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Flugchaos-Bilanz: "Europa muss jetzt handeln"

Messflugzeuge fehlten, Europas Verkehrsminister sprachen viel zu spät miteinander: Das Aschewolken-Chaos hat krasse Probleme im Krisenmanagement der 27 EU-Staaten offenbart. Die Brüsseler Kommission will jetzt Lehren aus der Krise ziehen - und Kompetenzen der Einzelstaaten beschneiden.

REUTERS

Hamburg - Die Flughäfen sind erneut in Betrieb, die Airlines fliegen wieder - doch der in der Geschichte bislang einmalige Luftverkehrsstillstand in Europa mit mehr als 100.000 ausgefallenen Verbindungen wird in den kommenden Wochen und Monaten noch viel Diskussionsstoff bieten.

Nach Branchenschätzungen sollen die Kosten der Sperrungen für Luftfahrtunternehmen bislang 1,7 Milliarden Dollar (rund 1,3 Milliarden Euro) betragen. Nach Angaben des internationalen Luftfahrtverbandes Iata legten die Flugverbote zeitweise knapp ein Drittel (29 Prozent) der Luftfahrt weltweit lahm. Allein am Wochenende seien Einbußen von rund 400 Millionen Dollar pro Tag verzeichnet worden. Der Verband Europäischer Fluggesellschaften (AEA) bezifferte die Gesamtverluste auf knapp eine Milliarde Dollar.

Der Präsident der Iata, Giovanni Bisignani, übte scharfe Kritik am Krisenmanagement in Europa. "Beim Euro haben sie es geschafft, bei Schengen haben sie es geschafft", sagte er am Mittwoch in Berlin. Selbst bei der Hilfe für Griechenland habe sich Europa einigen können. Nur in der Luft klappe der Abschied von der einzelstaatlichen Souveränität nicht.

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Europa im Flugchaos: Normalisierung im Schritttempo
Der Luftraum über Europa entspricht in weiten Teilen noch der Kleinstaaterei des vorigen Jahrhunderts. Seit Jahrzehnten versuchen die Regierungen erfolglos, sich auf eine einheitliche, grenzunabhängige Kontrolle zu einigen, doch über Anfänge ist man bis jetzt nicht hinausgekommen.

So musste sich bei den Flugverboten wegen der Vulkanaschewolke jeder Staat einzeln auf die Regeln der Sicherheitsbehörde ICAO berufen, die nach gefährlichen Zwischenfällen 1980 geschaffen wurden. "Sie besagen: Wenn Vulkanasche in der Luft ist, bleiben die Flugzeuge am Boden", fasste Bisignani die Regeln zusammen.

Fünf Tage bis zur Telefonkonferenz

Trotz dieser Absolutheit seien inzwischen zahlreiche Vulkanausbrüche in aller Welt gemäß dieser Regeln gemeistert worden, ohne gleich ganze Kontinente stillzulegen. In den Vereinigten Staaten beispielsweise würden nach einem Vulkanausbruch Messflugzeuge aufsteigen, die Wolke lokalisieren und eine Sperrzone dort einrichten, wo die Aschedichte es rechtfertige.

Der Flugverkehr außerhalb davon dürfe aber weitergehen, auf Verantwortung der Piloten. "Europa muss jetzt handeln", damit es hier auch so funktioniere, forderte der Iata-Präsident.

Offen blieb auch nach der Regierungserklärung von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer die Frage Bisignanis, warum es fünf Tage bis zu einer Telefonkonferenz der europäischen Verkehrsminister dauern musste - fünf Tage, in denen den Airlines weltweit eine Milliarde Dollar Einnahmen entgingen. Auch die Frage, warum in 27 Staaten nicht koordiniert und schnell in der Luft Messdaten über den Vulkanstaub erhoben werden können, sondern erst Forschungsflieger mit den entsprechenden Gerätschaften ausgerüstet werden mussten, blieb ungeklärt.

EU fordert schnellere Vereinheitlichung

Die EU-Kommission hat ihre Mitgliedstaaten zu einer besseren Koordinierung der Flugsicherheit gedrängt. Die Krise hätte besser bewältigt werden können, wenn die seit Dezember 2009 geltenden Regeln schon umgesetzt wären, sagte die Sprecherin von EU-Verkehrskommissar Sim Kallas.

