Fotografie im Flugzeug: Kunst aus Bordmitteln

Von Anne Haeming

Fliegen kann so öde sein. Doch Nina Katchadourian langweilt sich über den Wolken schon lange nicht mehr. Die Künstlerin fotografiert typische Bord-Utensilien, die sie neu arrangiert - und so werden Brezelkrümel plötzlich zu Lawinen.

Flugzeug-Fotografie: Kunstwerke aus Bordmitteln Fotos
Nina Katchadourian / Catharine Clark Gallery, San Francisco

Der Trip von London nach New York Ende Juli war Nina Katchadourians Flug Nummer 107. Sie hatte siebeneinhalb Stunden zu füllen. In der Holzklasse gibt es wohl niemanden, der auf solche Strecken Lust hat, Bordfilme hin oder her. Katchadourian aber hatte jede Menge zu tun: Sie knipste Bilder von Salzcrackerkrümeln auf Zeitschriftenseiten, piekte ihren Finger durch Fotos im Bordmagazin von einem Cockpit.

Nina Katchadourian ist Fotografin, Unterwegssein ist Teil ihres Jobs. Und seit 107 Flügen arbeitet die 45-Jährige an einer Serie, die nur im Flieger entstehen kann: "Seat Assignment" heißt sie, also eine Art "Sitz-Auftrag". Arbeiten der Künstlerin sind zurzeit in den Galerien Turner Contemporary und Saatchi in London zu sehen.

Alles begann auf einem Trip von New York nach Atlanta im März 2010. "Ich fragte mich: Wieso empfinde ich die nächsten drei Stunden als Zeitverschwendung?", erzählt die in Brooklyn lebende Katchadourian. "Ich wollte nicht wieder einen dieser Filme anschauen, ich suchte eine Herausforderung." Sie wollte die Zeit produktiv nutzen und gab sich für ihre Fotos Regeln.

Erstens: Sie darf nur verwenden, was sie im Flieger findet - im Raum zwischen der Rückenlehne des Vordermanns und ihrem eigenen Sitz. Zweitens: Als Arbeitsgerät darf sie nur das Smartphone nutzen. Zoomen ist erlaubt, Apps sind es nicht. "Die Zeit, das Material, der Raum, alles ist limitiert - diese Einschränkungen machen mich kreativ", sagt Nina Katchadourian. Je kürzer der Flug, desto besser, so ist ihre Erfahrung. "Zwei Stunden sind perfekt."

Rauch aus Flusen

Auf ihren Flugreisen entstanden mittlerweile über ein Dutzend Einzelserien, in denen sie aus Nichts etwas macht und die Proportionen auf den Kopf stellt. So entdeckt sie im Pulloverknäuel auf einmal ein Gorillagesicht, im Chipshaufen eine provisorische Schutzhütte, und eine Spiegelung auf einer Zeitschriftenseite wird zur göttlichen Erscheinung.

Meistens ist dabei das Flugzeug und dieser sich fortbewegende Raum zwischen zwei Orten, zwei Zeitzonen, zwei Kulturen, präsent. Da reicht die Ecke des Klapptischs oder das Schloss ihres Anschnallgurts, in dem sich die Gesichter ihrer Mitreisenden spiegeln. Und wenn sie die Abbilder traumhafter Reiseziele in den Magazinen mit Erbsen, Zucker oder Zitronenrinden in surreale Landschaften verwandelt, verweist sie auf den Gegensatz dieser Weiten zu den engen Sitzreihen, in die sich die Passagiere quetschen und um die Hoheit über die Armlehne kämpfen.

Besonders morbide und lustig werden diese Collagen immer dann, wenn Katchadourian genau das erschafft, was alle an Bord verdrängen wollen: Flugzeugkatastrophen. Denn auch wenn man sieht, dass das im geborstene Cockpit nur ihr Finger ist, der eine Zeitschriftenseite durchbricht, dass der schwarze Rauch, der aus der Turbine unterm Flugzeugflügel quillt, nur aus Flusen besteht oder die World-Trade-Center-Türme mit ihren Schlagschatten lediglich zwei Waffelkekse sind: Jedes dieser Bilder ist ein milder Schock, der angstgetriebenen Phantasie sei Dank.

