Hamburg - Hunderte Flüge wurden bereits gestrichen, in Schottland sitzen Tausende Passagiere an Flughäfen fest: Der Ausbruch des isländischen Vulkans Grímsvötn sorgt nicht nur für massive Behinderungen im Reiseverkehr, sondern auch für Ärger bei den Fluggesellschaften.
Wegen der Aschewolke wird es am Mittwochmorgen voraussichtlich Flugverbote in Norddeutschland geben. Am Abend will die Deutsche Flugsicherung (DFS) darüber entscheiden. Eine Sprecherin sagte, die Experten kämen um 18 Uhr zu einer Sitzung zusammen, um Daten auszuwerten. "Dann werden wir sehen, was den Lufträumen bevorsteht, wo welche Bedingungen herrschen und wie hoch die Aschekonzentrationen sind." Eine Entscheidung will die DFS aber nicht vor 22.30 Uhr bekanntgeben.
Die Nachrichtenagentur AFP berichtet unter Berufung auf Informationen aus der Flugbranche, dass am Mittwoch zuerst die Flughäfen in Hamburg und Bremen gesperrt werden sollen, später dann auch die in Berlin und Hannover. Die DFS mochte das bisher nicht bestätigen und verwies auf die offizielle Stellungnahme am späten Abend.
Laut Prognose wird die Wolke gegen 2 Uhr nachts den Norden erreichen, wie ein Sprecher des Deutschen Wetterdiensts (DWD) in Offenbach sagte. Bis voraussichtlich 8 Uhr ziehe sie südlich Richtung Mitte Deutschlands ins nördliche Hessen und ins südliche Brandenburg. Dann steige die Konzentration laut Prognose im Norden auf über zwei Milligramm Vulkanasche pro Kubikmeter Luft.
Zwar hat der Deutsche Wetterdienst keine Entscheidungsgewalt, doch eine teilweise Sperrung des deutschen Luftraums halten auch DWD-Experten für wahrscheinlich. Ab Mitternacht sei damit zu rechnen, dass die Airports in Hamburg und Bremen für Starts und Landungen geschlossen werden müssten. Später werde das Flugverbot vermutlich auf Berlin ausgedehnt werden müssen.
"Wir beobachten die Lage sehr genau", sagte Verkehrsminister Ramsauer (CSU). Dazu stehe ein flächendeckendes Messnetz von 52 Stationen des Deutschen Wetterdienstes in ganz Deutschland bereit. "Außerdem wird ein Messflugzeug starten, das die Aschekonzentration und deren Konsistenz untersucht." Nähere Angaben zu dem Flugzeug machte er zunächst nicht.
Ramsauer hatte am Montag eine sogenannte Allgemeinverfügung in Kraft gesetzt, nach der ein Messwert von zwei Milligramm oder mehr zu einem grundsätzlichen Flugverbot führt, da Schäden an den Flugzeugen, insbesondere an den Triebwerken, nicht ausgeschlossen werden können.
Kritik an Grenzwerten
Die Pilotenvereinigung Cockpit hat das Bundesverkehrsministerium wegen der Grenzwerte für Flugasche kritisiert. Solche Grenzwerte seien zwar sinnvoll, sagte Cockpit-Sprecher Jörg Handwerg am Dienstag den Zeitungen der Essener WAZ-Mediengruppe (Mittwochausgabe). Das Problem sei aber, dass diese Grenzwerte nicht für ganz Europa gelten.
Außerdem stellte Handwerg das Zustandekommen der Grenzwerte in Frage: "Die jetzt geltenden Werte wurden nicht im Test ermittelt." Man habe "konservative Werte zugrunde gelegt, einen Sicherheitspuffer drauf gelegt und ein wenig gerechnet". Auch ein Jahr nach dem Chaos auf den europäischen Flughäfen nach dem Ausbruch des Eyjafjallajökull seien keine "konkreten Tests" zur Ermittlung der Gefahr von Vulkanasche für die Flugzeuge durchgeführt worden. "Die Werte könnten durchaus zu niedrig, aber auch zu hoch angesetzt sein", sagte Handwerg.
Europaweit rechnet die Europäische Flugsicherheitsbehörde Eurocontrol mit rund 500 Flugausfällen am Dienstag. "Das ist eine erste Schätzung, die endgültige Zahl wird von der Bewegung der Wolke abhängen", sagte eine Sprecherin von Eurocontrol am Dienstag in Brüssel.
Die Billigfluggesellschaft Ryanair protestierte gegen die Entscheidung der irischen Behörden, seine Flüge von und nach Edinburgh, Glasgow und Aberdeen aus Sicherheitsgründen abzusagen. Dafür gebe es "keinen Grund", erklärte Ryanair.
