Fahrradschau Berlin Ich bike, also bin ich

Berlin, Mekka für Bike-Nerds: Auf der Fahrradschau gab's edle Rahmen, wilde BMX-Pirouetten und neue Gadgets für Velo-Hipster. Die Messe zeigte, wie identitätsstiftend Fahrräder mittlerweile für viele Menschen sind - und erlaubte einen Blick in den Mainstream von morgen.

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Die Bewegungen erinnern an Eiskunstlauf. Doch sie finden nicht auf Eis, sondern auf hartem Beton statt. Flatland heißt das Spektakel, das eine Gruppe junger BMX-Fahrer aus Berlin veranstaltet. Mit einem Bein steht der Fahrer auf der verlängerten Vorderachse - und dreht sich und das Bike zu DJ-Musik rasant auf der Stelle.

Das Fahrrad wird vom Fortbewegungsmittel zum Lifestyle-Objekt - das könnte das Motto der Fahrradschau sein, die am Wochenende in Berlin stattfand. In den Hallen des einstigen Postbahnhofs in Kreuzberg gab es all das zu sehen, was von wahrer Leidenschaft fürs Fahrrad zeugt: sündhaft teure Rahmen, schicke Radkleidung, maßgeschneiderte Bikes für exotische Einsätze und die neuesten Gadgets für Velo-Hipster.

Der Branche dient die Schau in Berlin auch als Trendbarometer. "Dass man ein Fahrrad in mehreren verschiedenen Neonfarben gleichzeitig lackieren kann, habe ich vor Jahren zum ersten Mal hier gesehen", sagt Uwe Weissflog von der Agentur inmotion mar. Andreas Müller, Manager beim Großhändler Hartje, bestätigt das: "Ideen, die man hier sieht, tauchen, zwei, drei Jahre später im Mainstream auf." Deshalb sei er auf der Messe nicht nur als Aussteller unterwegs, sondern auch als Trendscout.

Trikots aus der guten alten Zeit

Mauro Coccia neben Trikots: Wolle gemischt mit Acryl
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Mauro Coccia neben Trikots: Wolle gemischt mit Acryl

Vor allem die kleinen Hersteller und Start-ups machen die Fahrradschau so interessant. Der italienische Textilspezialist De Marchi passt zwar nur halb in diese Kategorie. Schließlich produziert die Firma seit Jahren synthetische Kleidung für Rennfahrer, viele Jahre auch im Auftrag von Adidas und Nike. Doch seit einigen Jahren hat Firmenchef Mauro Coccia das Sortiment um Trikots erweitert, die landläufig unter dem Label Retro laufen. "Wir machen aber kein Retro, das ist authentische Kleidung", betont Loccia.

"Ich nutze das Originaldesign unserer Firma aus den Fünfzigern und Sechzigern, und wir nähen die Trikots auf Maschinen von damals." Auch das Material sei authentisch. Wie einst kommt eine Mischung aus Wolle und Acryl zum Einsatz. Zusätzlich bietet De Marchi auch Trikots in 100 Prozent Merinowolle an, ein Material, das wegen seines Tragekomforts immer beliebter wird. Die Kleidung aus Naturfasern hat freilich ihren Preis: 160 Euro kostet ein Trikot aus der Wolle-Polyester-Mischung, für Merinowolle werden 200 Euro fällig.

MTB mit extra dicken Riesenschlappen

Maßgebaut für Kunden: Stephan Ensthaler und das 29plus-Bike
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Maßgebaut für Kunden: Stephan Ensthaler und das 29plus-Bike

Ein ungewöhnliches Rad hat der Bochumer Stephan Ensthaler auf der Fahrradschau vorgestellt: eine Art Fatbike mit der Monsterreifengröße 29 plus. Mountainbikes mit 28-Zoll-Felgen werden ja wegen der deutlich dickeren Reifen als 29-Zöller bezeichnet, aber Ensthalers handgebautes Rad ist noch größer, denn die Reifen sind noch ein ganzes Stück dicker als normale MTB-Mäntel - wenn auch nicht ganz so monströs wie bei Fatbikes.

"Je dicker die Reifen sind, mit umso geringerem Luftdruck kann ich fahren, umso besser ist der Grip und umso besser schlucken sie Unebenheiten weg." Ziel sei ein Mountainbike gewesen, das keine Federung brauche und maximale Traktion (Grip) biete - also eine möglichst große Aufstandsfläche. Etwa 2900 Euro kostet das Bike, das der Bochumer für einen Kunden maßgebaut hat.

Handtasche für den Lenker

Schlenker am Lenker: Krisztina Oravecz zeigt ihre Kreation
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Schlenker am Lenker: Krisztina Oravecz zeigt ihre Kreation

Ein typisches Modeprodukt hat die Ungarin Krisztina Oravecz entworfen: Handtaschen, die man mit einem Klettverschluss an Lenker oder Oberrohr befestigen kann. "Ich fahre viel Rad, und mich hat immer gestört, dass eine kleine umgehängte Tasche immer wieder am Rücken verrutscht." So sei die Idee der Lenkerhandtasche entstanden.

