Fotograf Michael Martin Wüste Leidenschaft

Von Tschukotka bis Tschad, von Spitzbergen bis zur Sahara - für sein Projekt "Planet Wüste" war Michael Martin sechs Jahre lang in Extremregionen der Erde unterwegs. Ein Porträt.

Jörg Reuther / Knesebeck Verlag

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Dem Wüstentyp ist kalt. Michael Martin fröstelt trotz Pullover. Draußen strahlt die Sonne, vor dem kleinen Reihenhaus im Münchner Viertel Laim sind es über 20 Grad Celsius. Und drinnen holt Deutschlands erfolgreichster Diareferent Holz und heizt den Ofen in seinem Wohnzimmer an. "Mir ist die Hitze lieber", sagt der 52-Jährige mit dem grauer werdenden Locken, "aber die Antarktis barg Überraschungen: wie aggressiv sie ist, wie brutal, wie lebensfeindlich."

30 Jahre lang hatte der Fotograf und Geograf immer wieder Wüsten wie die Sahara bereist - dann fasste er den Plan, diese Trocken- mit Eis- und Polarwüsten zu vergleichen. Das war 2009. Seitdem hat er rund 800 Tage auf 40 Reisen in den Extremregionen der Welt verbracht, 300.000 Fotos und 32 Filme aufgenommen, mit denen er nun mindestens fünf Jahre auf Tour geht. Hat sich verliebt, geheiratet, Facebook für sich entdeckt.

"Am härtesten war es, sich über das Nordpolarmeer zu bewegen", erzählt Martin von seinen Expeditionen in die Polarregionen. Die Pulka immer wieder über Eiswälle zu heben, "durch die Eisdrift waren wir am Morgen wieder zehn Kilometer zurückgeworfen". In den Schneestürmen an den Drygalskibergen der Antarktis musste sein Team den Tag im Zelt verbringen, immer wieder fror seine Nasenspitze ab. "Eine große Erleichterung war, dass die Polargebiet sicher sind - ganz anders als die heißen Wüsten." Im Ofen knallt ein Scheit im Feuer.

Antarktis: Martin war überrascht von der Lebensfeindlichkeit der Polgebiete
Michael Martin / Knesebeck Verlag

Antarktis: Martin war überrascht von der Lebensfeindlichkeit der Polgebiete

Das Ergebnis seiner Reise ist ein über fünf Kilo schweres Buch: "Planet Wüste", ein Vergleich der Wüstentypen der Erde, sogar des ganzen Sonnensystems. Er sagt: "Alle Wüsten der Welt zusammengenommen machen fast die Hälfte der Landoberfläche aus" - und: Es sei doch komisch, dass Himalaya, Regenwälder oder Ozeane eine Lobby hätten, die vegetationslosen Regionen in unserer Wahrnehmung aber keine Rolle spielen würden. Er redet schnell und konzentriert, den Wüsten gilt seine Leidenschaft.

"Selbst bestimmtes freies Leben - mit einem Schuss Rock'n'Roll"

In sein Haus in Laim hat Michael Martin die Wüste nicht mitgebracht. An den Wänden hängen abstrakte Fotos eines Freundes, nur vereinzelt eigene Bilder. Von Holzgiraffen und afrikanischen Masken ist nichts zu sehen, "so etwas habe ich noch nie gekauft", sagt er und lacht. Er liebt Bauhaus-Architektur, Möbel in Schwarz und Chrom und mag das Reduzierte. Auch in den Wüsten, ob kalt oder heiß. Er hofft: "Wenn das Buch der Wüste eine Lobby verschaffen könnte, dann wäre es toll."

Dafür wirbt er mit beeindruckend klaren Fotos, die geografisches Wissen transportieren sollen. Seine Einführungen streifen nur kurz seine Erlebnisse auf den Expeditionen, von Geologen, Geografen und Ethnologen geschriebene Kapitel behandeln wissenschaftliche Themen. "Ich mache mir keine Illusionen, kaum jemand wird die Texte lesen", sagt Martin. Aber ihm sei die Geografie wichtig, und eigentlich habe er ja das Buch für sich gemacht.