Mangelhafte Absprache unter den 27 nationalen Behörden habe sich als ernstes Problem herausgestellt. Das Gesetzespaket "Single European Sky" soll die nationale Zersplitterung bei der Luftraumkontrolle überwinden. Ein europäischer Luftverkehrsmanager kann den nationalen Behörden künftig Empfehlungen zur Flugsicherung geben. Die Regeln sollen aber erst schrittweise bis 2012 umgesetzt werden.

Kallas zufolge muss dieser Prozess nach der jüngsten Krise beschleunigt werden. Auch fordert die Kommission, dass die Empfehlungen des europäischen Koordinators bindend sein sollen. Dieser Punkt sei bisher noch nicht geklärt, sagte die Sprecherin. Das Gesetz überlässt allerdings auch in Zukunft die Entscheidung über eine Luftraumsperrung den nationalen Behörden.

Bisher koordiniert die 1960 gegründete europäische Organisation für Luftfahrtsicherheit, Eurocontrol, bereits die Luftraumüberwachung für 38 europäische Staaten, darunter die 27 EU-Mitglieder. Sie hat jedoch keine Kompetenzen gegenüber ihren Mitgliedstaaten.

ICAO-Generalsekretär Raymond Benjamin kündigte an, die Uno-Sonderorganisation wolle weltweit gültige Standards für den Umgang mit Vulkanaschewolken im Flugverkehr erarbeiten. Dazu werde ein Expertengremium eingesetzt, das festlegen soll, ab welcher Aschekonzentration eine Gefahr für die Triebwerke von Flugzeugen besteht.

Das ist dringend nötig, denn schon häufen sich Zweifel an der Verhältnismäßigkeit der enormen Einschränkungen des Luftverkehrs. "Die Durchmischung war so dünn, dass man davon ausgehen musste, dass es keine Gefahr gibt", sagte Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber. Seit Samstag waren dutzende Lufthansa-Jets mit Ausnahmegenehmigungen durch den belasteten Luftraum geflogen: zunächst leer, dann auch mit Passagieren. "Hinterher wurde in den Turbinen kein einziges Ascheteilchen gefunden", berichtet ein Lufthansa-Sprecher.

Sogar ein eigenes mobiles Labor brachte die Kranich-Linie in ihrer Not am Dienstag in die Luft - Ergebnisse sollen allerdings erst in einigen Tagen vorliegen. "Ich glaube nicht, dass es nötig war, ein pauschales Flugverbot über den ganzen britischen Luftraum zu verhängen", sagte auch British-Airways-Chef Willie Walsh.

Immense Kosten für Flughäfen

Den Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport kostet das Flugverbot in den vergangenen Tagen bis zu 15 Millionen Euro. Dies sei jedoch eine erste grobe Rechnung, betonte ein Sprecher. Der Flughafen könnte eventuell noch davon profitieren, dass einige Fluggäste ihre Reise nachholen.

Die Flughafen Zürich AG verlangt wegen der Ausfälle nach dem Vulkanausbruch Staatshilfe. Flughafenchef Thomas Kern sprach in einem Interview mit der Zeitung "Finanz und Wirtschaft" von Einnahmeverlusten in Höhe von rund zwei Millionen Franken (fast 1,4 Millionen Euro) am Tag. Die staatliche Unterstützung sei notwendig, weil die Versicherung nach Ansicht Kerns für die Millionenausfälle wahrscheinlich nicht aufkomme. Es handle sich bei dem Vulkanausbruch um höhere Gewalt.

Die Ausfälle entstehen, weil rund 85 Prozent der Einnahmen direkt oder indirekt vom Flugverkehr abhängig sind, unter anderem von Landegebühren oder Läden und Restaurants. Der Flugbetrieb in Zürich war nach mehr als drei Tagen bereits am Dienstag wieder aufgenommen worden, wenn auch zunächst eingeschränkt.

Auch die deutsche Fluggesellschaft Air Berlin hatte zuvor nicht ausgeschlossen, dass man Staatshilfe beantragen werde.

Bänder der Autoindustrie stehen still

Trotz der mittlerweile fast überall aufgehobenen Flugverbote stehen die Bänder in vielen deutschen Automobil- und Zulieferwerken noch immer still. Wegen fehlender Ersatzteile konnten die Autobauer Opel, Daimler und der Autozulieferer Bosch nicht wie geplant produzieren.

Die Produktion werde wahrscheinlich erst am Freitag wieder anlaufen, sagte ein BMW-Sprecher. Zu den Lieferengpässen in den Werken kam es, weil einige Bauteile mit dem Flugzeug angeliefert werden. Der Flugraum war jedoch wegen der Vulkanasche bis Mittwoch in weiten Teilen Europas gesperrt.