Fotosession in der Flugzeugtoilette

"Ich bin quasi in Flugzeugen aufgewachsen", erzählt die Fotografin. In ihrer Kindheit ging es jeden Sommer von San Francisco nach Finnland, in die Heimat ihrer Mutter. "Der Flieger war für mich schon damals eine eigene Welt." Sie lernte, die Langstreckenzeit irgendwie zu füllen. "Ich muss unterwegs immer an ein Zitat von John Cage denken, der mal gesagt hat: 'Wenn du etwas nach zwei Minuten langweilig findest, versuche es eine halbe Stunde.'"

Und so war auch der Endlostrip von 20 Stunden nach Dunedin in Neuseeland vor drei Jahren der Flug, auf dem sie bislang am meisten geschaffen hat. Vor allem auch die einzige "Seat Assignment"-Serie, die außerhalb ihres Sitzplatzes entstanden ist - und zwar ausgerechnet am unangenehmsten Ort des ganzen Verkehrsmittels, auf der Flugzeugtoilette.

Das Ergebnis ist eine Selbstporträtreihe, die auf bizarre Weise aus der Zeit gefallen scheint: Nina Katchadourian verwandelte sich im kleinen Spiegel der Bordtoilette in flämische Damen und Herren, wie sie etwa Rogier van der Weyden im 15. Jahrhundert malte. Aus Nackenkissen, Schlafbrille und Papierhandtüchern wurden Hüte, Hauben und opulente Krägen. "Die alten Porträts zeigen die Menschen immer ganz bei sich, allein und in Ruhe", sagt Katchadourian. "Und die Toilette ist nun einmal der einzige Ort im ganzen Flieger, an dem man für sich sein kann. Die Stimmung auf den Bildern ist ähnlich."

Knipsen statt Daddeln

Man stellt sich sofort vor, wie andere Passagiere an die Tür hämmern, sie möge doch bitte das stille Örtchen endlich für den Nächsten freimachen. Aber die Fotografin hatte sich den Neuseelandtrip bewusst für dieses Projekt ausgesucht: "Es war das einzige Mal, dass ich etwas im Voraus geplant habe", sagt Katchadourian. "Ich buchte einen Gangplatz und wartete, bis alle schliefen, dann schloss ich mich im Klo ein."

In all der Zeit ist sie erst dreimal von neugierigen Passagieren angesprochen worden. Dass Katchadourian so wenig Aufmerksamkeit erregt, liegt an ihrer Arbeitsweise: Man meint, sie vertreibt sich die Zeit mit Daddeln auf ihrem Smartphone, nicht mit Zoomen und Knipsen. "Ich wirke letztlich wie jemand, der gelangweilt ist", sagt sie. "Das ist die beste Tarnung."

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insgesamt 31 Beiträge
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1. kunst...
jetlag chinaski 20.08.2013
die einen malen ein bild mit öl auf leinwand und nennen es die nachtwache, und heissen rembrandt, die anderen fotografieren einen pulli weil er gerade aussieht wie ein gorilla, beide nennen es kunst... rembrandt ist in der falschen zeit geboren worden. das ist kein kommentar.
2. Man darf ja wieder....
ffmfrankfurt 20.08.2013
....nichts sagen, weil es angeblich Kunst ist. Sorry, für so einen visiuellen Schrott (um nicht das andere Wort mit 'sch' am Anfang zu benutzen) fehlt mir jedes Verständnis.
3. Find ich klasse...
bohnensuppe 20.08.2013
...wenn phantasiebegabte Menschen kreativ mit den Dingen des Alltags spielen und solch originelle Dinge dabei rauskommen.
4. Grauenhafter Mist
ctwalt 20.08.2013
Einen Kunststudenten der auch nur mit einem solchen Bild in seiner mape aufläuft, würde man teeren und federn. Abfotografierte Zeitungsbildchen! Kunst ist anders
5. Mir wären solche Fotos peinlich
Wamaeno 20.08.2013
Das ist weder Kunst, noch sieht es gut aus. Kinder machen solche Fotos vielleicht, auf einem ähnlichen Niveau. Warum man deshalb gleich einen Artikel über eine vermeintliche Künstlerin schreiben muss, der dazu noch stilistisch überhaupt nicht ansprechend ist...
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