strecken zu Fahrplaneinschränkungen kommen:

  • Hamburg-Berlin-Leipzig-München
  • Wiesbaden-Frankfurt/Main- Leipzig-Dresden
  • Stuttgart-Singen-Zürich
  • Dortmund-Koblenz- Mainz-Frankfurt/Main-Nürnberg -Passau-Wien

Alle anderen ICE-Strecken seien nicht betroffen, teilt die Bahn mit. Informationen zu Ersatzfahrplänen seien ab sofort im Internet unter www.bahn.de/aktuellzu finden, telefonische Auskünfte unter der Service-Hotline 08000-996633 zu erhalten.

Wann der Fahrplan sich wieder normalisiert, ist laut Bahn nicht absehbar. Allerdings rechnet der Konzern auch für die kommende Woche noch mit Problemen.

"Wir fühlen uns im Stich gelassen"

Wegen zusätzlicher Sicherheitschecks bei den modernen ICEs kämpft die Bahn auf einigen Strecken seit Tagen mit überfüllten und verspäteten Zügen. Der Grund: Bei einer Routineuntersuchung mit Ultraschall wurde ein millimetertiefer Riss in der Achse eines ICE T gefunden. Ein solcher Materialfehler könnte auch zum Entgleisen eines ICE am 9. Juli in Köln geführt haben. Das endgültige Ergebnis der Materialprüfung steht noch aus.

Bahn-Chef Hartmut Mehdorn hatte der Bahnindustrie am Freitag ein Ultimatum gestellt, "so schnell wie möglich" verbindliche Aussagen über die Haltbarkeit der Achsen zu treffen. Um einen zuverlässigen Fahrplan im Fernverkehr in nächster Zeit noch sicherstellen zu können, seien die Aussagen über Haltbarkeit und Prüfintervalle der ICE-Achsen notwendig, sagte Mehdorn am Freitagmorgen in Berlin. Es könne nicht so weitergehen, dass die Bahn ständig mit veränderten Fakten und Einschätzungen konfrontiert werde.

"Wir sehen uns von der Industrie im Stich gelassen, die uns mit nicht belastbaren und unklaren Angaben konfrontiert", klagte Mehdorn. "Deshalb sehen wir uns zu dieser drastischen Maßnahme mit den sich daraus ergebenden Fahrplanänderungen gezwungen."

Siemens reagierte auf die Vorwürfe zunächst kühl. Die Achsen seien nach dem Stand der Technik und nach geltenden Normen und Richtlinien gefertigt. "Siemens hält weiterhin ein Prüfungsintervall von 200.000 bis 300.000 Kilometern für sinnvoll", sagte ein Sprecher, fügte allerdings hinzu, man habe "aber Verständnis, dass die Deutsche Bahn ihre Prüfungsintervalle verringert".

Zuletzt hatte die Bahn das Wartungsintervall für die Achsen der ICE T und ICE 3 nach einem Kompromiss mit dem Eisenbahnbundesamt auf 30.000 Kilometer gesenkt. "Das ist so, als ob ein Autofahrer alle sechs Wochen zum TÜV müsste", schimpfte Mehdorn.

Mit den ICE-T hatte es schon bei der Premiere auf dem deutschen Netz im Frühsommer 2000 Probleme mit der Neigetechnik gegeben.

Tickets können umgetauscht werden

Die Bahn kündigte für betroffene Fahrgäste Kulanzregeln an. Konnte die Reise nicht angetreten werden, kann das Ticket demnach bis zum 30. November kostenlos umgetauscht oder erstattet werden. Nicht genutzte Reservierungen sollen erstattet werden. Muss statt ICE ein Intercity genutzt werden, werde der Differenzbetrag ausgezahlt. Bei Sparangeboten mit Bindung an einen bestimmten Zug werde die Bindung aufgehoben, wenn der gebuchte Zug nicht genutzt werden kann.

Doch nicht nur die Hochgeschwindigkeitszüge machen der Bahn enorme Schwierigkeiten. Das Eisenbahn-Bundesamt stoppte nach einer Meldung der "Augsburger Allgemeinen" die Zulassung von rund 30 nagelneuen Regionalzügen der Baureihe 440, die ab Dezember zwischen Ulm und München eingesetzt werden sollten. Bei den Zügen gibt es offenbar "massive Probleme in der Steuerungstechnik und der Software der Züge". Das Blatt zitierte eine Bahnsprecherin mit der Aussage, rund 25.000 Bahnkunden täglich seien betroffen. Die Zeit des Ausfalls der Züge sei "nicht kalkulierbar".

amz/abl/AP/Reuters/dpa/ddp



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Meinungsmarktbeiträger 11.07.2008
1. Erfahrungen mit der Bahn
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Über "Service, Sicherheit, Komfort" konnte ich mich nie beklagen. Wenn ich - meist wiederwillig und aus beruflichen Gründen - mit dem ICE unterwegs war, dann fand ich es im nachherein immer wieder sehr angenehm. Bahnfahren ist nach meinem Empfinden allerdings nach wie vor viel zu teuer und deswegen so wenig attraktiv.
der_durden 11.07.2008
2. Nichts gelernt...
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Die DB hat nichts gelernt. Der arrogante Abschluss von Eschede ist das Eine, dass die Bahn aber ein weiteres Mal gewillt ist, solche Risiken auf Kosten der Reisenden auf sich zu nehmen verschlägt mir die Sprache...
Rochus 11.07.2008
3. Entgleisung in Köln
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Da ist die Bahn mal wieder erwischt worden: Profit geht über Sicherheit. Radreifen werden erneuert, wenn sie den Kunden um die Ohren fliegen, verrottete Bahnschwellen, wenn sie endlich zerbröseln und defekte Lager, wenn's nicht anders mehr geht. Bahnkunden brauchen einen sehr guten Draht zu einem leistungsfähigen Schutzengel. Jeder anderer Spediteur hätte schön längst seine Lizenz verloren. Rochus
derweise 11.07.2008
4. Würzburg, Köln
Vor Würzburg entgleiste der Hochgeschwindigkeitszug (!) ICE, weil einige Schafe auf dem Gleis waren. Das hätte schon stutzig machen müssen bezüglich der Erfüllung von sicherheitstechnischen Anforderungen. Nun ist wieder eine Engleisung: wegen Materialproblemen. Hier scheint die Routineüberprüfung nicht ausreichend. Gab es bei der Konstruktion des ICE überhaupt ein Sicherheitskonzept? Gibt es eine laufende Überwachung von Materialverschleiß usw.? Der ICE stellt eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit dar!
fraunicole 11.07.2008
5.
Zitat von der_durdenDie DB hat nichts gelernt. Der arrogante Abschluss von Eschede ist das Eine, dass die Bahn aber ein weiteres Mal gewillt ist, solche Risiken auf Kosten der Reisenden auf sich zu nehmen verschlägt mir die Sprache...
Mit der Privatisierung wird das Risiko noch größer werden. Profit ist Profit. Sicherheit kostet...
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