Die Tasche besteht aus einem großen Fach vorn und zwei durch eine Lücke für den Lenkervorbau getrennte kleine Fächer auf der Rückseite. Man legt sie über den Lenker, Klettverschlüsse halten Vorder- und Rückseite zusammen. Feewerk, die Firma der Ungarin mit Sitz in Berlin, bietet die Tasche in unterschiedliche Stoffdesigns in drei Größen für 29, 49 und 59 Euro an.

Vorbild Tour de France

Auguste86: Philipp Heyna zeigt kompakte Tasche aus Rostock
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Auguste86: Philipp Heyna zeigt kompakte Tasche aus Rostock

Das Problem des ständigen Verrutschens auf dem Rücken gibt es auch bei größeren Umhängetaschen. Bei Fahrradkuriertaschen löst man es mit einem kurzgezogenen Schulterriemen und einem zusätzlichen Bauchgurt. Doch diese Taschen sind relativ voluminös - so kam Philipp Heyna auf die Idee, eine Kompakt-Variante zu entwickeln. 2011 gründete er in Rostock die Firma Auguste86. Beim Design orientierte er sich an der sogenannten musette bag. Das sind jene Umhängetaschen aus Stoff, mit denen Radprofis seit Jahrzehnten Trinkflaschen und Verpflegung vom Teamfahrzeug zu ihren Kollegen transportieren.

"Bei der Tour de France werden 'musette bags' weggeworfen" sagt Heyna. "Unsere Version besteht aus haltbarem Cordura und hat einen zusätzlichen Bauchriemen, damit die Rasche beim Radeln nicht verrutscht." In die kleine Version (Preis 60 Euro) sollen acht Bierflaschen passen, in die hochformatige, größere Ausgabe sogar elf Flaschen oder ein 15 Zoll Laptop (80 Euro). Auf den unteren Teil der größeren Version können Kunden auch Stoffe eigener Wahl nähen lassen.

Kompaktes Citybike

Joram van den Boezem mit 20-Zoll-Bike: leichter, wendiger
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Joram van den Boezem mit 20-Zoll-Bike: leichter, wendiger

Mit einem kleinen Stadtflitzer will die niederländische Firma Minutecycles Städte in Europa erobern. "Wir finden, ein Rad mit kleinen Laufrädern passt besser in die Stadt", sagt Firmengründer Joram van den Boezem. Das Bike sei leichter, wendiger und lasse sich auch einfacher Treppen hochtragen.

Das Modell Minute rollt auf 20-Zoll-Felgen und gibt's in einer Männer- und einer Frauenversion. Der Rahmen ist aus Stahl, die Zweigangschaltung reicht in flachen Städten vollkommen aus. Das 13 Kilogramm schwere Bike kostet 695 Euro. Die Produktion läuft nach Boezems Angaben gerade an, auf der Fahrradschau waren zwei fahrbare Prototypen zu sehen. Bislang verfügt das Rad nur über einen Rücktritt, für den deutschen Markt soll künftig eine extra Bremse fürs Vorderrad montiert werden.

Wandhalter mit raffinierter Klappfunktion

 Designer Olaf Simon: Flexibles Brett als Wandhalter
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Designer Olaf Simon: Flexibles Brett als Wandhalter

Wenn das Rad zum Kultobjekt wird, dann möchte man es immer um sich haben. Das ist die Idee hinter Fahrradwandhalterungen, die auch im Wohnzimmer eine gute Figur machen. Einer der ersten Anbieter in dem Segment war Mikili aus Berlin. Auf der Fahrradschau haben zwei Designer nun mit .flxble einen neuen minimalistischen Ansatz präsentiert. Der Halter wird aus geschichtetem Birkenholz hergestellt, in dessen Mitte viele kleine Aussparungen gefräst sind. Dadurch lässt sich das Brett verbiegen - ein schon an sich verblüffendes Phänomen.

