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Fehlende Enteisungsmittel: Deutschen Flughäfen droht Kältestopp

Temperaturen von bis zu minus 24 Grad frieren Deutschland ein - nun droht vielen Airports der Stillstand: Wegen Lieferschwierigkeiten muss der wichtigste Hersteller von Enteisungsmitteln für Flugzeuge voraussichtlich seine Produktion unterbrechen. Tausende Passagiere wären betroffen.

Flugzeugenteisung in Brüssel: Glykol wird knapp Zur Großansicht
REUTERS

Flugzeugenteisung in Brüssel: Glykol wird knapp

Berlin/Muttenz - Den deutschen und europäischen Flughäfen drohen in der kommenden Woche massive Engpässe bei Enteisungsmitteln. Der Schweizer Spezial-Chemiekonzern Clariant wird voraussichtlich vom 1. bis 4. Januar die Produktion unterbrechen müssen, wie Clariant-Sprecher Ulrich Nies gegenüber SPIEGEL ONLINE bestätigte.

Grund seien Lieferschwierigkeiten der Hersteller von Glykol, einem Grundstoff der Enteisungsmittel, wegen der derzeit hohen Nachfrage. Das verwendete Monopropylenglykol wird europaweit nur in vier Chemie-Anlagen hergestellt. Der Produktionsstopp könne "je nach Wetterlage und Vorratsmengen der Flughäfen zu erneuten Beeinträchtigungen im europäischen Flugverkehr führen", hieß es.

Bis Samstag werde man jedoch noch produzieren und die Flughäfen mit dem Enteisungsmittel beliefern, sagte Nies. Dabei würden vorrangig jene Flughäfen berücksichtigt, bei denen aufgrund der geringen Vorräte ein Flugstopp drohe. Auch die Airports untereinander versuchten sich zu helfen.

Der Sprecher zeigte sich zuversichtlich, dass die kritische Situation durch diese Zusammenarbeit gemeistert werden kann - verwies aber auf die relative Machtlosigkeit gegen die Naturgewalten: "Wir hoffen, dass uns das Wetter keinen Strich durch die Rechnung macht", sagte Nies. So hänge es großteils von den Witterungsbedingungen in den nächsten Tagen ab, ob es wirklich zu Engpässen kommt. Vor allem "nasser Schneefall" erfordere große Mengen an Enteisungsmitteln - etwa 1000 Liter pro Maschine - während trockenes Eis mit etwa 100 Litern des Mittels beseitigt werden könne.

In Notfällen sei denkbar, Aiports mit Langstreckenverkehr bevorzugt mit Einteisungsmitteln zu versorgen, sagte er weiter. Moderne Flughäfen wie etwa München verfügten darüber hinaus über eigene Recyclingsysteme. Dabei könnten bis zu 40 Prozent der zur Flugzeugenteisung eingesetzten Mittel wiederverwendet werden.

Clariant ist nach eigenen Angaben mit seinem Enteisungsmittel Safewing Marktführer in Europa. Seit Oktober 2010 produziere das Unternehmen für rund hundert Flughäfen in Europa rund um die Uhr. Schon im Vorjahreswinter habe Clariant Rekorde bei der Produktion von Enteisungsmitteln aufgestellt. In diesem Dezember sei diese Menge noch einmal um 50 Prozent gesteigert worden. "Wir sind seit Jahrzehnten in diesem Geschäft, aber so etwas haben wir noch nicht erlebt", sagte Nies.

Frankfurt gibt zunächst Entwarnung

Der Frankfurter Flughafen gab an, zunächst keinen Engpass zu befürchten. Man habe Enteisungsmittel für knapp zehn weitere Extremtage auf Lager, sagte am Donnerstag der Leiter der Enteisungsfachtochter N*Ice der Betreibergesellschaft Fraport, Wolfhard Gräf.

Zudem habe man sich bei Vorlieferanten des Enteisungsmittels regelmäßige Lieferungen gesichert. "Wir haben den Ehrgeiz, ohne Engpass durch den Winter zu kommen, aber mindestens wollen wir der letzte Flughafen in Westeuropa sein, der wegen fehlenden Enteisungsmittels schließt", meinte Gräf. Frankfurt wird nicht von Clariant beliefert, sondern von dem britischen Hersteller Kilfrost.

Die Betreiber der Berliner Flughäfen dagegen sind "beunruhigt", wie ein Sprecher sagte. Clariant sei der einzige Lieferant von Enteisungsmittel der für Tegel und Schönefeld zuständigen Firma GlobeGround. "Wir sind sehr besorgt", sagte der Sprecher.

Für Freitag werde erwartet, dass die Lager vollständig aufgefüllt würden. Wie lange der Vorrat reiche, sei allerdings unklar. "Wir können, wie andere Flughäfen auch, zum aktuellen Zeitpunkt nicht ausschließen, dass es im Laufe der kommenden Woche zu Einschränkungen im Flugbetrieb kommen kann", sagte der Sprecher. Dies sei unter anderem abhängig von der Wetterlage.

Schiffsladung aus den USA

Der Flughafenverband ADV wappnet sich für den drohenden Engpass. "Die Airports versuchen schon seit Wochen alles, um weitere Lieferanten zu finden", sagte ADV-Geschäftsführer Ralph Beisel am Donnerstag in Berlin. Schon vor Weihnachten sei etwa eine Schiffsladung aus den USA geordert worden, die kommende Woche ankommen solle. "Die Flughäfen Berlin, Düsseldorf und Frankfurt am Main haben bereits jetzt so viel Enteisungsmittel verbraucht wie im gesamten letzten Winter, der ja auch sehr streng war."

