Fahrradschau Berlin: Stil trifft Stahl

Von Holger Dambeck

Coole Biker, filigrane Rahmen, schräge Accessoires - auf der Berliner Fahrradschau zelebrieren Hipster, BMX-Fans und Fixie-Liebhaber ihren Lebensstil auf zwei Rädern. Die Ausstellung zeigt: Das Fahrrad ist längst ein Symbol des modernen, urbanen Lebens geworden.

Urbane Mobilität: Rad-Enthusiasten feiern sich in Berlin Fotos
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Berlin - Diese Messe ist anders: Hier geht es nicht um den neuesten Karbonrahmen, praktische Regenhosen oder günstige Massenware - auf der Berliner Fahrradschau feiern Drahtesel-Enthusiasten ein Lebensgefühl. Hier trifft der durchtrainierte Radkurier andere Fixie-Fahrer und stilbewusste Nostalgieradler. Viele ausgefallene Räder stehen in dem ehemaligen Postamt unweit des Potsdamer Platzes - und die Veranstaltung gleicht eher einer Party als einer Messe.

Aussteller wie Besucher eint die Begeisterung für das Leben auf zwei Rädern. Patrick Laible ist ein typisches Beispiel: Der Berliner hat sich mit seiner Firma TotemBikes voll und ganz dem Bau maßgeschneiderter Räder verschrieben. Sein Hobby ist zum Beruf geworden. Extra für die Fahrradschau hat er ein sogenanntes Fatbike konstruiert, eine Art Mountainbike mit Reifen so dick wie bei einem Motorrad. "Damit kommt man wunderbar durch tiefen Schnee und Sand", sagt er.

"Ich will Dinge selbst machen, so kam ich zum Rahmenbau" erzählt Laible. Er hat Werkstoffwissenschaften studiert - ist also ausgewiesener Experte, wenn es ums Schweißen und Löten von Stahl geht, das von den meisten Rahmenbauern wegen seiner guten Eigenschaften bevorzugte Material. Um sein Fatbike bildet sich immer wieder eine Menschentraube - gebaut hat es der Berliner aber nur für sich selbst. Mit der Konstruktion bewirbt er sich um den Fame Frame Award der Fahrradschau - ein Preis für den vom Publikum gewählten schönsten Rahmen auf der Ausstellung.

Zubehör, das man im Laden nicht findet

Die Messe zeigt nicht nur ausgefallene Räder, sondern auch Zubehör, das man in einem normalen Fahrradgeschäft kaum findet. Zum Beispiel die Hotelfietsbel aus Holland. Der Amsterdamer Anton Frima war auf der Suche nach einer neuen Klingel, doch was es im Laden gab, gefiel ihm nicht. Die runde Hotelglocke an der Kasse, mit der man den Verkäufer herbeiruft, brachte ihn auf eine Idee: Warum montiert man so etwas nicht an den Lenker?

Nun verkauft seine Kollegin Anouk Zeeuw van der Laan die Hotelfahrradglocke auf der Ausstellung in Berlin. "Am besten funktioniert sie, wenn man richtig mit Schwung draufhaut", erklärt sie. Der Gong ist auch drei Stände weiter noch gut zu hören, obwohl der Lärmpegel in der Halle hoch ist. "In Amsterdam braucht man eine laute Klingel", sagt die Holländerin und lacht. 20 Euro kostet die Glocke.

In eine ganz andere Preiskategorie fällt das Fahrradzubehör, das Fanny Rybarsch mit ihrer Firma Klara Geist anbietet. Die Berliner Lautsprechermanufaktur baut mobile Soundsysteme, die ein Lastenrad zur rollenden Disco aufrüsten. "Wir wollten Musik auf der Straße erlebbar machen", sagt Rybarsch. Statt sich allein einen Kopfhörer aufzusetzen, sollten alle mithören können.

Zwischen 4000 und 8500 Euro kostet eine Anlage, die auf das Kopenhagener Cargobike Bullit montiert wird. Die Akkus reichen für acht Stunden. Prominentester Nutzer ist Joe Hatchiban, der ab dem Frühsommer wieder jeden Sonntag zu seiner Karaoke-Show in den Berliner Mauerpark einlädt. Dort beschallt er problemlos über 1000 Leute. Die Nachmittagsparty zieht mittlerweile so viele Leute an, dass es immer wieder Streit mit den Behörden um fehlende Toiletten und die zertrampelte Wiese gibt.

Schweißtreibende Verfolgungsrennen

Ein Highlight für die Zuschauer der Fahrradschau sind die Sportevents in den Hallen. Mountainbiker vollführen waghalsige Sprünge, BMX-Fahrer zeigen ihre Tricks. In einem kaum zehn Meter langen, eigens für die Messe zusammengenagelten Velodrom liefern sich Männer und Frauen bis zum späten Abend schweißtreibende Verfolgungsrennen.

