Friedensmission im Eis "Die nächste Hürde ist immer die schwerste"

Nach neun Monaten Vorbereitung ist es so weit: An Neujahr stechen die vier Israelis und vier Palästinenser der „Breaking the Ice“ Friedensmission in See. In 35 Tagen wollen sie einen Berg in der Antarktis erreichen. Bei SPIEGEL ONLINE können Sie durch die neuesten Eintragungen aus dem Tagebuch der Crew das Abenteuer im Eis verfolgen.


Mittwoch, 31. Dezember



Die ersten Hürden gibt es bei der Anreise: Als erster Expeditionsteilnehmer macht sich Suleiman al-Khatib auf den Weg nach Südamerika. Drei Tage bevor die anderen Teilnehmer Israel über den Flughafen von Tel Aviv verlassen, reist er vom Westjordanland nach Amman, Jordanien, um von dort über Spanien nach Südamerika zu fliegen. Von Tel Aviv kann er nicht fliegen, ihm fehlt die dafür erforderliche Genehmigung. Suleiman hat Glück: Am Tag nach seiner Abreise wird im Westjordanland eine Ausgangssperre verhängt. Hätte er den Flug am Samstag von Tel Aviv aus nehmen wollen, wäre er in der West Bank stecken geblieben. Am Samstagabend trifft er die anderen Teilnehmer auf dem Flughafen von Madrid.

Während Suleiman in Madrid auf die Gruppe wartet, ist Nasser Quass noch in Kairo. Anfang vergangener Woche, am 22. Dezember, wurde der ägyptische Außenminister Maher bei einem Besuch des Tempelbergs von aufgebrachten Palästinensern beschimpft und beleidigt. Nasser gehört zur palästinensischen Delegation, die im Namen Arafats bei einem Besuch in der ägyptischen Hauptstadt die Wogen glätten soll. Wir fragen uns: Wird Nasser es schaffen, noch rechtzeitig vor Expeditionsbeginn am 1. Januar in Chile zu sein?

Und noch etwas sorgt an diesem Reisewochenende für Nervosität: Nasser hat eine Reihe anonymer Drohungen erhalten, die ihn davor warnen, an der Expedition teilzunehmen. Die Drohungen betreffen seine gesamte Familie. Er ist höchst beunruhigt, vor allem weil die Expedition ihn für fünf Wochen von seiner Familie trennt. Wie wird er mit diesen Drohungen umgehen, wenn er in der Antarktis ist und keinen Kontakt zu seiner Familie hat? Gleichzeitig kann er diesen Drohungen seiner Meinung nach nicht nachgeben, weil dies Schwäche zeigen würde - er muss es darauf ankommen lassen und hoffen, dass die Kampfverbände seine Familie in Ruhe lassen.

Als Nasser am Montagabend in Punta Arenas, Chile, eintrifft, ist das Team erleichtert. Die Gruppe wächst schon im Vorfeld der Expedition durch die gemeinsam überwundenen Hürden zusammen.

Eine Reihe ganz anderer Hindernisse ist ebenfalls noch vor Beginn der Expedition zu überwinden. Seit Sonntag wird die aus Deutschland mitgebrachte Übertragungstechnik getestet. Bilder, Texte, Videomaterial werden per Satellitenkommunikation von Punta Arenas, nach Frankfurt übertragen und dort per Eutelsat für Fernsehsender bereitgestellt.

Unser Satellitentechniker Tony Robinson hat als Freiberufler in den vergangenen Jahren in all jenen Krisengebieten gearbeitet, in denen Nachrichtensender auf Satellitenverbindungen angewiesen sind. In der Woche vor Weihnachten aus Afghanistan zurückgekehrt, ist die Expedition für ihn kein normaler Job: "So schnell komme ich sonst nicht in die Antarktis - außerdem es ist ein Projekt, das man unterstützen sollte. Und: ich kann es mit meinem Knowhow tun."

Vielleicht ist das der Grund, weshalb die Expeditionsteilnehmer ein derart bunter Haufen sind. Die Crew ist international: Neben Tony sind drei weitere Engländer dabei Profisegler, die uns Laien einweisen. Zwei französische Bergführer, ein Kapitän aus den USA, ein deutscher Fernsehmacher unterstützen das israelisch-palästinensische "Breaking the Ice"-Team. Weiterhin sind vier Israelis vor Ort - ein Arzt, ein Journalist, ein Kameramann mitsamt Assistent.

Die 20 Personen kommen auf rund anderthalb Tonnen Gepäck - und dabei ist die auf den Booten gebunkerte Verpflegung und Spezialkleidung nicht mitgerechnet. Allein knapp 300 Kilogramm Technik braucht die Übertragung von Bild und Ton während der Reise. Videotelefone mitsamt Satellitenübertragungstechnik, Laptops, Kameras und Camcorder und vieles mehr müssen offiziell mit Carnets und so genannten Nämlichkeitserklärungen eingeführt werden. Allein der Generator zur Stromerzeugung wiegt über 20 Kilogramm, den Sprit nicht eingerechnet. Aus Sicherheitsgründen ist die gesamte technische Ausrüstung in zweifacher Ausfertigung dabei - denn wo soll man in der Antarktis einen Laptop oder eine Kamera reparieren?

Die Vorbereitungen zur Expedition laufen auf Hochtouren. Dabei wird jetzt schon deutlich, dass die gesamte Expedition einer inneren Logik folgt, die dem Thema von "Breaking the Ice" entspricht: Menschen kommen einander näher und lernen, Grenzen und Vorurteile zu überwinden, wenn sie in "extremen" Situationen aufeinander angewiesen sind.

Allerdings: Gefragt ist ein langer Atem - und ein hochseefester Magen. Morgen, am1. Januar, beginnt die Expedition mit der Überquerung der als Seglergrab berühmt-berüchtigten Drake-Passage. Die nächste Hürde ist immer die schwerste."

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