G8-Dampfzug "Molli" Klimasünder nebelt Heiligendamm ein

Da hilft auch die Extraportion Industrialisierungs-Charme nichts: Die Dampflok "Molli", die Journalisten zum G8-Gipfel transportieren soll, ist ein stinkender Klimasünder aus einer anderen Zeit. Vorbildliches Umweltverhalten sieht anders aus.


Heiligendamm - Drinnen geht es um die Rettung des Weltklimas, draußen zuckelt stampfend und stinkend ein Klimakiller erster Güte durch die idyllische Küstenlandschaft bei Heiligendamm. Der Dampfzug "Molli", der in normalen Zeiten Touristen von Bad Doberan an die nahe Ostsee und während des G-8-Gipfels Journalisten ins Medienzentrum nahe des Tagungshotels bringt, wirkt wie ein Fossil aus einer unschuldigen Zeit der Industrialisierung, als das Wort Umweltschutz noch nicht erfunden war. Zunächst kommen jedoch Journalisten nirgendwo hin - durch die Barrikaden der G8-Gegner ist auch die Bahnstrecke versperrt.

Die Schmalspurbahn aus Kaiser Wilhelms Zeiten legt pro Jahr 78.000 Kilometer zurück und verfeuert dabei 10.000 Tonnen Kohle - nicht gerade ein Ausbund an Energieeffizienz. Lokführer Bernd Pohl schippt die Kohle auf der 15,4 Kilometer langen Strecke höchstpersönlich in den Ofen seiner Dampflok 99.2321-0 aus den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Der beißende Qualm von "Molli" passiert keinen Partikelfilter, bevor er die saubere Meeresluft mit einem schwarzen Schleier garniert.

Die Gipfelteilnehmer können die Rauchfahne von ihrer Hotelanlage aus sehen, wenn sie um einen Kompromiss in der Klimafrage ringen.

US-Präsident George W. Bush wird seiner Gastgeberin Angela Merkel die 1886 eröffnete Schmalspurbahn mit der seltenen Spurweite 900 Millimeter aber kaum als schlechtes Beispiel vorhalten können. Schließlich bläst sein Heimatstaat Texas 670 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Luft und ist damit der weltweit sechstgrößte Klimaschädling.

Dagegen will der CO2-Ausstoß durch die als "technisches Denkmal der Verkehrs- und Produktionsgeschichte" eingetragene "Molli" nicht so recht ins Gewicht fallen. Die liebevoll restaurierte Museumsbahn mit historischen Waggons aus dem frühen 20. Jahrhundert transportiert jedes Jahr 570.000 Reisende zwischen Bad Doberan, Heiligendamm und Kühlungsborn. Die Teilnehmer des G-8-Gpifel werden für eine Fahrt, die ein paar hundert Meter entlang des Sicherheitszauns entlang führt, aber wohl keine Zeit haben.

Von Uwe Gepp, AP



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