Erstmals zeigte die Berliner Ausstellung auch Bikepolo - eine Art Hockey auf Rädern. Die Sportart wurde 1908 sogar bei Olympia gespielt, Radkuriere haben sie vor einigen Jahren neu belebt.

Käthe Schnieders aus Berlin spielt erst seit einem Jahr Bikepolo. "Ich bin leidenschaftliche Radfahrerin und dachte mir, warum soll ich das nicht zum Hobby machen?" Ohne Helm, Visier und Beinschützer wagt sie sich allerdings nicht aufs Spielfeld. "Man kann schon mal einen Schläger abbekommen", sagt sie.

Bikepolo erfordert gute Koordination. Man fährt immer nur mit einer Hand am Lenker, in der anderen ist der Schläger. Wer den Boden mit dem Fuß berührt, muss zur Strafe zur Bande an die Mittellinie fahren und darf erst danach wieder ins Spiel eingreifen. "Man lernt eine Menge dabei über das Rad, ich habe es jetzt viel besser im Griff", sagt Schnieders. "Das ist auch im Straßenverkehr von Vorteil."

Dass die in Berlin zelebrierte Fahrradkultur längst keine Nische mehr ist, demonstrierte jüngst auch die Modekette H&M. In diesem Frühjahr verkauft sie eine vom Radsport inspirierte Modekollektion - entstanden in Zusammenarbeit mit Brick Lane Bikes London, dem ersten Fixie-Laden Großbritanniens. Coole Biker auf schicken Rädern gehören nun offensichtlich zum Mainstream.

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insgesamt 26 Beiträge
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1. Er hat Werkstoffwissenschaften studiert -....
sikasuu 10.03.2013
......ist also ausgewiesener Experte, wenn es ums Schweißen und Löten von Stahl geht,.. ### In der Theorie:*-) . In der Praxis hat der "alte" Rad-Schrauber der X-hundert Rahmen gebaut hat wohl mehr Erfahrung. . Ich kenne Ings. die ehrfürchtig von den Lastverhältnissen eines Tretlagerkotens beim gemufften Diamantrahmen reden. . Grinsegruesse nach Berlin von Sikasuu
2. Hipster Alarm
Illya_Kuryakin 10.03.2013
Jetzt müssen die Berliner ihr 6-Tage-Rennen nur noch in "Fixi-Sixdays" umbennen und schon wimmelts da nur noch von Schwarze-Kunstoff-Kastenbrillen-Hipstern.
3.
teletube 10.03.2013
Zitat:"Die Berliner Lautsprechermanufaktur baut mobile Soundsysteme, die ein Lastenrad zur rollenden Disco aufrüsten. "Wir wollten Musik auf der Straße erlebbar machen", sagt Rybarsch. Statt sich allein einen Kopfhörer aufzusetzen, sollten alle mithören können." Genau: Das wird für die anderen Verkehrsteilnehmer die reinste Freude sein...Dabei finde ich schon diejenigen Radfahrer relativ bescheuert, die mit Kopfhörer unterwegs sind (Wie soll da ein von hinten anrollender 40-Tonner wahrgenommen werden?). Bin übrigens selbst Radfahrer, d.h. ich argumentiere nicht als Fahrradgegner.
4. Typisch Berlin
marcuspüschel 10.03.2013
Seit Ende des letzen Sommers bin ich in Berlin mit dem Fahrrad unterwegs. Das berechtigt mich zur folgender Feststellung; typisch Berlin. Immerhin haben die Räder auf dem ersten Bild der Bilderreihe von 17 Bildern noch Schutzbleche - der Rest nicht. Das ist Normalität in Berlin. Dort verzichten die Leute gern auf Schutzbleche und auf Licht sowieso. Das Fatbike entspricht genau dem Schwachsinn mit dem die Fahrradschrauber aus Berlin gern den Verkehr heimsuchen. Ganz wichtig sind HighTec Schaltungen, die dann aber nie benutzt werden, weil der Berliner Fahrradfahrer zu doof ist vor einer Ampel runterzuschalten. Aber vielleicht liegt das daran, dass man Ampeln allgemein ohnehin ignoriert. Nicht ganz zu unrecht, denn eine intelligente Ampelschaltung gibt es in Berlins Ausfallstrassen offenbar nicht. Ganz im ernst; auch beim Thema Fahrradfahren kann das Provinznest Berlin der Weltstadt Hannover nicht das Wasser reichen.
5. 80% der potentiellen Kundschaft....
zensorsliebling 10.03.2013
ist doch zu blöd um einen Reifen aufzupumpen. Wenn die erstmal festgestellt haben wie wenig sich ihre Deppenmode für's tägliche Radfahren eignet, werden die teuren Designerstücke im Flur der Designerwohnung Staub ansetzen. Es ist wirklich "dummes Geld", was von dieser Messe mobilisiert wird.
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