Flugangst-Seminar Aus Leid wird Lust

Feuchte Hände, Beklemmung, Panikattacken - Flugangst kann jeden treffen, auch Journalisten. Um sich von seinem Bangen an Bord zu befreien, besuchte SPIEGEL-ONLINE-Autor Heiko Spilker ein Wochenend-Seminar für entspanntes Fliegen.


"Ist es nicht schön?": Zehn Kilometer über dem sicheren Boden
Heiko Spilker

"Ist es nicht schön?": Zehn Kilometer über dem sicheren Boden

Es ist Sonntag, Viertel vor fünf, und ich kann wieder entspannt fliegen! 10.000 Meter unter der Boeing 737 ziehen Felder, Wälder und Siedlungen vorbei. Ab und an schlängelt sich ein Fluss durch die Landschaft und glitzert in der Sonne. Mit 700 Kilometer pro Stunde rasen wir gerade aus München in Richtung Hamburg. Ruhig lehne ich mich in den grauen Sitz mit dem Kranichlogo zurück. Noch vor zwei Tagen dachte ich, dass ich jetzt tot sein müsste. Irgendwo zerschellt am Boden, verursacht durch ausgefallene Triebwerke, betrunkene Piloten oder explodierende Bomben. Doch nichts dergleichen ist passiert. Meine Hände liegen ruhig auf den Armlehnen, kein Verkrampfen. Wie kam es zu dieser Gelassenheit? Schließlich war ich seit fünf Jahren nicht mehr geflogen.

36 Stunden früher: "Für mich war es immer wie ein qualvoller Tod", "Lieber gehe ich 30 Jahre ins Gefängnis", "Sobald ich nur ans Fliegen denke, bekomme ich einen Kloß im Hals." Ich fühle mich nicht mehr allein. Auch die anderen elf, die sich hier an einem Samstagmorgen im Airport Hotel in Hamburg eingefunden haben, leiden wie ich. Im Lindbergh-Raum treffen wir uns zum zweitägigen Seminar "Entspanntes Fliegen". Wir sprechen uns mit Vornamen an. Das stärkt das Vertrauen zueinander.

Das Glück, wieder fliegen zu können

Seit 1981 bietet die Agentur Texter-Millott aus München zusammen mit der Lufthansa diese Hilfe zur Selbsthilfe an. Mehr als 10.000 Flugangst-Leidende haben schon teilgenommen. Die Erfolgsquote liegt hoch: Bei 80 Prozent der Teilnehmer ist die Angst deutlich geringer geworden. Hoffnung für viele, für die ein Flug der reinste Horrortrip ist. Schließlich fliegt jeder dritte Fluggast mit Angst oder Unbehagen. Aber wir wollen sie bekämpfen, dafür sind wir zwölf hier.

Erste Bewährungsprobe Flugzeugbesichtigung: Kapitän Carstens hat auf jede Frage eine Antwort
Heiko Spilker

Erste Bewährungsprobe Flugzeugbesichtigung: Kapitän Carstens hat auf jede Frage eine Antwort

Der Dreizehnte bringt uns Glück. Das Glück, wieder fliegen zu können. Es ist der Seminarleiter Markus Funke, Diplom-Psychologe mit Hauptgebiet Angststörungen. Wir erzählen, was uns dazu bewegt, dieses Seminar zu machen. Harkan, der 35-jährige Schweißer, möchte wieder Vertrauen zu den Piloten haben. Günther möchte mit seiner Frau wieder die Karibik bereisen. Und da ist noch Dirk, der noch nie geflogen ist. Es folgt Theorie. Wie entsteht Angst? Was für einen Teufelskreis gibt es?

Nach dem Mittagsessen geht's gleich zur ersten Übung. "Angst verspannt den Körper", postuliert Markus und zeigt die erste Anwendung zur Muskellockerung. Wir lassen unsere Muskeln hart werden, jeden einzeln nacheinander. Dann abruptes Loslassen. Wohlige Erschöpfung strömt durch unseren Körper. Jeder von uns wirkt gelöst. Selbst die Flugzeuge, die viertelstündlich über das Dach sausen, stören uns nicht. Sollte es so einfach gehen?

Es ist 15 Uhr. Lufthansa-Kapitän Georg Carstens, 57, steht in seiner blauen Uniform mit vier goldenen Streifen und Kapitänsmütze im Raum. Tausende Flugmeilen hat er schon bewältigt. Seit über 30 Jahren ist er Pilot. Er möchte uns ein Flugzeug erklären. Nach einem kleinen Transfer durchqueren wir Terminal 4 des Hamburger Flughafens. Es riecht nach Urlaub. Koffer, Reisetaschen und Handgepäck sind wie kleine Inseln auf dem Pazifischen Ozean verteilt. Fernweh wird wach. Dann betreten wir schon den Airbus 320 - der gleiche zweistrahlige Typ, mit dem wir morgen nach München fliegen sollen. Alle sind still. Schauen sich um, fassen beim Vorbeigehen die Sitzlehnen an, setzen sich. Können es nicht fassen, dass sie hier sind.

Es bellt wie ein alter Kettenhund

Markus, der Seminarleiter, kommt hinter uns her: "Na, Dirk, wie sieht es aus? " Dirk, der noch nie in einem Flugzeug war, quält sich ein Lächeln raus: "Eng" und schaut weiter skeptisch. Pilot Carstens lässt derweilen das Hilfstriebwerk für die Klimaanlage an, es rauscht. "Ich starte jetzt die Hydraulikpumpe", knarzt es durch die Bordsprechanlage. Etwas fängt unter uns wie ein alter Kettenhund zu bellen an. "Ist das die Hydraulik?", frage ich. Es klingt viel mehr nach einem defekten Auto-Anlasser.

