Flugangst Lemminge der Lüfte

Das Thema Flugangst wird immer dann ein öffentliches, wenn gerade ein Flugzeug abgestürzt ist. In der Zwischenzeit nervt es - zumindest die, die fliegen müssen und nicht wollen.

Von Petra Märlender


Flugangst sei ein Ableger der Urangst vor Enge (Klaustrophobie), vor Weite (Agoraphobie) und vor Höhe (Vertigophobie), liest man hin und wieder. Ich führe meine Flugangst schlicht und ergreifend auf die Möglichkeit eines Absturzes zurück.

Flugangsthasen: Runter kommt man immer

Flugangsthasen: Runter kommt man immer

Als Kind und Jugendliche habe ich Fliegen geliebt. Und ich bin oft geflogen. Lange Strecken. An Abstürze hab ich damals nicht gedacht. Mittlerweile ist mir deutlicher denn je, dass die Schwerkraft den Menschen nun einmal nicht schweben lässt und er eben auch kein Vogel ist. Ein Absturz aus der richtigen Höhe führt mit fast hundertprozentiger Sicherheit zum Tod. Punkt. Das hat mit Klaustrophobie wenig zu tun. Im Auto ist es auch nicht viel komfortabler. Ich traue mich durchaus, auf großen weiten Plätzen zu stehen. Und auch die Höhenangst scheint mir keine Erklärung zu sein. Ich gehe schließlich auch über Brücken und klettere auf Berge.

Doch je älter ich werde, desto mehr hasse ich das Fliegen. Allerdings kann ich nicht auf Alternativen umsteigen. Das Prinzip: "Nur wer sich seiner Angst stellt, hat eine Chance, sie loszuwerden" zieht bei mir nicht. Ich meide das Fliegen ja nicht wie einige Leidensgenossen. Dennoch fliegt die Angst mit. Der holländische Fußballspieler Dennis Bergkamp von Arsenal London will sich diesem Stress gar nicht erst aussetzen und hat sich vertraglich zusichern lassen, dass er zu keinem Auswärtsspiel ein Flugzeug besteigen muss. Im ungünstigsten Fall sitzt er halt tagelang im Zug, im Auto oder auf dem Schiff.

Aviophobiker, wie die Angsthasen der Lüfte wissenschaftlich heißen, sind eine miese Kundschaft. So werfen auch Kritiker den großen Fluggesellschaften vor, ihre vermeintlich selbstlosen Flugangst-Bekämpfungsseminare nur aus wirtschaftlichen Erwägungen anzubieten. Einer amerikanischen Untersuchung zufolge könnten Airlines jährlich bis zu zwei Milliarden Dollar mehr verdienen, würden diese Angsthasen sich nur endlich durchringen, mitzufliegen. Da erscheint es wenig tröstlich, dass Fluggesellschaften zumindest einen Teil ihrer potenziellen Ausfälle durch Seminargebühren wieder einspielen können. Bei der Lufthansa kostet die Angsttherapie satte 1250 Mark - dafür gibt es dann aber auch einen Abschluss-Ich-hab-keine-Angst-mehr-vorm-Fliegen-Beweis-Flug.

Kratzer? Roststellen? Löcher???

Schicksalsergeben: Mit der Masse abheben
GMS

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Meine Flugphobie fing mit der Angst vor Entführungen an und steigerte sich in die Angst vor einem Absturz. Mittlerweile ziehe ich stets beide Möglichkeiten in Betracht. Entweder oder. Möglich auch eine Kombination: Absturz infolge einer Entführung. Skeptisch beobachte ich vor Abflug immer meine Mitpassagiere und überlege, wer eine unentdeckte Bombe im Handgepäck gebunkert haben könnte. Beim Einsteigen ins Flugzeug versuche ich, den Zustand des Flugzeuges zu analysieren: Kratzer? Roststellen? Löcher? Ich steige trotzdem ein und komme mir vor wie ein Lemming - dem Schicksal ergeben mit der Masse ins Verderben. Möchte ich mit diesen Menschen sterben?

Dumpf sitze ich auf meinem Platz und warte bloß darauf, wann das Flugzeug wohl abstürzt. Fliegen ist mir mittlerweile eindeutig vermasselt.

Die Zahl der beförderten Fluggäste soll laut dem Internationalen Luftverkehrsverband bis zum Jahr 2010 von heute 1,6 Milliarden auf 2,3 Milliarden Menschen ansteigen. Die Reiselust nimmt zu, der Ausbau des Flugverkehrs ist in vollem Gange - und die Sicherheit?

Fachleute geben Tipps, wie Flugangst wirksam abgebaut werden kann. Erstens: Je mehr man über das Fliegen und das Flugzeug weiß, desto entspannter könne man sein. Zweitens: Je mehr man über seine Angst weiß, desto gelassener könne man mit ihr umgehen.

Unwahrscheinlich, aber Fakt

Zu eins: Statistisch gesehen müsste die enorm hohe Zahl an Passagieren Flugangsthasen beruhigen (jeder hat da so seine Methoden, sich ins Flugzeug zu tricksen): Angenommen, dass jährlich im Schnitt zwei Großflugzeuge vom Himmel fallen. Alle 250 Passagiere kommen ums Leben. Mal zwei macht 500 Tote im Jahr. Bei insgesamt 1,6 Milliarden Fluggästen nimmt sich diese Zahl doch verschwindend gering aus. Und die Chance, zu den 500 Unglücklichen zu gehören, ist statistisch gesehen nun offensichtlich gering.

So ist mir auch klar, dass die Wahrscheinlichkeit einer Entführung respektive eines Absturzes gering ist - und das Risiko, mit dem Auto zu verunglücken deutlich höher ist. Nichts Neues. Ich weiß sogar, dass Flugzeuge wegen bestimmter physikalischer Prozesse in der Luft gehalten werden, die Triebwerke immer top gewartet sind - natürlich! - und wenn eins ausfällt, arbeitet ja noch das andere. Kein Problem also. Und dennoch.

Trotz Baldrian und Rotwein: Vermasselter Spaß
AP

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Zu zwei: Ich kenne meine Ängstlichkeit. Weiß, wann sie kommt und habe vor Flügen stets Baldrian-Tropfen parat. Ich weiß, was ich während des Fluges machen kann, um mich nicht schluchzend über der Schulter meines Sitznachbarn wiederzufinden. Meistens renne ich durch die Gegend, trinke Tomatensaft und Rotwein und stiere aus dem Fenster.

Dennoch: Es ist und bleibt unangenehm. Doch ich traue auch diesen Seminaren nicht, die so wunderbar hohe Erfolgsquoten versprechen. Ich möchte auch nicht von subtil Vertrauen erweckenden Workshop-Psychologen überredet werden, ohne Angst in einen Flieger zu steigen - eingelullt in Versprechen, die selbst das Leben nicht halten kann. Denn es ist schlicht ein Fakt, dass Flugzeuge abstürzen können - da lass ich mich nicht vom Gegenteil überzeugen. Letztendlich fällt es unter die Rubrik "dumm gelaufen", wenn man drin gesessen hat. So einfach ist das - oder eben nicht.

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