Auch die internationale Luftfahrtverband IATA kritisierte den Umgang der britischen Behörden mit der Aschewolke. Es sei "erstaunlich und inakzeptabel", dass die britischen Luftverkehrsbehörden keine eigenen Messungen zu der Asche in der Atmosphäre vornähmen, erklärte der Verband mit Sitz in Genf. Die britische Luftverkehrsbehörde teilte mit, sie verlasse sich auf die Vorhersagen der offiziellen Wetterdienste. IATA-Chef Giovanni Bisignanin sagte, er sei außerdem besorgt über die fehlenden formalen Übereinkommen unter den Einzelstaaten, wie der Luftraum zu sichern sei.
Europaweite Flugausfälle
Bislang sind rund 250 Flüge im britischen Luftraum annulliert worden, weil die Aschepartikel in der Luft Flugzeuge beschädigen könnten. Auch deutsche Fluggesellschaften mussten bereits erste Konsequenzen ziehen.
Nicht nur Flüge nach Schottland und Island sind von der Aschewolke betroffen. International werden Flüge umgeleitet, Verbindungen gestrichen und ganze Flughäfen geschlossen.
Der Grímsvötn war am Dienstag nach Angaben isländischer Experten weiterhin aktiv und schürte die Angst vor neuen Problemen im Luftverkehr - 14 Monaten nach dem Flugchaos, das der isländische Vulkan Eyjafjallajökull ausgelöst hatte. Experten sind sich uneinig darüber, ob mit einer Wiederholung der massiven Behinderungen wie vor einem Jahr zu rechnen ist.
Geophysiker schließt Chaos nicht aus
Der britische Verkehrsminister Philip Hammond erklärte, Großbritannien sei besser auf die Situation vorbereitet als im vergangenen Jahr, als eine Aschewolke aus dem isländischen Vulkan Eyjafjallajökull nach Europa gezogen war und fast einen Monat lang große Teile des europäischen Luftraums geschlossen werden mussten. Millionen Reisende saßen damals fest. Die britische zivile Luftfahrtbehörde CAA erklärte, es gebe inzwischen neue Möglichkeiten, die Konzentration der Asche zu bestimmen.
Nach Meinung des Geophysikers Bernd Zimanowski hingegen könnte der aktuelle Vulkanausbruch in Island ähnliche Auswirkungen im Flugverkehr haben wie der des Eyjafjallajökull im vergangenen Jahr. Die Menge der Asche, die der Vulkan Grímsvötn derzeit ausspucke, sei größer als damals, sagte der Professor an der Universität Würzburg am Dienstag.
Allerdings sei der Ausbruch nicht nur heftiger als der 2010, sondern - weil er in der Umgebung eines großen Gletschersees stattgefunden habe - auch nasser und die Asche dadurch klumpiger, erklärte Zimanowski. Das könne dazu führen, dass weniger feiner Staub in die höheren Luftschichten gelange, wo er den Luftverkehr behindern könnte. Außerdem regne die Asche womöglich früher ab, so dass sich die Wolke nicht so schnell ausbreiten könne.
Ob dieser Effekt am Ende für eine geringere Beeinträchtigung des Luftverkehrs sorgt, bleibe abzuwarten. Auch wie lange der Vulkanausbruch noch dauern werde, sei derzeit noch nicht abzuschätzen, sagte Zimanowski.
700 Feldbetten in Frankfurt
Der Frankfurter Flughafen sieht sich indessen für mögliche Beeinträchtigungen des Flugbetriebs durch die neue Aschewolke aus Island bestens vorbereitet. Um für solche und ähnliche Fälle gewappnet zu sein, habe der Flughafen 700 Feldbetten angeschafft, sagte ein Fraport-Sprecher am Dienstag auf Anfrage. Bevor der Vulkan Eyjafjallajökull vor einem Jahr den Flugverkehr für mehrere Tage lahmgelegt hatte, habe der Flughafen die Feldbetten leihweise organisiert. "Man macht mit jedem Ereignis neue Erfahrungen, die in die Planung einfließen", erklärte er.
Bei Flugausfällen wenden sich die Passagiere normalerweise an die Airlines und bekommen ein Hotelzimmer gestellt, wie der Flughafensprecher weiter sagte. Die Feldbetten seien vor allem für Fluggäste bestimmt, die in Deutschland zwischenlanden und kein Visum für die Einreise haben. Nach dem Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull vor einem Jahr hatten bis zu 800 Passagiere tagelang im Transitbereich festgesessen.
jus/dpa/dapd/Reuters/AFP
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