Flugzeugabsturz-Experte Ed Galea "Droht Feuer, zählt jede Sekunde"

Horror Flugzeugabsturz: Die jüngsten Fälle bei Spanair und Aeroflot schüren die Angst bei Passagieren. Dabei sind die Überlebenschancen im Ernstfall höher als viele glauben, hat Mathematiker Ed Galea errechnet. Im Interview verrät der Sicherheitsexperte, wo er sich im Flieger hinsetzt.


Frage: Herr Professor Galea, warum haben Menschen Angst vor dem Fliegen?

Galea: Weil sie erstens glauben, dass tödliche Flugzeugunglücke häufig vorkommen, und zweitens, dass dabei alle Insassen sterben. Beide Annahmen sind falsch. Lebensbedrohliche Flugzeugunglücke gibt es nur einmal pro 5,7 Millionen Flüge. Abstürze mit Todesopfern sind noch seltener, und solche ohne Überlebende extrem selten. Nach wie vor gilt, dass der Weg zum Flughafen gefährlicher ist. Und sollten Sie doch in ein lebensbedrohliches Unglück verwickelt werden, sind Ihre Chancen größer als 70 Prozent.

Frage: Wo setzen Sie sich in einem Flugzeug hin?

Galea: Ich versuche, einen Gangplatz weniger als fünf Reihen entfernt von einem Ausgang zu bekommen.

Frage: Und wo überlebt man einen Absturz am ehesten?

Galea: Es gibt keinen sichersten Sitz, alles hängt von der Art des Crashs ab. Oft ist es im Heck am sichersten, manchmal aber auch vorn. Große Flugzeuge sind nahe der Tragflächen strukturell am stabilsten, doch auch dort ist die Art des Unfalls entscheidend. Bei einer Untersuchung der Positionen von Überlebenden und Opfern von vier Abstürzen stellte ich fest, dass Sie innerhalb von fünf Sitzreihen zu einem geeigneten Ausgang eher überleben als sterben. Doch weiter weg zu sitzen heißt nicht, dass Sie dann tot sind. Einige Überlebende saßen mehr als 15 Reihen entfernt. Ob der jeweilige Ausgang geeignet ist, also weder beschädigt noch von Feuer bedroht, kann man natürlich nicht beeinflussen.

Frage: Wie bereitet man sich am besten vor?

Galea: Familien sollten einen Evakuierungsplan absprechen, etwa dass bei zwei Kindern jedes Elternteil eins übernimmt, und dass man getrennt aussteigt und sich erst außerhalb des Flugzeugs trifft, um Zeit zu sparen. Bei Start und Landung sollte man die – möglichst flachen – Schuhe anhaben und wissen, wo die nächsten Ausgänge sind. Viele Passagiere kamen nicht mit dem Öffnen des Sicherheitsgurtes zurecht, der anders als im Auto funktioniert; damit sollte man sich also auch auskennen. Und man sollte bereit sein, Handgepäck zurückzulassen.

Frage: Und wenn tatsächlich ein Absturz droht?

Galea: Alle Vorbereitungen sind wertlos, wenn Sie sich ein Bein brechen oder bewusstlos werden. Hier kommt die Sicherheitsposition ins Spiel, bei der Sie sich möglichst weit nach vorn beugen, den Kopf mit verschränkten Händen schützen und die Füße zurückziehen. So verringern Sie die Beschleunigung des Kopfes beim Aufprall und vermeiden Kopf- und Beinverletzungen.

Frage: Bereitet man sich auf Wasserlandungen anders vor?

Galea: Die kommen im Jet-Zeitalter kaum noch vor. Häufiger sind Unfälle, bei denen das Flugzeug über die Landebahn hinausschießt und dann ins Wasser fällt. Wichtig ist, die Schwimmweste richtig anzulegen und erst außerhalb des Flugzeugs aufzublasen. Ansonsten könnten Sie nicht nur hängen bleiben, der Auftrieb hinderte Sie auch am Tauchen zu einem Ausstieg.

Frage: Könnte es Gründe geben, nicht sofort auszusteigen?

Galea: Das kommt wieder auf die Art des Unfalls an. Droht Feuer, zählt jede Sekunde. Die Kabinenausstattung ist feuerhemmend, aber nicht feuersicher. Brennt sie, breitet sich das Feuer schnell aus und bildet toxische Gase. Trotzdem sollte vor dem Öffnen einer Tür überprüft werden, ob dahinter Feuer- oder Wassereinbruch droht.

Das Interview führte Udo Flohr



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