"Ein Künstler hat diese Methode schon mal in den siebziger Jahren genutzt", erklärt der Berliner Designer Olaf Simon. "Wir nutzen jetzt allerdings deutlich dickeres Holz." Ein Stoffriemen hält das verbogene Holz im richtigen Winkel, das Oberrohr liegt in einer mit Filz bedeckten Nut. Unbenutzt kann man den Halter nach unten wegklappen. Die Halterung gibt es in zwei Größen für 199 beziehungsweise 249 Euro.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
hoppla_h 24.03.2014
1. Berliner Schickeria
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEBerlin, Mekka für Bike-Nerds: Auf der Fahrradschau gab's edle Rahmen, wilde BMX-Pirouetten und neue Gadgets für Velo-Hipster. Die Messe zeigte, wie identitätsstiftend Fahrräder mittlerweile für viele Menschen sind - und erlaubte einen Blick in den Mainstream von morgen. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/fahrradschau-berlin-a-960350.html
Fahrradschau in Berlin. Nach dem Artikel wäre ich dort nicht richtig gewesen. Ich fahre Fahrrad um von Ort A nach B zu kommen. Falt- und Leichtbau-Räder haben Reiz bei besonderen Anwendungsfällen und wenn der Preis unwichtig ist. Fahrrad als Statussymbol? - Für den normalen Tagesgebrauch gilt für Fahrräder, die man auch fährt: *"No Frills!"*
susiwolf 24.03.2014
2. Manchmal auch K-e-l-l-e-r-k-i-n-d-e-r ...
Diese n e r d s ... Wenn denn so bezeichnet wären es 'Fachidioten' - 'freaks' - 'Sonderlinge' - 'Streber' - 'Aussenseiter' und eben auch schon 'die Kellerkinder' ... Das gesellschaftl. Stereotyp trifft nun überhaupt nicht auf die Fahrradwelt & Company zu. Wie in jedem Jahr nutzen Hersteller, Händler und ... Kunden die Frühlingszeit, um nicht nur Ihrem Profitdenken Folge zu leisten, sondern auch, um der Leere der Geldbörse ein Äquivalent entgegen zu setzen. Je bunter, je ausgefallener - um so besser. D-a-s ist die zukünftige Fahrradwelt. Wenn es denn 'mal etwas mehr über dem Durchschnitt kostet ... was soll's ... immer noch besser als in einer Blechkiste zu sitzen. Bewegungslos ! Ob nun 'neue' Wandhalter, Taschen oder Bekleidung ... hatten wir das nicht alles schon ? Dann doch eher 2 oder 3 'bikes' - für jeden Einsatz eins: Keine Schaltung beim 'cruizen' ... 3-Gänge für Stadt und Einkauf ... und 24 Ritzel für Sport und Gebirge ! Qualität? Gerne Aluminium, Chrom-Molybdän oder (jawohl) sogar Bambus und Plaste. Nun aber los, raus aus dem Keller in die Sonne ...
uglyripper 24.03.2014
3.
Zitat von hoppla_hFahrradschau in Berlin. Nach dem Artikel wäre ich dort nicht richtig gewesen. Ich fahre Fahrrad um von Ort A nach B zu kommen. Falt- und Leichtbau-Räder haben Reiz bei besonderen Anwendungsfällen und wenn der Preis unwichtig ist. Fahrrad als Statussymbol? - Für den normalen Tagesgebrauch gilt für Fahrräder, die man auch fährt: *"No Frills!"*
"No Frills" hat auch den Fahrradmarkt dorthin geführt wo er heute ist. In der Masse langweilige, häßliche und qualitativ unteririsch schlechte, dafür aber billige Räder, bei denen es weitgehend egal ist, ob sie im Fachhandel, Baumarkt oder bei Aldi erworben werden. Man vergleiche nur mal die Lagerqualität zwischen einem 60 Jahre alten Damenrad und einem aktuellen Standardrad von der Stange für 200-500€.
Tetanic 24.03.2014
4. Fahrradschau vs VELO
Zitat von hoppla_hFahrradschau in Berlin. Nach dem Artikel wäre ich dort nicht richtig gewesen. Ich fahre Fahrrad um von Ort A nach B zu kommen. Falt- und Leichtbau-Räder haben Reiz bei besonderen Anwendungsfällen und wenn der Preis unwichtig ist. Fahrrad als Statussymbol? - Für den normalen Tagesgebrauch gilt für Fahrräder, die man auch fährt: *"No Frills!"*
Für Leute wie Sie gibt es - bei Interesse - die VELO am kommenden Wochenende. Ich war mal schauen, da gabs viel zu bestaunen und eine Menge netter Leute aus der ganzen Welt kennen zu lernen. Auch das "no frills"-Konzept war, stellenweise bis ins Extrem überzeichnet, vorhanden. Und zwar in Form von herrlich geradlinig gezeichneten und minimalistisch ausgestatteten Singlespeed-Rädern. Natürlich aufgrund von Detailverliebtheit und hochwertigem Material nicht als "Stadtschlampe" zu empfehlen. Eine ebensolche benutze auch ich als Transportmittel, für Genuss- und Sport stehen 2 weitere, in der Wohnung, bereit.
suplesse 24.03.2014
5. Gute Räder gibt es schon!
Ich bezweifle, dass die dort auf dieser Messe zu finden sind. Da geht es ja um einen gewissen Kultstatus und weniger um die techn. Qualität des Gefährtes. Ganz klar und einfach umschrieben ist ein gutes Rad, welches aus Bauteilen besteht, die bei Langlebigkeit noch leicht und leichtgängig sind. Dabei dieses Rad dann noch schön ist. Wobei darüber lässt es sich bekanntlich streiten. Das Pseudozubehör und die Räder, die in dem Artikel vorgestellt wurden, braucht jedenfalls keiner. Auch bei einem Rad ist es es die größte Freude, mit relativ wenig Krafteinsatz eine beherrschbare Geschwindigkeit zu erzielen und wenn man dann doch mal bremsen muss, diese auch funktionieren. Mit tonnenschweren Kulteisenhaufen wird auf Dauer niemand glücklich.
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