Feuerquallen in der Ostsee Mit Rasierschaum gegen Nesselgift

Auf der Ostseeinsel Poel mussten sich 25 Badende behandeln lassen - sie hatten Feuerquallen berührt. Mit der sommerlichen Hitze kehren auch die giftigen Wabbeltiere an deutsche Küsten zurück. Ungefährlich für Menschen sind dagegen die massenhaft antreibenden Ohrenquallen.


Rostock/Poel - Die Ostseeküste erlebt in diesem Jahr einen Bilderbuchsommer. Für Sonnenschein satt und Temperaturen um angenehme 25 Grad Celsius sorgt die seit Wochen stabile Wetterlage mit strammen Ostwinden. Doch die kräftigen Winde spülen derzeit auch ein Problem an einzelne Badestrände - Feuerquallen. Die in Nordsee und Kattegatt beheimateten gelb-rötlichen Tiere, deren Nesselarme bei Kontakt zu Hautrötungen und brennenden Schmerzen führen, treibt es nach Jahren wieder in Küstennähe vor Rostock, vor dem Darß oder der Insel Poel.

Auf dem idyllischen Eiland vor Wismar halfen die Rettungsschwimmer allein am Dienstag 25 Badenden, weil sie mit Hautrötungen und brennenden Schmerzen aus dem Wasser gekommen waren, wie Wachdienstleiter Christian Schäfer berichtet.

Die Retter schwören bei der Behandlung auf kühlenden Rasierschaum, der inzwischen auf allen Wachtürmen steht. "Dieses Hausmittel hilft am besten gegen die durch das Nesselgift ausgelösten Schmerzen und Rötungen", sagt Schäfer. "Wir flaggen jetzt gelb und warnen damit vor den Quallen."

Auch bei der Rettungsschwimmer-WM am vergangenen Wochenende vor Rostock klagten laut DLRG rund 60 Sportler über den unangenehmen Kontakt mit den rund 15 Zentimeter großen Tieren, die unzählige, haardünne und manchmal mehrere Meter lange Tentakel ausbilden können.

Meeresbiologen: Keine Invasion

Meeresbiologen vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde (IOW) können das Auftreten der Tiere in der Ostsee bestätigen, sprechen aber nicht von einer Feuerquallen-Invasion. "Es handelt sich um vereinzelte Tiere", sagt der Quallenexperte Lutz Postel.

Derzeit ist das IOW-Forschungsschiff "Prof. A. Penck" auf Beobachtungsfahrt quer durch die Ostsee, um Temperatur und Salzgehalt zu messen und die Flora und Fauna zu sichten.

Die Ursache für das ungewöhnliche Auftreten der Tiere an den Ostseestränden sehen die Wissenschaftler in einem Phänomen begründet, das immer dann auftaucht, wenn - wie derzeit - starke Ostwinde blasen. "Bei dieser Witterungslage wird Tiefenwasser aus dem Kattegatt und damit auch die darin lebenden Feuerquallen aufgetrieben und an die Strände gespült", erklärt der Wissenschaftler.

Die Feuerquallen sind für den Forscher ein temporäres Problem. Drehe der Wind wieder auf die typische Westwetterlage, werden die Feuerquallen wieder verschwinden. "Eine eigene Population der Feuerqualle gibt es aufgrund des vergleichsweise geringen Salzgehalts in der Ostsee nicht."

Parallel zu den Feuerquallen spült es derzeit auch vermehrt die in der Ostsee beheimatete und bis zu Essteller-große Ohrenqualle an die Küste - wie derzeit am Darßer Weststrand. Im Gegensatz zu den Feuerquallen verursachen die fast durchsichtigen Glibberwesen jedoch keine Verletzungen, sondern sind lediglich eklig oder faszinierend - je nach Standpunkt des Betrachters.

Ohrenquallen als Meerespolizei

Durch den milden Winter mit vergleichsweise höheren Wassertemperaturen hatte die Polypengeneration der Ohrenquallen günstige Bedingungen zum Überleben, wie Postel erklärt. Dieses Phänomen hatte sich bereits im vergangenen Jahr gezeigt. Zudem konnte sich das Plankton - Nahrungsgrundlage der Quallen - in den vergangenen Monaten gut entwickeln. Zuvor hatten die Forscher im Jahr 2003 ein explosionsartiges Auftreten der Ohrenquallen verzeichnet.

Im Ökosystem der Meere spielen die Plankton fressenden Quallen als "Meerespolizei" eine wichtige Rolle. Weil sie den Großteil der gewonnenen Energie in Bewegung und nicht in körpereigene Substanz umsetzen, hinterlassen sie nach dem Absterben wenig organische Substanz, wie der Experte berichtet. Kaum wird derzeit die Rippenqualle Mnemiopsis leidyi beobachtet, die im Herbst 2006 in die Ostsee eingewandert war.

Martina Rathke, dpa



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