Flugsicherheit Fatales Halbjahr für die Luftfahrt

Fliegen ist sicherer geworden seit den Anfängen der Gebrüder Wright - doch seit Jahren verharren die Unfallraten auf demselben Niveau. Im ersten Halbjahr 2009 war die Zahl der Toten sogar so hoch wie lange nicht mehr. Experten sprechen bei kleineren Zwischenfällen gar von einer Trendwende.

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Was die Sicherheit angeht, war die Luftfahrt eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen. So verlässlich wie Computer mit jeder neuen Chipgeneration schneller wurden, so nahm die Unfallrate in der zivilen Fliegerei jede Dekade ab. Seit die Gebrüder Wright im Jahre 1903 mit ihrem Motorflugzeug zum ersten Mal vom Erdboden abhoben, war das so.

Doch damit wird dieses Jahrzehnt Schluss sein: Nach den neuesten Berechnungen des Fachblatts "Flight International" soll der Zeitraum 2000 bis 2010 zu einer Stagnation bei der Flugsicherheit geführt haben. "Flugsicherheit im Rutschen?", fragt das britische Magazin und spricht bei vielen der Unglücke von verpassten Möglichkeiten, den Absturz nicht verhindert zu haben.

Natürlich, man sei auf einem extrem hohen Niveau angekommen. Zugewinne auf einem so geringen Niveau zu erzielen, sei schwerer als früher. Doch bei den meisten Unfällen der vergangenen Zeit waren es vermeidbare Ursachen und keineswegs unberechenbare Schicksalsschläge, etwa durch schlechtes Wetter oder Vogelschlag im Triebwerk, wie es etwa bei der Notwasserung eines US-Airways-Airbus im Januar dieses Jahres vor Manhattan geschah.

In den Anfängen des Jetreisens verunglückten noch elf Maschinen pro einer Million Flüge, jetzt sind es deutlich unter einer. Hätte man in den heutigen, boomenden Zeiten der Fliegerei noch ähnliche Absturzraten wie in den siebziger Jahren, so hat man bei Boeing errechnet, dann würde jede Woche ein Flugzeug vom Himmel fallen.

Und dennoch können sich vor allem große Airlines wie die Lufthansa mit ihren täglich mehr als 2000 Starts und Landungen kaum eine nur durchschnittliche Sicherheitsrate erlauben. Denn schon ein Absturz bringt eine Airline bereits ins Trudeln. Air France ist so ein Beispiel. Bislang kam die französische Linie laut offiziellen Zahlen der Internationalen Luftfahrtvereinigung IATA auf einen Wert von 0,6 tödlichen Unfällen pro eine Million Flüge.

Nach dem Absturz eines Airbus A330 am Pfingstmontag über dem Atlantik liege man nach internen Berechnungen von Air France jetzt bei 0,9, was laut IATA-Zählung ziemlich genau dem weltweiten Durchschnitt entspricht. Dem Durchschnitt, aber auch nicht viel mehr. Betrachtet man allein die Airbus-Flugzeuge ihrer Flotte, dann liegt die Airline über dem Durchschnitt.

EU fordert Senkung der Unfallrate um 80 Prozent

Ein Beratergremium der Europäischen Union fordert daher, die Unfallrate noch einmal um 80 Prozent zu senken, und zwar bis ins Jahr 2020. In den ersten sechs Monaten 2009 konnten die Airlines dieser Vorgabe aber kaum nachkommen. Im Gegenteil: Das erste Halbjahr war ein schlechtes für die Luftfahrt. 499 Menschen starben bei Unfällen in Passagiermaschinen. Die Statistik, erhoben von "Flight International", weist demnach so viele Tote aus wie seit dem Jahre 2002 nicht mehr.

"Flight International": Tödliche Unfälle seit 2000
Flight International

"Flight International": Tödliche Unfälle seit 2000

Dabei noch gar nicht mitgezählt sind die Toten der Abstürze von Caspian Airlines und Aria Air, beide im Juli in Iran mit insgesamt 184 Toten. Diese Katastrophen fallen ins dritte Quartal. Schuld an den desaströsen Opferzahlen des ersten Halbjahrs sind die Abstürze zweier Großjets, der eine von Air France, der andere von Yemenia Airways. Das Halbjahr liegt somit um mehr als die Hälfte über dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre.

Dazu beigetragen hat unter anderem auch der Absturz einer Maschine der Turkish Airlines im Februar in Amsterdam. Ein fehlerhafter Höhenmesser meldete während des Landeanflugs, die Maschine befände sich bereits zwei Meter unter der Landebahn. Die Computer für die automatische Schubregelung wähnten sich am Boden und reduzierten die Triebwerksleistung. Die Piloten übersahen dies - vielleicht weil sie dem Computer zu sehr vertrauten. Schließlich bohrte sich die Boeing 737 in einen Acker vor der Landepiste. Neun Menschen starben.

"Flight International" sagt eine neue Sicherheitsdebatte voraus: "Das Thema Mensch und hochautomatisiertes Flugzeug wird auf der Agenda hochkommen", prophezeit die Zeitschrift.

Zahl kleinerer Zwischenfälle nimmt zu

Schon heute lässt sich der Anstieg der Flugbewegungen kaum mehr durch einen Zuwachs an Sicherheit kompensieren. Manche Experten sehen sogar eine Trendwende. Die Zahl kleinerer Zwischenfälle und Beinahe-Unfälle habe zugenommen, sagt der Sicherheitsexperte einer großen Fluggesellschaft. Auf jeden Absturz oder Unfall mit Personenschaden, so die Faustregel, kommen Hunderte Unfälle mit Sachschaden sowie kleinere Zwischenfälle. "Und auf dieser unteren Ebene erkennen wir einen steigenden Trend", sagt der Insider.

Hauptursache ist der Verlust der Kontrolle über das Flugzeug - eine weite Kategorie mit vielen unterschiedlichen Untergruppen: Da ließ sich die Crew ablenken, war desorientiert oder konnte den Antrieb bei einem Durchstarten nicht richtig kontrollieren. Es wäre einfach, dies als Pilotenfehler abzustempeln, aber häufig war es schlicht so, dass die Piloten nicht für eine solche Situation ausgebildet waren.

Die Minimum-Standards, die der Gesetzgeber für das Training von Piloten vorsieht, können offensichtlich nicht alle diese Situationen einschließen. Doch im ruinösen Wettbewerb der Airlines entscheiden sich bei weitem nicht alle Fluggesellschaften dazu, zusätzlich in die Fähigkeiten ihrer Piloten zu investieren.



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