Schatzsuche "Folkestone Digs" Gold!

Folkestone wird umgegraben: Ein Künstler aus Berlin hat am Strand des englischen Küstenortes 30 Goldbarren versteckt. Wer einen der wertvollen Klumpen findet, darf ihn behalten.

Stuart Wilson

Von


Sie kommen mit Schaufeln, Harken und Metalldetektoren oder wühlen gleich mit bloßen Händen im Sand: In Folkestone an der Süd-Ost-Küste Englands herrscht derzeit Goldgräberstimmung. Hunderte von Menschen sind auf der Suche nach den Schätzen, die der in Berlin lebende Künstler Michael Sailstorfer hier hat vergraben lassen. 30 Goldbarren gilt es zu heben - wer sie findet, darf sie behalten.

Seit Donnerstagnachmittag wird am Strand des Städtchens in der Grafschaft Kent deshalb wie wild gebuddelt. Die ersten glücklichen Gewinner gibt es schon, vier sollen es bislang sein, schreibt der "Folkestone Herald". Laut "Guardian" hat eine einheimische Familie den ersten Barren geborgen. Die Finder ziehen es aber vor, anonym zu bleiben. Angesichts des offensichtlichen Ansturms wohl eine weise Entscheidung: Viele andere sind noch immer auf der Suche.

250 bis 500 Pfund sollen die 24-Karat-Goldbarren jeweils wert sein, die das Fieber ausgelöst haben, umgerechnet maximal etwa 630 Euro. 10.000 Pfund betrug das Budget insgesamt, das Künstler Sailstorfer zur Realisierung seiner Idee zur Verfügung stand. Finanziert wurde das Projekt von der "Folkestone Triennial", einer Kunstausstellung, die seit 2002 alle drei Jahre in dem Ort stattfindet.

Den Künstler interessiert, was eine solche Nachricht auslöst

Dass die aktuelle, noch bis November andauernde Schau mit einer Schatzsuche eingeläutet wird, wurde erst am Donnerstag verraten, die Barren in der Nacht zuvor vergraben. Jeweils einen Meter unter der Erde sind sie im Sand versteckt - neben rund tausend Unterlegscheiben, die der Verwirrung professioneller, mit Metalldetektoren ausgestatteter Schatzsucher dienen sollen.

Sailstorfer war von dem Kunstverein "Situations" zur Teilnahme eingeladen worden. Vor einem Jahr habe er "Folkestone Digs" vorgeschlagen, sagt der 29-Jährige. Von dem derzeitigen Trubel um sein Gold bekommt er selbst gerade allerdings nur wenig und aus der Ferne mit: Weil er in den Vorbereitungen für seine nächste Ausstellung steckt, ist er derzeit zu Hause, in Berlin.

"Mich hat interessiert, wie sich eine Hafenstadt wie Folkestone durch so eine Aktion verändert", sagt er, "und was allein eine solche Nachricht auslösen kann." Die Gier der Menschen, der plötzliche Trubel in der Stadt, die Hoffnung auf einen Schatz - was der Ruf als Goldgräberstadt eben so mitbringt, den Folkestone auf einmal und innerhalb weniger Stunden bekommen hat. Und dann ist da noch das Gegenständliche, das den Künstler reizt: was das Graben mit dem Strand macht.

Goldgräber an einem Ort, an dem sonst nur Kinder Schätze suchen

"Bei allen meinen Arbeiten geht es um Skulpturen", sagt Sailstorfer, "und um die Frage, was eine Skulptur sein kann." Der ehemals flache Strand verändert sich durch die Schatzsuche, er wird zu einer "Mondlandschaft", wie der Künstler es nennt. Im Grunde sei "Folkestone Digs" deshalb vor allem auch ein Land-Art-Experiment, an einem Ort, an dem sonst nur Kinder nach Schätzen graben. Und dann ist da ja auch noch das Meer, das am Ende doch alle Spuren wegspült, so tief sie auch gewesen sein mögen.

