Sicherheitstraining für Nachwuchs-Freerider Nie ohne Piepser und Schaufel

Freeriden ist besonders bei Jugendlichen beliebt - aber auch gefährlich, wenn Lawinen drohen. In Spezialkursen lernen Teilnehmer, wie man sich sicher im Gelände abseits der Piste bewegt.

Frederik Jötten

Es ist 10 Uhr am Morgen, als Paul Pöcher das Problem auf den Punkt bringt. "Das Freeriden wäre schon viel lässiger, wenn es die Lawinen nicht gäbe", sagt er. Doch leider gibt es sie - und deswegen steht der 33-jährige Bergführer jetzt mit seinen Ski-Schülern in einem steilen Hang über Zürs am Arlberg, 50 Meter neben der Piste.

Über ihm fünf Jungen zwischen 14 und 16, einer mit dem Snowboard, der Rest Skifahrer. Sie sind gekommen, um von Pöcher zu lernen, wie man sich abseits der präparierten Pisten verhält. Alle wurden mit Sicherheitsausrüstung ausgestattet, ohne die niemand ins Gelände sollte - ein Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS-Gerät) hat jeder am Körper, eine Schaufel und eine Sonde im Rucksack.

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Training für Freerider: Suchen, stochern, schaufeln

"Bevor ihr ins Gelände geht, checkt immer auf der Website des Lawinenwarndienstes die Lawinenwarnstufe", sagt Pöcher. "Heute ist die Gefahr mäßig, Stufe 2 von 5." Deshalb kann die Gruppe ungefährdet im Steilhang stehen. Dann fährt Pöcher vor - und die Jungs folgen, einer nach dem anderen - mit Abstand ziehen sie ihre Spuren im staubenden Schnee.

Unten wartet der Bergführer, blickt zurück auf den gerade befahrenen Hang. "Wäre der jetzt schon sicher, alleine wegen der vielen Spuren im Hang?", fragt er. "Vielleicht hat sich der Schnee schon gesetzt dadurch?", vermutet Jonas. "Nein, wenn noch einzelne Spuren zu erkennen sind, dann kann man noch nicht von einem sicher gesetzten Hang sprechen", sagt Pöcher.

Super zum Sharen

"Freeriden" hieß früher "Tiefschnee-Fahren" und ist seit Jahren ungebrochen der Trendwintersport. "Freeriden ist gerade bei der Jugend extrem beliebt", sagt auch Simon Wohlgenannt, 33, Skiführer aus Schruns, Österreich, der seit Jahren Trainings speziell für Jugendliche anbietet. "Die eigene Linie in den Schnee zu ziehen, ist für viele die ultimative Selbstverwirklichung - und die Bilder lassen sich super in den sozialen Netzwerken teilen."

Das zeigt sich allerdings auch in der Unfallstatistik. "In keiner anderen Bergsportart haben die 11- bis 20-Jährigen einen derart hohen Anteil an der Zahl der Unfälle", sagt Karl Gabl, Präsident des Österreichischen Kuratoriums für Alpine Sicherheit.

Die Organisation führt Unfallstatistiken für das Land, in dem die Deutschen die meisten Skitage verbringen. "Allerdings liegen die Zahlen für den vergangenen Winter 31 Prozent unter dem Mittelwert der letzten zehn Jahre." Möglicherweise eine Folge verstärkter Bemühungen, der Jugend Wissen über die Gefahren abseits der Pisten beizubringen.

Sturz an einer Felsplatte

An der Bergstation der Schindlergratbahn schlägt Trainer Pöcher jetzt eine andere Richtung ein - zu einer reinen Geländeabfahrt. Zunächst geht es in einen Couloirs, ein abwärts führendes Tälchen zwischen Felsrücken. Zum Schwingen muss das etwa fünf Meter breite Schneeband dazwischen reichen. Pöcher wartet hinter einem großen Felsen auf die Gruppe. "Warum ist hier ein guter Sammelplatz?", fragt er. "Weil wir hinter dem Felsen geschützt wären vor einer Lawine", sagt Jonas richtig.

Pöcher nickt, es geht weiter - und dann ist die Lawine plötzlich da. Eine, die schon abgegangen ist, ein Schneehaufen in einer Talsohle. "Lawinenwarnstufe 2 besagt nicht, dass es keine Lawine geben kann", sagt Pöcher. "Aber diese hier war nicht gefährlich, die hätte niemanden begraben können." Er legt den Skistock auf den Boden, misst mit dem Handy, beziehungsweise mit einer App, die Hangneigung - 33 Grad. "Bei erheblicher Lawinengefahr vermindert man sein Risiko, indem man keine Hänge mit mehr als 30 Grad Neigung fährt", sagt er.

Weiter geht die Fahrt. Plötzlich schaut eine Felsplatte heraus, ein Junge bleibt hängen, verliert seinen Ski. Als er ihn wieder am Fuß hat und bei der Gruppe ist, sagt Jonas zerknirscht: "Das war auch unsere Schuld, wir hätten vor dem Stein warnen müssen." Macht das Fahren neben der Piste so besonnen? Die Jugendlichen im Kurs jedenfalls sind konzentriert, nehmen aufeinander Rücksicht, und nur selten zückt einer von ihnen ein Handy.

Im Notfall muss es schnell gehen

Der größte Anbieter von Jugendkursen ist freeridecamps.at, ein eingetragener Verein, den Freerider vor acht Jahren gegründet haben, um den Nachwuchs vor Risiken zu schützen. Mithilfe von Sponsoren bietet er kostenlose Trainings an, die auch für deutsche Teilnehmer offen sind. Der Deutsche Alpenverein hat zu diesem Winter die Initiative "Check your risk" auf den Weg gebracht - Schulklassen können sich dabei für Freeride-Beratungen anmelden. Ein praktischer Teil kostet allerdings 300 Euro pro Wochenende.

Gratis ist dagegen der Kurs, den Paul Pöcher leitet, jeweils zu Anfang der Wintersportsaison im Rahmen der Snow-Saftety-Conference in Zürs. Der Arlberg ist eines der bekanntesten Freeride-Reviere weltweit. In der Skischule Lech-Zürs gibt es deshalb wöchentlich Tiefschneetrainings für Kids.

Nach der Mittagspause: Pöcher und die Jugendlichen üben den Ernstfall. Wie findet man einen Verschütteten? Der Bergführer vergräbt ein LVS-Gerät , die Jungs drehen ihm den Rücken zu, um nicht zu sehen wo. Jonas meldet sich freiwillig zum Suchen, stellt sein LVS-Gerät auf den Modus "Suchen" und rennt über den Bereich, den Pöcher als Lawinenkegel markiert hat. Wenn jemand verschüttet ist, muss es schnell gehen.

Bei Menschen, die länger als 15 Minuten unter dem Schnee liegen, sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit rapide. Jonas läuft, folgt dem Pfeil auf dem Display seines LVS-Geräts. Dann fällt er auf die Knie in den Schnee. Das Gerät piepst laut, er stochert mit der Sonde im Schnee. "Hier", ruft er. Kilian und Elia sind ihm gefolgt, mit Schaufeln fangen sie an mit Eifer zu graben - nach 3,5 Minuten hält Jonas das versteckte Gerät in der Hand.

"Super! Gut gemacht, Jungs!", lobt Pölzer. Freeriden wäre zwar lässiger ohne Lawinen, aber schon das Training kann Spaß machen.

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