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29. September 2013, 17:48 Uhr

Umsteigen und sparen

Der Dreh mit dem Kreuz

Von Helge Sobik

Wer beim Fliegen Geld sparen möchte, steigt um: an den großen Drehkreuzen konkurrierender Airlines. Ganz freiwillig. Und ganz gezielt. Manchmal kostet es etwas Zeit, ein anderes Mal ist es sowieso der kürzeste Weg - und oft ist es gut fürs Portemonnaie.

Früher war Umsteigen auf Langstreckenflügen ein lästiges Ärgernis - heute kann es Geld sparen. Lange in Wartesälen herumhängen muss man dafür längst nicht mehr, denn die großen Drehkreuz-Airlines haben ihre ausgeklügelten Flugpläne so optimiert, dass kaum Wartezeiten entstehen.

In Dubai etwa sind die Timetables in Wellen organisiert. In den 90 Minuten vor Mitternacht schweben Großraummaschinen aus Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf, München, aber auch aus Zürich, Wien, Kopenhagen, London oder Paris ein. In den zwei, drei Stunden nach Mitternacht starten die Flieger wieder nach Indien, Fernost und Australien: nachdem die Insassen der angeflogenen Maschinen umverteilt wurden.

Bei der in Dubai beheimateten Fluglinie Emirates sind deutlich über 50 Prozent der Passagiere Umsteiger, bei Qatar Airways aus Doha und bei Etihad Airways aus Abu Dhabi ist es nicht anders. Aufstrebende Airlines organisieren Drehkreuze an ihren Heimatflughäfen - mal global, mal mit Fokussierung auf eine ganz bestimmte geografische Nische.

Emirates und Co. erreichen damit einen Nebeneffekt, der die Umsteiger nicht interessiert, aber bedeutsam ist, um Bevölkerung und Politik des Heimatlandes für sich einzunehmen: eine Vielfalt an Zielen und eine Dichte an Verbindungen, die der eigene Markt mangels Passagieren niemals hergäbe. Erst mit den Umsteigern werden die eingesetzten Flieger so voll, dass sich eine Strecke rechnet und entsprechend tatsächlich angeboten werden kann.

Großbauprojekte in den Emiraten

Ihr Mittel zum Zweck sind Kampfpreise. Die hiesigen Linienfluggesellschaften wie Lufthansa werben dagegen mit dem eigenen Markenimage und ihren Nonstop-Verbindungen. Doch die Zeitersparnis von zwei, drei Stunden ist nur relevant für Kunden aus der Nähe der eigenen Drehkreuze - für Lufthansa etwa Frankfurt oder München. Schon Hamburgern ist es egal, ob sie auf dem Weg in die USA in Frankfurt oder London, auf dem Weg nach Thailand in München, Istanbul oder am Golf umsteigen. Für sie kann der Weg über ein ausländisches Drehkreuz sogar der kürzere sein - und der billigere.

Die günstigen Angebote für Umsteigeverbindungen treiben von Zeit zu Zeit kuriose Blüten. So war bei Etihad der Flug von Deutschland mit Ziel Abu Dhabi kürzlich zwischen 50 und 100 Euro teurer als mancher Weiterflug via Abu Dhabi. Was verrückt klingt, dient dazu, möglichst viele Jets möglichst optimal auszulasten.

Für die europäischen Platzhirsche wie Lufthansa oder British Airways ist vor allem der Boom der Drehkreuze am Golf eine Herausforderung: Die drei Mega-Umsteigeflughäfen Doha, Dubai und Abu Dhabi liegen an, global gesehen, geografisch optimaler Position nah beieinander. In Dubai ist zudem ein auf über 100 Millionen Passagiere ausgelegter gänzlich neuer Großflughafen in Dschebel Ali in Bau. Die erste Piste ist bereits in Betrieb - vorerst vor allem für Frachtverkehr, demnächst für erste Billigflieger.

Der neue Scheich-Hamad-Airport in Doha geht nach diversen Eröffnungsverzögerungen voraussichtlich 2014 in Betrieb. Und nun haben auch noch die Türken angekündigt, in Istanbul, wo es bereits zwei internationale Airports gibt, den größten Flughafen der Welt bauen zu wollen. 60 Kilometer außerhalb soll er entstehen, sechs Start- und Landebahnen erhalten und in der letzten Ausbaustufe 150 Millionen Passagiere im Jahr abfertigen können - die meisten von ihnen Umsteiger. Es wird nicht leichter für Lufthansa, Air Berlin und Co.

Flughäfen buhlen um Umsteigepassagiere

Dabei ist das Prinzip keine Einbahnstraße. Lufthansa ihrerseits buhlt in Indien, aber auch in der arabischen Welt um Passagiere von dort. Sie sollen auf ihrer Reise nach Skandinavien, Westeuropa oder sogar in die USA in Frankfurt umsteigen, statt auf manchen Strecken die schnelleren Nonstop-Flüge ihrer Heimatland-Carrier zu nutzen.

Air Berlin hat es hingegen auf Osteuropäer abgesehen, die mit Flügen aus Moskau abgeholt und über das Drehkreuz in Tegel innerhalb Europas weiterverteilt werden. Das Nachsehen haben in diesem Fall russische Airlines, die dieselben Fluggäste in ihren Maschinen nonstop an viele Ziele hätten befördern können. Beide Fluglinien werfen dabei ihr gutes Image in Sachen Sicherheit und Service in die Waagschale.

Für Reisende hat der Boom der Stop-Flüge einen positiven Nebeneffekt. Die Flughafenbetreiber in Europa haben erkannt, gerade um die Umsteigepassagiere werben zu müssen: mit kurzen Wegen, schlüssiger Ausschilderung, mit Sauberkeit, Design, Gastronomie, mit bequemen Sitzen in den Wartesälen und mit dem besten Shopping-Angebot. Sogar das Personal an den Sicherheitskontrollen scheint freundlicher zu werden.

Auf der Strecke geblieben sind hingegen die einstmals so beliebten Stopover-Programme vieler Fluggesellschaften. Mit billigen Hotelübernachtungen in der Umsteigestadt sollten Passagieren die lange Zeit deutlich unbequemeren Umsteigeverbindungen schmackhaft gemacht werden. Oft ging der Anschluss erst am nächsten Tag, und da bot es sich umso mehr an, solche Arrangements aufzulegen. Mancher, der auf dem Weg nach Australien war, konnte sich so fast gratis noch Bangkok oder Kuala Lumpur angucken.

Es gibt solche Arrangements vielfach noch. Doch sie werden kaum noch beworben und haben sich nebenbei auch verteuert. Die meisten Reisenden wollen offenbar einfach weiterfliegen und freuen sich, wenn der Anschlussjet schon zwei Stunden nach der Landung des Zubringers wieder abhebt.

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