Bei BMW standen am Mittwoch die Bänder in den Werken München, Dingolfing und Regensburg still. Auch am Donnerstag ruhe die Produktion, sagte ein Sprecher in München. Es fehlen Elektronikbauteile, die per Luftfracht geliefert werden. Insgesamt musste BMW die Fertigstellung von rund 7000 Fahrzeugen verschieben. Das Unternehmen will die ausgefallene Produktion nun möglichst rasch aufholen.

Beim Autobauer Daimler fielen in Sindelfingen am Mittwoch einzelne Schichten wegen Lieferengpässen aus. "Die Logistik läuft auf Hochtouren", sagte eine Daimler-Sprecherin. Sie ging davon aus, dass sich die Lage wegen des wieder geöffneten Luftraums bald normalisieren werde.

Auch dem weltgrößten Autozulieferer Bosch macht das tagelange europaweite Flugverbot wegen der Vulkanaschewolke noch zu schaffen: In vier Werken für die Halbleiterproduktion ständen die Bänder still, sagte Geschäftsführer Bernd Bohr. Über Arbeitszeitkonten sollen für die betroffenen Beschäftigten Ausgleichsregelungen getroffen werden.

sto/apn/dpa/Reuters

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Heft 16/2010:
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Deutsche Soldaten über das Töten und Sterben in Afghanistan

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Was ist ein Sichtflug?

Grundprinzip des Sichtfluges ist - der Name lässt es vermuten -, dass der Pilot genügend Sicht nach draußen hat. Flüge in Wolken sind also verboten. Normalerweise fliegen so nur kleine Propellerflugzeuge.

Allein der Pilot ist für die Sicherheit von Maschine und Passagiere zuständig. Er muss im unteren Luftraum auch ohne Lotsenhilfe Mindestabstände zu anderen Flugzeugen und den Wolken einhalten. Dabei kann er aber Funkfeuer und Satelliten-Navigation nutzen. Die Lufthansa-Flüge sollen als sogenannte kontrollierte Sichtflüge durchgeführt werden. Radarlotsen unterstützen dabei die Piloten.

Im Sichtflug können wesentlich weniger Flugzeuge gleichzeitig unterwegs sein als unter Kontrolle der Flugsicherung, die sie staffelt und in Luftkorridore einreiht. Außerdem verbrauchen die Jets im unteren Luftraum viel mehr Kerosin, weil der Luftwiderstand größer ist.

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Was Arbeitnehmer beachten müssen
Besteht Lohnanspruch bei Fehltagen wegen Flugausfall?
Nein, fehlen Arbeitnehmer im Job, darf der Chef ihnen das Gehalt kürzen. Das gilt auch, wenn sie nicht zur Arbeit kommen können, weil ihr Flug wegen der Aschewolke aus Island ausfallen musste. Sie haben keinen Anspruch auf eine Fortzahlung des Lohns. Arbeitnehmer tragen das sogenannte Wegerisiko: Beschäftigte sind selbst dafür verantwortlich, dass sie pünktlich zur Arbeit kommen.
Wie ist die Rechtslage?
Paragraf 616 des Bürgerlichen Gesetzbuchs sieht vor, dass Arbeitnehmer weiter Anspruch auf ihren Lohn haben, wenn sie ohne eigenes Verschulden "vorübergehend verhindert" sind und deshalb fehlen. Dafür muss ein Arbeitnehmer aber einen Grund haben, der "in seiner Person" liegt. Das gilt etwa, wenn der Vater oder die Mutter eines kranken Kindes zu Hause bleiben. Ereignisse wie einen Fluglotsenstreik oder einen Vulkanausbruch, die nicht nur den Einzelnen betreffen, fallen nicht darunter.
Droht eine Abmahnung?
Arbeitnehmer müssen keine Abmahnung fürchten, wenn sie infolge des gesperrten Luftraums über Europa am Urlaubsort festsitzen. Der Arbeitgeber kann auch nicht argumentieren, dass Arbeitnehmer sich schon früher um eine Alternative zur Reise mit dem Flugzeug hätten kümmern müssen.
Wann ist der Arbeitgeber zu informieren?
Arbeitnehmer sind verpflichtet, den Arbeitgeber sofort zu informieren, wenn sie wegen eines ausgefallenen Fluges nicht zum Dienst kommen können. (Quelle: dpa)
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Island: Nahaufnahmen vom Vulkan