Beisel sagte, nach seinen Informationen hätten die meisten deutschen Flughäfen ausreichende Vorräte für die kommenden Tage. Doch könne der Verbrauch je nach Wetterlage quasi explodieren: "Was normalerweise für eine Woche reicht, ist dann an einem Tag alle.

In den vergangenen Wochen hatte der Mangel an Enteisungsmitteln schon mehrfach für Einschränkungen und Ausfälle im europäischen Luftverkehr gesorgt, beispielsweise in London-Heathrow, am Pariser Flughafen Charles de Gaulle und in Brüssel.

SPD verlangt "nationale Streusalzreserve"

Auch die Situation auf den Straßen war zeitweise kritisch, weil es an Streusalz fehlte. Nordrhein-Westfalens Verkehrsminister Harry Voigtsberger (SPD) schlägt nun angesichts leerer Streusalzlager der Kommunen eine "nationale Streusalzreserve" vor. "Der Bund sollte mit Unterstützung der Länder die Versorgung mit Streusalz steuernd in die Hand nehmen", sagte er am Donnerstag.

"Für eine zentrale Vorratshaltung sind nicht unbedingt ein riesiges Lager und erst recht keine teuren Neubauten notwendig", betonte der SPD-Politiker. Es könnten zum Beispiel die nach der Bundeswehrreform freiwerdenden Fahrzeughallen und Flugzeughangars auf Kasernengeländen genutzt werden.

In solchen dezentralen Lagern könnten Kommunen und Länder das notwendige Streusalz bei Bedarf passgenau gegen Bezahlung abrufen. Eine solche zentrale Vorratshaltung würde auch finanzschwachen Kommunen die Versorgung mit ausreichend Streusalz erleichtern. "Da sind pragmatische Lösungen gefragt, die man sehr schnell umsetzen kann", sagte der Minister.

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1. Dramatisch...
karsten112 30.12.2010
Zitat von sysopTemperaturen von bis zu minus 24 Grad frieren Deutschland ein - nun droht*vielen Airports der Stillstand: Wegen Lieferschwierigkeiten muss der wichtigste Hersteller von Enteisungsmitteln für Flugzeuge voraussichtlich seine Produktion unterbrechen. Tausende Passagiere wären betroffen. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,737217,00.html
Was wäre eigentlich so schlimm daran wenn dieses Land mal ein paar Tage stillsteht? Alle bleiben zu Hause! Und daran wer wirklich gebraucht wird kann man erkennen wer Systemrelevant ist. Viele wird es wundern das sie es mit Sicherheit nicht sind..
2. Das kommt von das
Kampfbuckler, 30.12.2010
wenn Flughäfen und die Hersteller von Enteisungsmitteln an das Märchen von der Klimaerwärmung glauben.
3. Just in time
Eimsbüttler 30.12.2010
Zitat von sysopTemperaturen von bis zu minus 24 Grad frieren Deutschland ein - nun droht*vielen Airports der Stillstand: Wegen Lieferschwierigkeiten muss der wichtigste Hersteller von Enteisungsmitteln für Flugzeuge voraussichtlich seine Produktion unterbrechen. Tausende Passagiere wären betroffen. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,737217,00.html
Matthias Claudius: Der Winter ist ein rechter Mann, Kernfest und auf die Dauer; Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an, Und scheut nicht süß noch sauer. War je ein Mann gesund wie er? Er krankt und kränkelt nimmer, Er trotzt der Kälte wie ein Bär und schläft im kalten Zimmer. Er zieht sein Hemd im freien an und läßt´s vorher nicht wärmen und spottet über Fluß im Zahn und Grimmen in Gedärmen. [...] Winterbedingte Störungen der gewohnten just-in-time-Abläufe werden vom modernen, westlichen Menschentyp wie eine Naturkatastrope empfunden, schlimmer als Überschwemmungen und Erdbeben!
4. Fehlende Enteisungsmittel: Deutschen Flughäfen droht Kältestopp
joe sixpack 30.12.2010
Zitat von sysopTemperaturen von bis zu minus 24 Grad frieren Deutschland ein - nun droht*vielen Airports der Stillstand: Wegen Lieferschwierigkeiten muss der wichtigste Hersteller von Enteisungsmitteln für Flugzeuge voraussichtlich seine Produktion unterbrechen. Tausende Passagiere wären betroffen. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,737217,00.html
Das kommt davon, dass kein Flughafen genuegend Enteisungsmittel auf Lager hat, weil das ja Geld kostet. Just in time ist billiger... Und wenn dann halt alle zur gleichen Zeit nachordern kommts halt zu Engpaessen. Nicht wirklich ueberraschend.
5. in anderen Ländern geht es doch auch
gandalfthegreen 30.12.2010
In der Schweiz wird nicht massiv die Autobahn gepökelt. Dennoch fliesst dort der Verkehr. Sobalt man die Grenze nach Deutschland passiert wird die Windschutzscheibe blind vor Salz. Warum können die Schweizer mit viel weniger Salz auskommen als die Deutschen? Ich glaube ich spendiere ein Kännchen frostschutzmittel meinem Flughafen. Mann muss in diesen Kriesenzeiten solidarisch sein :D
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