Krisen-Airport Kassel-Calden Der Flugbereitschaftshafen

270 Millionen Euro hat Kassel-Calden gekostet - und kaum ein Flugzeug landet auf dem frisch eröffneten Airport. Techniker, Rettungskräfte und Servicepersonal müssen dennoch jeden Tag so tun, als ob er das Tor zur Welt wäre. Und ihren Arbeitsplatz gegen Hohn und Spott verteidigen.

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DPA

Maria Anna Muller raucht rote Gauloise, während sie mit ihrem schwarzen VW Touareg ihr Revier abfährt. "Es stimmt einfach nicht", sagt sie, "es ist nicht so, dass hier nichts passiert."

Muller ist Geschäftsführerin der Flughafen Kassel GmbH. Der brandneue Airport Kassel-Calden zieht rechts an ihrem SUV vorbei. Viel Asphalt, ein kleiner Tower, das Terminal. Muller zeigt stolz auf die neue Kläranlage, die extra für den Flughafen errichtet wurde. Es ist nicht viel los heute: Ein kleiner Jet übt Starten und Landen, auf dem Rollfeld warten zwei russische Privatmaschinen auf ihre Gäste.

Ein normaler Tag in Calden, denn die 270-Millionen-Euro-Anlage ist bereits ein halbes Jahr nach ihrer Eröffnung in eine Art Winterschlaf gefallen. Seit Oktober ist in Kassel keine Linienmaschine mehr gestartet oder gelandet. Die örtliche Flugschule und einige Privatjets sorgen zumindest für etwas Verkehr.

Das letzte große Flugzeug, das hier aufsetzte, war eine Air-Berlin-Maschine, die im Auftrag der Bundesregierung syrische Flüchtlinge transportierte. Erst im kommenden April sollen wieder ein paar Ferienflieger von Kassel starten. Aber selbst dann ist der Flughafen von einem rentablen Betrieb weit entfernt.

Rund 140 Mitarbeiter sind hier laut Muller angestellt, sie müssen natürlich weiterbezahlt werden. Viele Arbeitslose bekamen hier eine Chance, sie wurden vom Flughafen umgeschult und angeheuert. Die Servicekräfte, die eigentlich an den Check-in-Schaltern stehen würden, hat man in den Urlaub oder auf Fortbildung geschickt. Doch auch das reicht nicht, um fünf Monate Stillstand zu überbrücken. Bis Ende des Jahres rechnet Muller mit einem Verlust von rund 6,6 Millionen Euro.

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Hohn und Spott für den neuen Airport

Wie gehen ihre Mitarbeiter damit um? "Wir haben hier genug zu tun", sagt Muller, eine schmale Frau mit weißblonden Haaren. Ihr Flughafen sei nun mal wie ein großer Schuh, in den die Realität erst hineinwachsen müsse. "Wir brauchen einfach mehr Zeit."

Muller mag es nicht, wenn ihr die Leute den Flughafen madig machen. "Alles Denunziationen", sagt sie dann. Greift jemand den Flughafen an, greift er Muller an. Sie musste schon viel Häme einstecken: Die Zeitungen, Fernsehteams und viele Politiker verspotten Kassel-Calden als sinnloses Millionengrab. Sogar Günther Jauch witzelte in seiner Show "Wer wird Millionär?", dass "keine Sau" Kassel-Calden brauche.

Muller muss einen Flughafen verteidigen, den einige Politiker gegen alle Warnungen und Vernunft in die nordhessische Provinz stellten. Sie sagt immer wieder, dass in Zukunft alles besser werde. Turkish Airlines habe zum Beispiel angekündigt, künftig von Kassel-Calden aus fliegen zu wollen. Und überhaupt, die Branche sei nun mal in einer schwierigen Situation. Vor Kassel-Calden war Muller Geschäftsführerin beim Flughafen Rostock-Laage, der ebenfalls seit Jahren rote Zahlen schreibt.

Muller zeigt auf die Startbahn, die Landebahn und den Rasen dazwischen. Sie zählt auf, was hier alles zu tun ist: Rasen mähen, Schnee räumen, die Lampen der Befeuerung überprüfen. Und Rettungseinsätze üben. Ihre Leute müssten stets für den Ernstfall gerüstet sein.

Flughafenrestaurant für Wandergruppen

Auf der Rückbank von Mullers Touareg sitzt Lars Ernst, der Bereichsleiter Security & Operations. Er sagt, dass der Flughafen jeden Tag voll einsatzfähig sein müsse. "Das nennt man Betriebspflicht." Ein Dilemma: Auch wenn hier kaum etwas los ist, muss Kassel-Calden jeden Tag so tun, als ob es das Tor zur Welt wäre. So wollen es die Vorschriften.

Ernst achtet deshalb darauf, dass seine Mitarbeiter viele Fähigkeiten haben: Die Männer von der Flughafenfeuerwehr müssten zum Beispiel auch Rasen mähen oder Kontrollgänge am Flughafenzaun machen. "So können wir sie effizienter einsetzen", sagt Ernst.

Ernst hat seinen alten Job am Flughafen Bremen aufgegeben und ist extra mit seiner Familie nach Kassel gezogen. Er hat sich auf seine neue Aufgabe gefreut: etwas Neues aufbauen, von Anfang an dabei sein, das fand er gut. Mit einem schweren Start hat er gerechnet, aber nicht damit, dass es "so holprig" werden würde.

Ernst und seine Kollegen identifizieren sich mit ihrem Flughafen, sie glauben fest an seinen Erfolg. "Unsere Freunde machen Witze über uns, weil wir hier arbeiten", sagt Ernst. Es sei oft nicht leicht.

Alexandra Khosravani betreibt mit ihrem Mann das Flughafen-Restaurant Up & Away. Da die Fluggäste zur Zeit ausbleiben, hat sich das Lokal zu einem Treffpunkt für Wandergruppen, Rentner und andere Besucher aus der Umgebung entwickelt. Die Location wird für Geburtstagsfeiern gebucht, am 1. Dezember veranstaltete der Flughafen gar einen Weihnachtsmarkt im Terminal.

Khosravani sagt, dass Kassel-Calden schlechtgeredet werde. Ihre Freunde würden sie fragen, warum sie überhaupt noch zur Arbeit fahre. "Das tut weh", sagt Khosravani. Sie sei gerne hier.

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