Schon früh hat Martin sich vorgenommen, "ein selbst bestimmtes freies Leben zu führen - mit einem Schuss Rock'n'Roll". Das heißt Reisen und Fotografieren, weil das eine für ihn nicht ohne das andere geht. Und Präsentieren, weil er schon als 17-Jähriger bei seinem ersten Vortrag erkannt habe, dass er das kann. Und weil er mit Diavorträgen das Geld verdient, das er für sich, seine Kinder, sechs Mitarbeiter und für das Reisen braucht.

Dafür tourt er jahrelang durch Deutschland, 500 Vorträge waren es mit seinem Buch "Wüsten der Welt", 350 mit "30 Jahre Michael Martin". In rasanter Geschwindigkeit erzählte er da, wie es war, als er zum Sternegucken von Gersthofen bei Augsburg nach Tirol radelte, als er sich mit alten Opel Kadetts in die Sahara wagte. Er erzählte von Auto- und von Beziehungspannen, von Tuaregs und von Motorradabenteuern - und von der Schönheit der Wüsten. Bis sein Publikum eine dahin ungeahnte Sehnsucht nach endloser Weite verspürt und sich fragt, warum Sahara, Ténéré oder Namib noch nie in ihrer Urlaubsplanung vorkamen.

"Reisen bieten viel Raum für Glück"

"Ein Marathon ist das", sagt Martin. Es gehe darum, ein sinnliches Erlebnis durch Bilder, Musik und Kommentare zu bieten. Etwas Authentisches, das kein TV-Film, keine neuen Medien vermitteln können. Das galt schon in den Achtzigern, und das gelte noch heute, sagt er. Nur die 25-Jährigen kommen nicht mehr - "dabei bewegt sie das gleiche wie mich: Neugier, Fernweh und der Drang, Piefigkeit hinter sich zu lassen".

Wer Martin auf der Bühne sieht, ahnt kaum, wie viel Arbeit hinter der Show steckt. 150 Vorträge à 150 Minuten und 1600 Bilder sind schon für "Planet Wüste" geplant. Sein Büro versperren die ersten tausend Exemplare des blauen Buches, gestapelt auf Paletten, fertig zum Verschicken. Seine Vorträge sind zugleich eine Hightech-Materialschlacht: Acht verschieden große Leinwände bis zu einer Breite von 14 Metern warten auf ihren Einsatz, 2000 Zuhörer wird der größte Vortragssaal in Stuttgart fassen.

Martin im indischen Spiti: "Ich wollte immer ein intensives Leben"
Michael Martin

Martin im indischen Spiti: "Ich wollte immer ein intensives Leben"

Ihnen wird er vorführen, was er in den vergangenen sechs Jahren gesammelt hat. Seine Abenteuer in Tschukotka, Königin-Maud-Land, in den Wüsten Gobi oder Thar, im Tschad und in Ladakh. Von seinem größten Abenteuer, als Privatmann eine Million Euro in das Projekt zu investieren und Sponsoren zu finden, wird er nichts erzählen. "Das ist die wirkliche Herausforderung", sagt Martin, "nicht das Reisen an sich, das Visumproblem an der chinesischen Grenze oder dass ein Flugzeug in der Arktis nicht fliegt. Das kann man vor Ort lösen."

Wüsten am Ende

Botschafter der Wüste, Mittler zwischen Wissenschaft und Publikum, Geschäftsmann - all das ist Michael Martin. Und immer ein Reisender: "Ich wollte schon als Jugendlicher ein intensives Leben, ein Stakkato an Erlebnissen haben, und Reisen ist eine wunderbare Art und Weise, intensiv zu leben." Wenn man es richtig mache, biete Reisen viel Raum für Glück. "Ich habe es oft dabei gefunden: wenn ich abends erschöpft vom Tag mein Zelt aufgebaut, eine tolle Aussicht gefunden oder Freundschaft gespürt habe."

