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Fahrrad mit Zahnriemenantrieb: Die Stille des Asphalts

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Schluss mit Schmiere am Hosenbein, nie wieder nervige Kettengeräusche: Ein Zahnriemenantrieb sorgt für ein neues Radfahrgefühl. Die Technik hat Vorteile, ist jedoch teuer und stellt hohe Ansprüche an Rahmen und Straßenbelag.

Zahnriemen-Rad: Ohne Öl und Geräusche Fotos
Holger Dambeck

Wow! Das Einzige, was ich höre, ist ein minimales Laufgeräusch des Reifens auf dem Asphalt. Ansonsten herrscht Stille, obwohl ich kräftig in die Pedale trete. Ich sitze auf einem schicken, gelben City-Flitzer aus der Schweiz - das Modell Wegwärts Sport des Schweizer Herstellers Simpel. Das Fahrrad hat weder Kette noch Ritzel - die Kraft wird über einen Zahnriemen zum Hinterrad übertragen. Und das geschieht lautlos.

Der Zahnriemen hatte lange Zeit keinen guten Stand in der Fahrradbranche. Die Antriebstechnik galt als schwierig und sensibel. Die Spannung des Riemens musste äußerst präzise eingestellt werden, Risse waren nicht ungewöhnlich. Seit aber der Hersteller Gates das Gummi mit Karbonfasern verstärkt, sind die Riemen deutlich stabiler und langlebiger geworden. 20.000 Kilometer und mehr Laufleistung verspricht Simpel - dank der Karbonfasern soll der Riemen keinen Millimeter nachgeben.

Trotzdem wagen sich nur wenige Hersteller an die Alternative zur Kette, denn die Technik ist nach wie vor anspruchsvoll. Der Riemen läuft nämlich ohne Führung über die große Zahnradscheibe am Tretlager und die kleine am Hinterrad. Damit das klappt, müssen die Scheiben in einer Flucht liegen und ihre Achsen absolut parallel sein. Ist das nicht der Fall, droht der Riemen von einer der Scheiben herunterzulaufen. Daran hindert ihn zwar eine seitliche Begrenzung - doch wenn das Gummi daran stößt, verschleißt das Material.

Erschwerend hinzu kommt das, was der kräftig in die Pedale tretende Mensch mit dem Rahmen anstellt. "Es kommt ständig zu Verwindungen", erklärt Philip Douglas, Gründer von Simpel. Bei Motorrädern, die Gates ebenfalls mit Zahnriemen ausrüstet, bestehe dieses Problem nicht, weil die Drehzahlen viel höher seien. Speziell für den Zahnriemenantrieb musste Simpel daher einen Fahrradrahmen entwickeln, der besonders steif ist. Denn die kleinen Abweichungen von der Ideallinie, mit denen eine Kette problemlos klarkommt, verzeiht ein Riemen nicht.

"Ausgereift und alltagstauglich"

"Die Anforderungen an den Rahmen sind höher als bei einem Rad mit Kettenantrieb", bestätigt Manuel Holstein von der Magdeburger Radschmiede Schindelhauer. Die zulässigen Toleranzen seien deutlich geringer. Schindelhauer ist einer der Pioniere in Sachen Riemenantrieb, die Firma stattet alle eigenen Modelle damit aus. "Wir halten die Technik für ausgereift und alltagstauglich." Der Riemen passt gut zum schlichten, funktionalen Design der edlen Fixies und Singlespeed-Räder von Schindelhauer.

Riemen und Spezialrahmen haben jedoch ihren Preis: Sie machen ein Fahrrad um mehrere hundert Euro teurer als ein gleich ausgestattetes Rad mit Kette. Das Wegwärts Sport, auf dem ich gerade sitze, kostet immerhin 1635 Euro. Dafür bekommt man allerdings auch ein Velo, das wartungsarm ist, wie Firmenchef Douglas versichert. Bei einem Rad mit Kette muss diese alle paar tausend Kilometer gewechselt werden, weil sie mit der Zeit immer länger wird. Und irgendwann sind auch die Kränze verschlissen und müssen getauscht werden.

Man zahlt also für den Riemenantrieb zunächst mehr, spart aber später bei Wartung und Instandhaltung.

Simpel verkauft seine Räder ausschließlich übers Internet - in Freiburg und Zürich gibt es je ein Testcenter, wo Interessenten die Modelle Probe fahren können. "Ein Rad wie das Wegwärts Sport braucht keine Erstinspektion", sagt Douglas. Und auch nach Tausenden Kilometern benötige man keine Werkstatt. Dafür sollen nicht nur der Riemenantrieb sorgen und die sorgfältig im Rahmen geführten Bowdenzüge, sondern auch die Rollenbremsen. "Die sind zwar weniger sportlich als Scheibenbremsen, schaffen aber 50.000 Kilometer Laufleistung", sagt Douglas.

Steifer Aluminiumrahmen, guter Tritt

Bei meinen Testfahrten durch Berlin vermitteln die Shimano-Bremsen ein sicheres Gefühl. Ganz anders als bei manchem der betagten Leihräder mit Rollenbremsen, auf denen ich schon gesessen habe. Der Riemen selbst fühlt sich beim Treten kaum anders an als eine Kette, nur das typische Geräusch fehlt.

Mitunter unangenehm ist der steife Aluminiumrahmen des Modells Wegwärts Sport. Die Fahrt über Pflasterstraßen geht ordentlich auf die Handgelenke, eine Federgabel hat Simpel bewusst nicht verbaut. Das Bike mit seinen schmalen Reifen rollt ähnlich wie ein Rennrad am bestem auf glattem Asphalt.

Wie technisch anspruchsvoll das Antriebssystem ist, zeigte sich nach einigen knackigen Antritten an den Hügeln im Berliner Grunewald. Der Riemen meines Testrads machte plötzlich Geräusche, das Rad musste zurück zum Hersteller. Dort stellte sich heraus, dass die große Riemenscheibe am Tretlager nicht präzise genug gefertigt war. Nach dem Austausch der Scheibe funktionierte das Schweizer Velo dann so, wie versprochen: praktisch geräuschlos.

Als Alltagsrad für den Pendler ist das Wegwärts Sport trotz seines hohen Preises sicher eine gute Wahl. Vorausgesetzt, der Asphalt auf der Strecke ins Büro ist schön glatt und man kann es sicher abstellen. LED-Lampen vorn und hinten inklusive Standlicht und Nabendynamo sind selbstverständlich. Dank der Nexus-Nabenschaltung mit acht Gängen machen auch steilere Berge keine Probleme. Und verschmierte Hosenbeine holt man sich keine mehr - dem Riemen sei Dank!

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Zum Autor

Holger Dambeck, Jahrgang '69, arbeitet seit 2004 als Wissenschaftsredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Er fährt praktisch täglich Fahrrad und hat schon diverse Urlaube im Sattel verbracht.