Frauenkirchen-Weihe: "Ich bin überwältigt"

Tausende Dresdner und Ehrengäste haben die wieder aufgebaute Frauenkirche im Zentrum der Stadt gefeiert. In einer bewegenden Zeremonie wurde das Gotteshaus geweiht.

Dresden - In einer feierlichen Prozession zogen die 34 Mitwirkenden des Gottesdienstes mit dem Bischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens, Jochen Bohl, an der Spitze und unter dem Geläut aller acht Glocken in das Gotteshaus ein. Dort hatten bereits 1800 Festgäste, unter ihnen Bundespräsident Horst Köhler, Bundeskanzler Gerhard Schröder, seine designierte Nachfolgerin Angela Merkel (CDU), die früheren Bundespräsidenten Roman Herzog, Johannes Rau und Richard von Weizsäcker sowie der Herzog von Kent Platz genommen.

Frauenkirche in Dresden: "Was hier in Dresden erreicht wurde, sollte Deutschland insgesamt Mut machen"
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Frauenkirche in Dresden: "Was hier in Dresden erreicht wurde, sollte Deutschland insgesamt Mut machen"

Begleitet wurde die Prozession von Schülern der Internationalen Schule Dresden. Sie trugen das Nagelkreuz, ein Geschenk aus Coventry, Leuchter und Kerzen, die Bibel, den Abendmahlskelch und eine Brotschale sowie die Taufkanne und die Taufschale in die Kirche. Im Mittelpunkt des Gottesdienstes standen die Weihehandlungen für die Kanzel, den Taufstein, den Altar, die Orgel und schließlich für die ganze Kirche. Sie wurden von Bischof Jochen Bohl und seinen Amtsvorgängern Johannes Hempel und Volker Kreß vorgenommen.

Bundespräsident Köhler würdigte den Wiederaufbau der Frauenkirche als gesamtdeutsche Leistung. "Was hier in Dresden erreicht wurde, sollte Deutschland insgesamt Mut machen", sagte Köhler in seiner Ansprache nach der Weihe des Gotteshauses. Er erinnerte an einen Ausspruch des Gerhart Hauptmann, der 1945 gesagt hatte: "Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens." Dem sei 60 Jahre später hinzuzufügen: "Wer die Zuversicht verloren hat, der gewinnt sie wieder beim Anblick der wiedererstandenen Frauenkirche."

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Frauenkirche 30.10.2005: Die Weihe eines Wunderwerks

Dies könne "viel sagen in einer Zeit, in der viele Menschen Sorgen, auch Angst vor der Zukunft haben", betonte Köhler. Nach Ansicht des Bundespräsidenten steht die Frauenkirche für die Kraft der Versöhnung. Das Bauwerk verbinde Menschen weltweit. "Die Dresdner Frauenkirche kann uns Kraft geben, uns gemeinsam und grenzenlos noch stärker für Frieden und Versöhnung einzusetzen." Zugleich dankte Köhler allen, die am Wiederaufbau beteiligt waren.

Die Weihe der Dresdner Frauenkirche hat auch die anderen Ehrengäste aus aller Welt sichtlich bewegt. "Ich bin überwältigt von der Schönheit des Bauwerkes", sagte der Herzog von Kent, der als Vertreter des englischen Königshauses nach Dresden gekommen war, im Anschluss an die Zeremonie. Die Kirche sei durch die Gewalt des Krieges zerstört worden. Heute stehe sie für Versöhnung zwischen ehemaligen Feinden.

Der US-Botschafter in Deutschland, William R. Timken, bezeichnete den Wiederaufbau des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Gotteshauses als "fantastische Leitung". Die ganze Welt habe sich für die Frauenkirche interessiert. Sie gebe ein ein "Beispiel für das, was die Menschheit bewirken kann, wenn sie es richtig anpackt".

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Frauenkirche: Die Krone Dresdens

Für die designierte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist die Frauenkirche eine "wunderbare Erfahrung, was Menschen schaffen können". "Mein Eindruck ist überwältigend." Der Wiederaufbau sei zugleich ein Signal für die deutsch-britische Freundschaft und die Versöhnung. Das Vorhaben des Wiederaufbaus habe viel Zustimmung erfahren. Das sollte Deutschland weitergeben an Völker, denen es noch nicht so gut gehe.

Die Frauenkirche wurde nach den Plänen des Baumeisters George Bähr im Jahre 1743 vollendet und prägte mit ihrer imposanten Steinkuppel rund 200 Jahre die Silhouette Dresdens. Nach den alliierten Luftangriffen auf die Stadt im Februar 1945 sank die Kirche ausgebrannt in sich zusammen. Fast 48 Jahre lang mahnte ihre Ruine am Dresdner Neumarkt an die Schrecken des Krieges. Im Mai 1994 begann der spektakuläre Aufbau unter teilweiser Verwendung von Originalsteinen. Die reinen Baukosten liegen bei 131 Millionen Euro.

Anlässlich der Weihe der Frauenkirche und den noch bis Dienstag andauernden Feierlichkeiten wurden insgesamt weit über 100.000 Besucher in der Stadt erwartet. Neben einem "Fest der Freude" unter freiem Himmel waren am Sonntagabend ein Ökumenischer Festgottesdienst unter Leitung des Bischofs von Coventry und erstmals ein Orgelkonzert geplant.

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