Die oft gestellten Fragen nach Reisevorbereitungen oder Jetlag findet er sonderbar. "Ich muss mich nicht umstellen", sagt er. "Ob Vortragssaal, zuhause im Reihenhaus oder etwa Tadschikistan - alles geht ineinander über, alles ist im Fluss." Seine Ausrüstung hat er in einen kleinen Kellerraum gestopft: Satellitentelefone sind auf ein Regal gestapelt, Schlafsäcke hängen darin, die rote Daunenjacke liegt auf der Gästematratze. "Ich komme aus dem Büro, gehe in den Keller, packe in 30 Minuten und fahre zum Flughafen." Manchmal kommt er erst zwei Monate später wieder. "Ich bin kein Aussteiger", sagt Martin, "null! Eher ein Reisender zwischen den Welten."

Durch eine seiner Welten ist ein Sturm geweht. "Die Nomadenkulturen sind in Auflösung", beschreibt Martin seine Erfahrungen der letzten 35 Jahre. Nicht der Klimawandel, sondern der Kulturwandel habe den größten Einfluss auf die Lebenswelt der Menschen: "In den mongolischen Jurten flimmern amerikanische C-Movies über den TV, Tuaregs arbeiten als Nachtwächter in Libyens Fabriken, junge San schnüffeln Klebstoff."

Das Fazit seines Buches - und seines Reiselebens - zum Zustand der Wüsten fällt pessimistisch aus, sein Nachwort ist bitter. "Eigentlich habe ich kaum Hoffnung, dass die wenigen unberührten Gebiete auf der Welt erhalten bleiben."


Michael Martin: "Planet Wüste". Knesebeck; 448 Seiten; 49,95 Euro. Am 30. September beginnt die Diatournee - die Termine finden Sie hier. Eine Ausstellung findet ab 12. Dezember im Museum Mensch und Natur in München.

Michael Martin hat seit 2010 in einem Blog bei SPIEGEL ONLINE von seinen Wüstenexpeditionen berichten - lesen Sie hier mehr.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
nadennmallos 18.09.2015
1. Hübsche Bilder ....
... aber ich hoffe mal, dass das nicht die Highlights sind, wäre sonst nach sechs Jahren "a bisserl" mager.
barbarausi 18.09.2015
2. Toller Mann - geniale Fotos
Ich habe schon in den 80er Jahren einen Vortrag von Michael Martin gesehen, als er noch Student in München war. Damals ließ sich noch nicht ahnen, dass er diesen Weg so konsequent weiter gehen wird. Hut ab vor einem Mann, der seine Leidenschaft lebt!
Dieter62 18.09.2015
3. Also wenn der Mann
meint, die Wüsten hätten keine Lobby, nun zumindest 2 wären da wohl schon dabei. Er selber natürlich und ich! Ich habe mich allerdings mit den nordamerikanischen Wüsten begnügt - und dann in einer für 21 Jahre gelebt. Man kann noch so oft durch einen Landstrich reisen, man kriegt lediglich Schnappschüsse davon mit. Kaum ein Jahr gleicht wettermässig dem anderen, und gewisse Pflanzen sieht man nur alle 10 Jahre. So wage ich hier zu bemerken, dass der San Juan-Fluss (Nebenfluss des Colorado) nicht in der Great Basin Wüste fliesst (diese bildet, wie ihr Name ausdrückt, ein abflussloses Becken) sondern in einer Gegend, welche man als Painted Desert, Colorado-Plateau-Halbwüste oder Navajo-Wüste nennt. Painted Desert ist am naheliegensten.(Siehe sein Bild von dort) Ich hoffe, Michael Martin war auch in der Pinacate-Wüste in Sonora, Mexiko! Auch die Landstriche entlang des Golfs von Kalifornien ebenda sind traumhaft. (Nicht im Jeep Disneyland Baja California!) Ein Fotografenparadies! Dort stösst die Wüste mit ihren grossen Säulenkakteen bis unmittelbar ans tiefblaue Meer. Auch heute kann man da immer noch abenteuern - solange man sich nicht mit den Narcos anlegt, welche einen gelegentlich nicht auf jeden Ranchpfad lassen wollen. Aber dies alles ist nur noch Erinnerung
boer640 19.09.2015
4.
Schicki...
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