Rachel Kinchin, eine "Situations"-Sprecherin, die gerade in Folkestone ist, erzählt, dass der Strand am Ende des ersten Tages ausgesehen hätte "wie eine archäologische Grube". Aber als sie am Morgen zurückkehrte, "hatte die Flut ihre Arbeit verrichtet, und der Sand war wieder wunderbar flach". Schon um 6 Uhr morgens änderte sich das dann allerdings schon wieder - denn dann waren die ersten Gräber zurück. "Kent Online" berichtet von einem "massiven Goldrausch" und "Hunderten von Schatzsuchern", die hier wohl noch länger buddeln werden.

Ob überhaupt jemals alle Goldbarren gefunden werden? "Das werden wir wohl nie erfahren", sagt Sailstorfer - für ihn ist das ein weiterer Reiz. 2009 hat er schon mal ein ähnliches Projekt realisiert, damals in Deutschland, "und daraus ist fast ein Mythos entstanden". Die 28 Goldbarren, die dafür in Pulheim in Nordrhein-Westfalen vergraben worden waren, waren 10.000 Euro wert. Und obwohl sehr viele Menschen schon zum Start von "Pulheim gräbt" vor fünf Jahren danach suchten, kommen noch immer Goldgräber in den Ort - in der Hoffnung, dass der letzte Schatz noch nicht gehoben ist.

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insgesamt 8 Beiträge
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immerweiterso 30.08.2014
1. Die Dekadenz kennt keine Grenzen mehr
Wirf' dem Volk Brotkrumen hin und ergötze Dich an dem verzweifelten Versuchen, am unermesslichen Reichtum der dekadenten Herrscherklasse teilzunehmen. Widerlich. Gab es nicht erst kürzlich eine ähnliche "Kunstaktion" in Berlin, wo ein Geschäftsmann Bargeld versteckt hat und sogar die Medien an der Suche beteiligt waren? Tja, Brot und Spiele, divide et impera (teile und herrsche). Es läuft immer gleich und wir machen alle mit, oder?
neue_mitte 30.08.2014
2. es wird ja keiner gezwungen mitzumachen
Zitat von immerweitersoWirf' dem Volk Brotkrumen hin und ergötze Dich an dem verzweifelten Versuchen, am unermesslichen Reichtum der dekadenten Herrscherklasse teilzunehmen. Widerlich. Gab es nicht erst kürzlich eine ähnliche "Kunstaktion" in Berlin, wo ein Geschäftsmann Bargeld versteckt hat und sogar die Medien an der Suche beteiligt waren? Tja, Brot und Spiele, divide et impera (teile und herrsche). Es läuft immer gleich und wir machen alle mit, oder?
Stellen Sie sich mal vor: Es ist "Folkstone Digs" und keiner geht hin! Nur die Deppen, die auf solche Aktionen hin dort mitmachen, lassen das ganze überhaupt erst so publik werden. Es ist doch keiner gezwungen, bei diesen "Brot und Spielen" mitzumachen. Nur die innere Gier, das innere Verlangen nach Geld, Geld, Geld führen zum Mitmachen. Wer ist also schuld? Derjenige, der die "Brotkrumen" hinwirft, ohne Deppen aber ziemlich allein und doof dasteht? Oder doch die Deppen, die gierig sich auf das Gold stürzen? Entscheiden Sie selbst.
iasi 30.08.2014
3. Schreib
schon hat man kein Problem mit eventuellen Kritikern. Da kann man dann den größten Mist präsentieren und die niedrigsten Instinkte bedienen und kann dafür Unsummen vergeuden. In ihrer selbstverliebten Dekadenz schwelgende "Kunstliebhaber" liefern sich später dann Bieterwettkämpfe mit den "Kunstexperten" von Institutionen, die den Kunstmarkt mit Steuergeldern überfluten. Es gibt ja schließlich nichts Vernünftigeres, wofür man Ressourcen nutzen könnte.
senfreicher 30.08.2014
4. Ich wette,
er hat nur 29 versteckt.
norman.schnalzger 30.08.2014
5. 250 Pfund?
Da bleib i lieber aufm Sofa und mach mi ned zum Vollpfosten.
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