Anzeigen, Zahlen, Knöpfe tanzen vor unseren Augen: Piloten müssen viermal pro Jahr in den Simulator
Heiko Spilker

Anzeigen, Zahlen, Knöpfe tanzen vor unseren Augen: Piloten müssen viermal pro Jahr in den Simulator

Vorn im Cockpit sehen wir: Steuerjoystick, Höhenmesser, künstlicher Horizont, Geschwindigkeitsanzeige. Alles ist doppelt, alles ist unabhängig voneinander. Mit der Zeit beginnen die Anzeigen, Zahlen, Knöpfe und Schalter vor unseren Augen zu tanzen. Carstens merkt es. Er erklärt, es sähe nur auf den ersten Blick sehr verwirrend aus. Aber wenn man einen Piloten nachts wecken würde, wüsste der sofort, was er tun müsste. Woher? Viermal pro Jahr müssen die Piloten in den Simulator und werden getrimmt, trainiert und geschult. Später beim Rundgang erklärt uns Carstens noch weiter das mehrere hundert Tonnen schwere Wunderwerk. Wir merken: Piloten wollen auch überleben und wissen bestens Bescheid.

Zurück im Seminarraum geht Carstens noch mal alle Phasen eines Fluges durch. Turbulenzen vergleicht er mit Wellenbewegung in der Luft, die er mit einer Schlangenlinie mit seinem Arm simuliert. "Nicht angenehm meist, aber kein Grund zur Sorge. Wer mit einem Boot fährt, wundert sich auch nicht, wenn es schaukelt." Es folgt unsere größte Sorge: "Ich habe hier die Zahlen der Toten von Flugzeugsunglücken aus dem Jahr 2000." Vom Din-A4-Blatt liest er ab: Zwei Milliarden Menschen seien weltweit in diesem Jahr geflogen. Es starben bei 92 Unfällen 726 Passagiere. Danach kommt die Zahl, wie viele Tote es im gleichen Jahr allein auf Deutschlands Straßen gegeben hat: 7503 - mehr als das Zehnfache. Es ist 20 Uhr. Schluss für heute. Carstens wünscht uns einen schönen Flug.

Ich bin wieder Herr über mein Leben

Es kommt der Morgen. Zum ersten Mal haben viele ruhig vor einem anstehenden Flug geschlafen. Sollte dies der erste Erfolg sein? Dies meint zumindest Psychologe Markus. "Flugangst", erklärt er, "entsteht durch falsch konditionierte Reize." Sprich: Eine Turbulenz wird als mögliche Absturzursache bewertet, statt als etwas, das einfach dazugehört. Daher steigt die Erregung, die dann auch als unbekannt eingestuft wird. Dies löst immer wieder Angst aus, auch unbegründet. Wer dann noch das Fliegen meidet, schließt selbst den Teufelskreis, denn er kann keine neuen positiven Erfahrungen mehr sammeln.

11.45 Uhr. Gut eine Stunde bis zum Start. Die Nervosität ist wieder da. Meine Handflächen schwitzen, mein Herz holpert, und mir ist schlecht. Markus verteilt die Tickets. Lange Zeit stand mein Namen nicht mehr auf einem. Wieder der Transfer. Alles geht schneller als am Vortag. Und dann sitzen wir schon im Flieger und rollen zur Startbahn. Markus gibt Anweisung zum "Körperpanzer", einer Art Instant-Entspannungsübung, bei der alle Muskeln gleichzeitig einbezogen werden. Die Maschine beschleunigt, unsere Körper erstarren wie zu einem Block. Der Boden rüttelt, die Turbinen heulen immer lauter, dann: "Entspannen". Ruhe - außen wie innen. Wir sehen Außenalster, Elbe, das Zelt vom Musical "König der Löwen". Harkan und ich wetteifern, was wir alles unter uns erkennen. Teils aus Aufregung, teils als Ablenkung. "Da die A7", "Windräder - wie klein die sind", "Und hier schau, die Wolken!" und dann, ganz unerwartet: "Ist es nicht schön?" Harkan schaut mich an. Ich nicke und blicke zu den anderen. Sie lächeln. Mir wird bewusst, dass wir alle es geschafft haben.

Helden wie wir: Ausgelassene Stimmung nach der ersten Landung
Heiko Spilker

Helden wie wir: Ausgelassene Stimmung nach der ersten Landung

Wo sich Sekunden sonst endlos hingezogen haben und die Zeit nur dahinkroch, vergeht sie nun im Rauschen der Turbinen. Nach knapp einer Stunde sind wir in München. Gefühlt als lediglich eine Viertelstunde. Dann geht es mit einer 737 von Boeing wieder zurück. Bei kleineren Turbulenzen machen die Ersten Scherze. Aus unserem Leid wurde Lust. Nach der Landung sehe ich im Terminal Touristen mit ihrem Gepäck. Wohin sie wohl fahren? Vielleicht nach Portugal, Südafrika oder Asien? Wie gern würde ich mitfliegen. Vor zwei Tagen hätte es keiner meiner Freunde von mir gedacht - am allerwenigsten ich selbst. Es hat geklappt. Ich bin wieder Herr über mein Leben.



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